Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

AOL Cologne - Galerieplattform_DE; Collage Stefan Kobel

19.04.2021 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 16 2021

Endlich gibt es offizielle Zahlen zum deutschen Kunstmarkt! Bereits seit Februar ist der „Spartenbericht Bildende Kunst – 2021“ des Statistischen Bundesamts online. Für den Tagesspiegel vom 17. April hat Christiane Meixner darin gelesen: „Das letzte Kapitel des Spartenberichts über 'Auswirkungen von Covid-19 auf die Kultur- und Kreativwirtschaft“ deutet schon an, dass es 2020 zu massiven Verwerfungen gekommen ist.“ Über den Tag hinaus ist der Bericht jedoch von immenser Bedeutung. Denn trotz lückenhafter Datenlage, die Bericht selbst eingesteht, scheint der deutsche Kunstmarkt deutlich größer zu sein als bisher angenommen: Im „'Einzelhandel mit Kunstgegenständen, Bildern, Briefmarken und Münzen und Geschenken' sowie 'Einzelhandel mit Antiquitäten und antiken Teppichen' gab es 2015 rund 17 100 Steuerpflichtige, davon 80 % in erstgenanntem Wirtschaftszweig. Diese Steuerpflichtigen generierten Umsätze in Höhe von 4,2 Milliarden Euro, wobei 92 % durch den Einzelhandel mit Kunstgegenständen, Bildern usw. erwirtschaftet wurden.“ Damit betrüge der Anteil Deutschlands am Weltmarkt nicht magere zwei oder drei Prozent, wie etwa Clare McAndrew in ihrem Art Market Report für Art Basel und UBS hartnäckig behauptet, sondern aktuell etwa acht Prozent!

Die aktuellen Ausweichbewegungen verschiedener Veranstaltungen zwischen realer und virtueller Welt sowie im Kalender habe ich für Artmagazine.cc zusammengefasst.

Die Artcologne hat Großes vor mit ihrem neuen Online-Portal, dessen Namen ich bei Monopol kritisiere.

7,5 Millionen Euro hat Van Ham mit der Auflösung der Sammlung SØR Rusche in einer ganzen Serie von Auktionen umgesetzt. Das Echo war zwiespältig, wie Christiane Fricke im Handelsblatt bemerkt: „Für einige Künstler wie Alicia Kwade oder Nicola Samorì setzte das Kölner Auktionshaus Rekordpreise, und rund 30 weniger im Rampenlicht stehenden Künstlern ermöglichte es den Einstieg in den Sekundärmarkt, etwa dem Künstlerpaar Secret Stars** oder Johannes Rochhausen. Ein Auktionsdebüt wurde auch Titus Schade, Markus Matthias Krüger und Ruprecht von Kaufmann zuteil. Zu schätzen wussten das nur wenige Künstler. Auch dass sich Rusche wie wenige Sammler für ihre öffentliche Präsentation eingesetzt hat. Aber viele sahen jetzt nur noch die niedrigen, oft deutlich unter den Galeriepreisen angesetzten Taxen, und ihre Werke angesichts wohlfeiler Zuschläge 'verschleudert'.“

Die verschwimmenden Grenzen zwischen Galerie- und Auktionsgeschäft untersuchen Naomi Rea und Kate Brwon von Artnet: „Die Konvergenz zwischen Auktionen und Galerien hat bereits Auswirkungen auf die Transparenz. Während Online-Kunstmessen und Viewing Rooms Galerien dazu ermutigt haben, ihre Preise öffentlich zu machen, haben das gestiegene Volumen und die neuen Formate von Online-Auktionen zu immer undurchsichtigeren veröffentlichten Ergebnissen geführt. Einige fragen sich, ob Auktionshäuser ihr eigenes Geschäftsmodell untergraben könnten, indem sie sich auf Privatverkäufe und andere von den Galerien übernommene Strategien einlassen. Mehrere Experten haben angemerkt, dass selbst Live-Auktionen mit der Allgegenwart von hauseigenen und fremden Garantien kaum mehr als private Verkäufe geworden sind, die theatralisch in der Öffentlichkeit durchgeführt werden.“

Aus der Perspektive von Design und Architektur blickt Aaron Betsky für dezeen auf den NFT-Hype, der seiner Meinung nach außer Umweltschäden bisher nichts Nennenswertes hervorgebracht hat: „Das Problem ist, dass es schwierig ist, solche Bilder als Kunstwerke zu sehen und die Preise zu bezahlen, die für einige verlangt werden. Sicher, sie sind beliebt, aber das gilt auch für Liebesromane, Bilder kartenspielender Hunde und die Designer, die unsere Wohnungen, Büros und Spielplätze mit nutzlosem und hässlichem Mist vollstopfen. Das bedeutet nicht, dass NFTs keine große Zukunft haben - oder keine Entwicklung in dem nebulösen Raum/Zeit-Kontinuum, in dem solche digital-nativen Arbeiten existieren -, sondern dass die ersten Stücke, die unsere kollektive Konsumbühne erreicht haben, den Code nicht wert sind, in dem sie geschrieben sind.“

Einen ähnlichen Ansatz vertritt Jerry Saltz bei Vulture: „Im Moment scheinen die meisten NFTs weniger Zeit in Anspruch genommen zu haben, sie zu machen, als es braucht, sie anzusehen. Aber Künstler sind wie Schamanen, die an den Rändern unserer Dörfer leben, und manchmal kommen sie mit Sachen, die einem den Atem rauben können. Kunst findet einen Weg, fast jedes Material zu besetzen und unter jedem Werkzeug zu glänzen. Bei NFTs ist mein Motto, was es immer ist: Zuerst die Kunst, alles andere kommt danach.“ Letzteres galt bisher bei fast jedem Medienbruch eher für die Pornographie, so bei Druck, Foto, Film und dem Sieg von VHS über Betamax und Video 2000.

Der von Sabrina Weiss für die NZZ vom 13. April aufgezeichnete Blick auf NFTs aus schweizerischer Perspektive trägt bisweilen querdenkerische Züge: „Der eingangs genannte Armin Blasbichler ist einer der Kuratoren beim Elementum-Marktplatz. Er besitzt selbst mehrere hundert Krypto-Kunstwerke, selbstverständlich unter seinem Pseudonym, über das er sagt: 'Man kann nachvollziehen, was es macht, mit wem es interagiert und was es sammelt. Eine Verknüpfung mit meiner Identität in der physischen Welt empfinde ich als Freiheitsentzug.'“

Den oft strapazierten Vergleich des NFT-Hypes mit der Tulpen-Manie des 17. Jahrhunderts denkt hingegen Scott Reyburn für das Art Newspaper detailliert zuende: „Die Möglichkeiten dieser Art von 'Buy-an-NFT, get-real-art-free'-Angebot (Bangraf) sind praktisch endlos, wenn man bedenkt, dass 1 Billion Dollar [kein Übertragungsfehler, tatsächlich sind es aber aktuell knapp 2 Billionen!] an digitalem Geld nach etwas zum Kaufen suchen. Hätte Christie's beispielsweise alle 3.000 analogen Lose, die im Januar und Februar versteigert wurden, mit begleitenden digitalen Token angeboten, die in Ether gekauft werden können, dann hätten sie vielleicht für 4,8 Milliarden Dollar verkauft werden können, anstatt für schlappe 48 Millionen Dollar.“

Wo ein Trog ist, kommen die Schweine. Wie Internetbetrüger diverse NFT-Plattformen und ihre Nutzer angreifen, berichten Lawrence Abrams bei Bleepingcomputer und Arimash Garimella bei Bolster (Teil 1 und Teil 2).

Wer übrigens immer noch denkt, das mit dem CO2 und den NFTs wäre gar nicht so schlimm, kann sich hier einen regelmäßig aktualisierten Überblick verschaffen. Da erledigt sich auch das Argument, NFTs machten ja nur einen Bruchteil des gesamten Blockchain-Klimaverbrechens aus.

Traurig, aber möglicherweise korrekt, ist die Analyse des Marktphänomens Damien Hirst, die Melanie Gerlis im Art Newspaper anstellt: „Hirst ist überrepräsentiert, produziert zu viel und wird zu viel gehandelt, aber in einer unsicheren Welt kann Allgegenwärtigkeit durchaus eine sichere Wette auf den Markt darstellen.“

Die Restitution eines Gemäldes von Heinrich Campendonk mit anschließendem Rückkauf durch das Leopold Hoesch-Museum in Düren kritisiert der Berliner Anwalt Ludwig von Pufendorf. Christiane Fricke schildert den Fall im Handelsblatt: „Von Pufendorf kämpft unterdessen weiter gegen eine Restitutionspraxis, die sich seiner Ansicht nach über Erkenntnisse hinwegsetzt, die deutlich gegen eine Rückgabe sprechen. Da das Bild nicht verfolgungsbedingt nach Köln gelangt sei und nach dem Zusammenbruch von 1945 noch vorhanden gewesen wäre, könnte sich an der öffentlichen Eigentümerschaft nichts geändert haben. Für ihn besteht angesichts der Vorgehensweise in Düren der dringende Verdacht, dass dort „unter Veruntreuung öffentlicher Gelder widerrechtlich restituiert“ wurde.“

Die sage und schreibe 13. Galerie eröffnet Hauser & Wirth am 19. Juni in Monaco mit einer Louise Bourgeois-Ausstellung, meldet Maximiliano Durón bei Artnews. Mit Somerset, Chillida Leku und Menorca (Eröffnung im Sommer) kommt das Imperium auf 16 Standorte.

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