Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Youtube Live-Video zur Eröffnung der Interconti Wien

01.02.2021 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 5 2021

Wenn Ende Mai der Messezirkus mit der Art Basel Hong Kong als Testballon so langsam wieder Fahrt aufnimmt, könnte der Kunstmarkt ein anderer sein, wenn Johann Königs Interview mit Thomas Tuma im Handelsblatt ein Indikator ist: „Galerien, die nicht in den Metropolregionen zu Hause sind, haben auf Messen wenigstens die Chance, dass die Nachfrage quasi im Vorbeigehen ihr Angebot kauft. Für uns war Corona da eher ein Segen. Man kam ja gar nicht mehr richtig zum Art Consulting, sondern war das halbe Jahr unterwegs von einer Messe zur nächsten und schleppte immer neue Kunst in die Welt. Wirtschaftlich war das zwar erfolgreich. Aber nicht nur unter Aspekten von Umweltschutz, Nachhaltigkeit oder Zeitmanagement waren sie auch ein Desaster. Jetzt haben wir sehr viel mehr Zeit für das Beraten von Sammlungen.“

Dem Vermittlungsmodell Kunstmesse attestiert Ingo Arend in der Süddeutschen Zeitung Systemrelevanz trotz einiger Schwächen: „Ersetzen kann die erzwungene Digitalisierung das analoge Messegeschäft nicht, darin sind sich fast alle einig. Nicht nur wegen der fehlenden Aura realer Objekte im Raum. Sondern auch, so Kristian Jarmuschek, 'weil es im Internet keinen Suchbegriff „junge, verheißungsvolle Kunst“ gibt'. Dem Berliner schweben digitale Plattformen für Entdeckungen vor, die eigentlich nur analog zu machen sind. 'Das Desaster ist ja auch', sekundiert der Avantgarde-Promoter [Christian] Nagel, dass es im Zuge der Krise 'fast unmöglich wird, Konzept- und postkonzeptuelle Kunst zu vermarkten.' Nagel prophezeit auch eine 'schwächere Gesellschaft' als Folge der Pandemie. Wer in der Pandemie Bildungseinbußen erleidet, dürfte sich später weniger leicht dazu entschließen, Kunstsammler zu werden. Ein alternatives Modell der Distribution von Kunst schält sich aus diesen vielen verschiedenen Experimenten indes noch nicht heraus.“

Die neuen Termine für Art Basel, Cologne und Düsseldorf sowie die Tefaf habe ich für das Handelsblatt zusammengetragen.

Von der Interconti Wien, die von der Presse in der aktuellen Saure Gurken-Zeit Vorschusslorbeeren sichern konnte, ist Michael Huber vom Kurier ganz angetan: „Natürlich hat ein persönlicher Rundgang mit Kunstschaffenden oder Kuratoren noch immer eine andere Atmosphäre - aber die Interconti-Seite kommt der Erfahrung zumindest insofern näher, als sie eine zeitliche Achse des Erlebens einführt und neben nüchternen Kunstabbildungen auch die Perspektivwechsel und Erläuterungen einbindet, die einem auf einer 'realen' Messe vielleicht von Galeriemitarbeiterinnen zugeflüstert würden.“

Mehr Publikum hätte Werner Remm vom Artmagazine den virtuellen Veranstaltungen der Interconti gewünscht: „Das war zu Beginn der Pandemie, vor knapp einem Jahr noch durchaus aufregend, noch im weiteren Verlauf, zeigten sich gewisse Ermüdungserscheinungen bei den angesprochenen Kunstsamler*innen, beim fast immer gleichen Durchklicken sich ähnelnder Online-Viewing-Rooms. In Wien versucht man dies mit den Videos zu umgehen, die ein wenig das Wandern zwischen den Vitrinen und ein Gespräch mit Galerist*in oder Künstler*in simulieren sollen. Das hat den Vorteil, dass man sich als Publikum gemütlich zurücklehnen kann, anstatt zu klein layoutierte Info-Texte auf dem Smartphone entziffern zu müssen. Es bringt aber auch einen gewissen Ermüdungseffekt, durch das weitgehend ähnlich ablaufende Schnittmuster der einzelnen Videosequenzen.“

Mit der I-54 hat in Paris tatsächlich eine richtige Messe stattgefunden, allerdings nur mit dem zugelassenen Maximum von 1.750 Besuchern über die gesamte Laufzeit, wie Rebecca Anne Proctor im Ocula Magazine berichtet. Olga Grimm-Weissert hat die Live-Veranstaltung für das Handelsblatt besucht: „Es war vorauszusehen, dass die Ausgabe der '1–54' in Marrakesch pandemiebedingt in diesem Jahr unmöglich ist. Daher bot Christie’s Vorstandsvorsitzender, Guillaume Cerutti, der Gründerin und Leiterin der Messe, Touria El Glaoui gratis nicht nur die Ausstellungssäle von Christie’s Paris an. Auch die digitale Infrastruktur von Christie’s durfte für eine online laufende Parallelmesse genutzt werden […] Gleich zur Eröffnung am Mittwochvormittag verzeichnete man kommerzielle Erfolge. Touria El Glaoui hatte mit der Kundenkartei von Christie’s gerechnet, das Auktionshaus mit den Adressen der internationalen Sammlergemeinde von 1–54. Die Verkäufe sichern das Überleben einiger Aussteller, deren Existenz durch die Pandemie bedroht ist.“

Ob Frankreich dem Vereinigten Königreich sogar den Rang als führender Kunstmarktstandort in Europa streitig machen könnet, fragt Georgina Adam im Art Newspaper. Ihre Antwort lautet: vielleicht.

Die Krone im Bereich der Alten Meister scheint zumindest schon von London nach New York gewechselt zu sein, wie en passant Colin Gleadells Bericht bei Artnews von der dortigen Old Masters-Auktion zu entnehmen ist. Etwas umständlich und nur indirekt macht Barbara Kutscher im Handelsblatt darauf aufmerksam, dass für Sandro Botticellis Portrait eines jungen Mannes mit 80 Millionen Dollar netto gerade eben die untere Grenze der im Vorfeld mindestens erwarteten Summe bewilligt wurde.

Wie Blockchain und Kunstmarkt zusammengehen, erklärt ausnahms- und erfreulicherweise endlich einmal allgemeinverständlich Georgina Adam im Art Newspaper: „Wenn Sie ein Non-Fungible [nicht replizierbares] Token kaufen, erwerben Sie ein Token und das damit verbundene Kunstwerk. Die Transaktion wird auf der Blockchain, einer dezentralen Datenbank, registriert. Das Kunstwerk kann ein Unikat sein (wie beim Alice-Stück) oder in Editionen vorliegen (wie bei den Schachter-Stücken), aber jedes Token ist einmalig. Der Kauf des NFT, der in der Blockchain registriert ist, stellt eine dauerhafte Aufzeichnung dieses Kaufs dar und liefert einen Eigentumsnachweis. Sie können es auf Ihrem Computer oder Fernseher anzeigen, ausdrucken oder weiterverkaufen. Während jeder ein Bild aus dem Internet ausdrucken oder anzeigen kann, gehört ihm dieses Bild nicht und er kann es nicht handeln, daher schützen NFTs die Urheberschaft des Künstlers und ermöglichen einen Sekundärmarkt.“ Zudem erhalte der Künstler bei jedem Weiterverkauf seines Werks eine kleine Tantieme.

Anhänger von FDP und Die Linke scheinen sich in einem Punkt einig zu sein: der Systemrelevanz von Kultur. So berichtet Monopol: „Aus der Umfrage geht außerdem hervor, dass vor allem Anhänger der Parteien die Linke (61,9 Prozent) und FDP (61,7 Prozent) die genannten Orte für besonders bedeutsam halten, Teilnehmende, die angaben, bei der nächsten Bundestagswahl die CDU/CSU (39,7 Prozent) oder die AfD (48 Prozent) wählen zu wollen, stimmten der Aussage, Museen seien systemrelevant, am seltensten zu.“

Deutlich größer als die Automobil- oder Telekommunikationsindustrie sei der Bereich Kunst und Kultur, laute das Fazit einer Studie von Ernst & Young, die Catrin Lorch für die Süddeutsche Zeitung gelesen hat: „Nach den zurückliegenden Monaten, in denen in Deutschland kulturelle Einrichtungen darum kämpfen mussten, dem Bildungs- und weniger dem Freizeitbereich zugeschlagen zu werden, hat diese Wertanalyse etwas Bestärkendes. Die Studie belegt, dass Politiker, die in Kultur investieren, mittels Subventionen oder wirtschaftlicher Hilfen, nicht in Freizeitspaß Geld versenken, sondern einem bedeutenden Wirtschaftsbereich durch die Krise helfen.“

Und am Ende gewinnt immer Larry. In einer überraschenden Entscheidung habe der Oberste Gerichtshof Österreichs den Nachlass Franz Wests nun doch der Schwester des 2012 verstorbenen Künstlers zugesprochen, berichtet Michael Huber im Kurier aus Wien: „'Mit der Entscheidung des OGH und dank meiner Mutter können wir seinem Willen und Wollen demnächst auch wieder voll und ganz nachkommen. Der gesamte Stiftungsvorstand ist glücklich darüber, dass er sich endlich auf seine eigentliche Aufgabe konzentrieren kann“, wird Roland Grassberger, Neffe von Franz West und Vorstand der Stiftung, in der Aussendung zitiert.“ Bei der genannten Institution handelt es um eine „im Umfeld des internationalen Galerie-Giganten Gagosian und des Wiener Anwalts und Auktionshausbesitzers Ernst Ploil (Im Kinsky) gegründete Stiftung“, wie Almuth Spiegler 2017 in der Wiener Presse schrieb.

Wenn die großen Auktionshäuser mit ihren private sales immer mehr auf das Gebiet der Galerien drängen, könnte der Kunsthandel die Versteigerer doch auch mit deren eigenen Waffen zu schlagen versuchen, regt der ehemalige Auktionator Simon de Pury bei Artnet an: „Wenn Sie 30 Werke und eine Liste mit 100 Sammlern haben, die eines kaufen möchten, wird es 70 Sammler geben, die enttäuscht weggehen. Diese überragende Nachfrage wird unweigerlich einige der 'seriösen' Sammler, die von der Galerie ausgewählt wurden, dazu ermutigen, ihre jüngsten Erwerbungen zur Auktion zu stellen. Das erklärt die großen Preisspitzen, die sehr schnell auftreten können. Die Künstler selbst profitieren finanziell nicht direkt von diesen manchmal beträchtlichen Preissteigerungen. Aber sie könnten es - wenn ihre Galerien sich dafür entscheiden würden, einen Teil ihrer neuen Werke auf Auktionen zu verkaufen. [...] Die Kundendatenbank der großen Galerien ist genauso gut wie die der Auktionshäuser, so dass sie genauso gut in der Lage wären, Weltrekordpreise für die von ihnen vertretenen Künstler zu erzielen.“ Das würde heiß gehandelten Newcomern zumindest die Spekulationsspitzen der Flip Art vermeiden, und die Künstler hätten selbst etwas von den exorbitanten Preisen, da die Galerie im beim Erstverkauf den Erlös mit ihnen teilt, während auf dem Sekundärmarktplatz Auktionshaus nur der Einlieferer und der Versteigerer verdienen.

In der Unendlichen Geschichte um Yves Bouvier und Dmitry Rybolovlev vermeldet Naomi Rea bei Artnet mit der Prozesseinstellung in der Schweiz einen aktuellen Zwischenstand.

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