Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Frohe Weihnachten 2020! Foto Stefan Kobel

21.12.2020 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 51 2020

Im Sommer hatten die meisten wohl noch gehofft, jetzt wäre das Schlimmste überstanden und man könne sich bald wieder dem Business as usual zuwenden. Doch im wie üblich an dieser Stelle erscheinenden Saisonrückblick in drei Teilen wird deutlich, dass sich auch schon zu diesem Zeitpunkt Trends andeuten, die den Kunstmarkt dauerhaft verändern werden.

Überschaubarer und weniger hektisch werde die Kunstwelt nach Corona sein, glaubt Andrew Fabricant, der COO von Gagosian, mit dem Abby Schultz im August für Barron's gesprochen hat: "Ein Problem ist diese Aufblähung, dieser Überfluss und diese Redundanz in der Kunstwelt. Es gibt zu viele Kunstmessen; jede Woche findet eine Auktion statt. Es gibt ein gewisses Maß an Müdigkeit, das ich nicht nur im letzten Jahr, sondern auch in den letzten paar Jahren gespürt habe. Das Übermaß der schieren Menge an Dingen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfinden, führte zu einer gewissen Apathie. Der unbeabsichtigte positive Effekt von Covid, wenn es einen gibt, besteht darin, dass die Leute sich zurückhalten und neu bewerten: Was ist eine Priorität für mein Geschäft, wenn ich im Kunsthandel tätig bin, und was sind meine Prioritäten als Sammler? Was muss ich tun, um Kunst zu sehen? Welche potenziellen Risiken gehe ich ein? Lohnt es sich, mein Leben zu riskieren, um diese Raphael-Ausstellung [in der National Gallery of Art] in London [die verschoben wurde] zu sehen? Vielleicht. Aber lohnt es sich, zur Art Basel Miami zu gehen? Das glaube ich nicht."

Die Ausweitung der New Yorker Galerienszene landeinwärts entlang des Hudsons beschreibt Julie Baumgardner Ende August sehr ausführlich für Artnet.

Auf die Gesamtsituation der rheinischen Szene blickt Georg Imdahl bei seinem Rundgang Anfang September für die FAZ: "Im kommenden April steht dann auch wieder die Art Düsseldorf auf dem Programm (von der sich viele Galerien der Region, dem Vernehmen nach, fürsorglicher betreut fühlen als von der großen Kölner Konkurrenz). Allenthalben wird erwartet, dass die Art Cologne dann 2021 wieder endgültig in den Herbst wechselt, wo sie früher stattfand. Zunächst aber starten die rheinischen Galerien an diesem Wochenende in die Herbstsaison, und auch hier erweist sich manches als machbar, wenn es mit dem nötigen Nachdruck betrieben wird."

Das welt- und branchenumspannende Unternehmen Hauser & Wirth sowie dessen Gründer Iwan Wirth portraitiert Susanne Schreiber im Handelsblatt: "Wer Kunst im großen Stil an die potentesten Sammler unserer Zeit verkaufen möchte, muss enge persönliche Beziehung zu ihnen pflegen. Manuela und Iwan Wirth pflegen ihre Sammler-Beziehungen längst nicht nur mit ihrem legendären Art-Basel-Dinner im Hotel Trois Rois. Sie eröffnen einen außergewöhnlichen Ort nach dem anderen: Das Fünf-Sterne-Hotel The Fife Arms in Schottland oder die Restaurants an ihren Ausstellungsorten in Somerset und Los Angeles. Für Wirth sind diese Unternehmungen eine wichtige Abrundung des Geschäfts: 'Sie ersetzen nicht die traditionelle Rolle der Galerie. Aber in einem bestimmten Kontext sind sie wichtige Katalysatoren.' Er begeistert mit diesen besonderen Orten nicht nur seine Sammler und Künstler. Auch die Allgemeinheit profitiert davon, das ist ihm wichtig zu betonen."

Derweil ist man auch in München mit dem Gastgalerien-Modell "Various Others" umtriebig, durchaus kannibalistisch, aber anders als man vermuten, wie Sabine Spindler im Handelsblatt beschreibt: "Aus heutiger Sicht hat 'Various Others' schon 2018 geprobt, worüber im ersten Halbjahr 2020 die Kunstwelt nachdachte. 'Es ist der Versuch, neue Strategien zu entwickeln, denn alle in der Kunstszene haben gespürt, dass das dicht getaktete Messekarussell dem eigentlichen Standort der Galerien immer mehr Relevanz entzog', sagte Tim Geissler [von Jahn und Jahn] im Gespräch mit dem Handelsblatt. Auffällig in diesem Jahr ist die starke Präsenz von allein sechs Berliner Galerien. [...] Ein Grund für die Berliner ist unübersehbar. Die Messe Berlin Contemporary fiel dieses Jahr aus. Da bot die Münchener Szene, die aufgrund der Pandemie auch Absagen aus dem Ausland hinnehmen musste, eine Alternative."

Über Veränderungen und Perspektiven des Kunstmarkts im Zeichen von Corona spricht Catrin Lorch mit den Galeristinnen Esther Schipper und Deborah Schamoni in der Süddeutschen Zeitung: "Schipper: Vor Corona hat vermutlich kaum jemand die Websites von Galerien angeschaut. Aber während das virtuelle Angebot der im März abgesagten Art Basel Hong Kong nicht eben erfolgreich war, hat die Art Basel im Sommer tatsächlich einen Buzz kreiert. Es hat sich zum ersten Mal wieder so angefühlt, als sei die ganze Welt miteinander im Austausch, wenn auch nur am Telefon. Man wird sich an diese Plattformen gewöhnen müssen. Die Frieze, in deren Komitee ich bin, denkt gerade auch über Live-Chats nach. Das wird nie den physischen Auftritt ersetzen, aber vielleicht anderes ermöglichen."

Ein Vergleich der Kunstwelt mit Renaturierungsversuchen in der Agrarindustrie veranlasst Scott Reyburn für das Art Newspaper zu dem Gedankenspiel, die Corona-Pandemie als Ausgangspunkt für eine grundsätzliche Reform des Ökosystems Kunst zu nutzen: "Der Begriff 'Ökosystem' wird heute routinemäßig verwendet, um die heiklen Interdependenzen der Kunstwelt zu beschreiben. Doch dank der Kräfte des neoliberalen Kapitalismus des 21. Jahrhunderts gleicht diese Welt heute eher einer Fabrikfarm als einer fein ausbalancierten Biosphäre."

Mit einer Verzögerung von knapp einem Jahr soll im Frühjahr Cromwell Place cromwellplace.com in London eröffnen, ein neues Modell für ein Galerienhaus, in dem Galeristen und Kunsthändler für Ausstellungsräume, Viewing Rooms, Büros oder Lagerraum mieten können. Stephanie Dieckvoss stellt das ambitionierte Projekt im Oktober im Handelsblatt vor: "Die hohen Investitionskosten sollen vor allem internationale Galerien ansprechen, die eine Adresse in London haben wollen. Allerdings wird sich zeigen wie erfolgreich das Marketing des Hauses ist und ob sich die erhofften Besucher einstellen. Auch wird sich zeigen, inwieweit das Interesse der Inhaber, ein profitorientiertes Galeriehausmodell aufzubauen, aufgehen wird. Laut dem leitenden Direktor Breston Benson soll es in Städte wie New York, Paris und Berlin exportiert werden. Ob das funktioniert, wird letztlich nicht nur von der allgemeinen Wirtschaftslage, sondern auch von der Akzeptanz der Kunstwelt abhängen. Wenn langfristig die Qualität nicht stimmt, wird auch die Luxusfassade wenig helfen. Und in jedem Fall wird es kein Ort sein, an dem man junge Kunst entdecken kann. Dafür sind Ausstellungskosten zu hoch." Über die Zulassung als Mieter soll laut Prospekt (PDF) ein Komitee entscheiden, das sich aus turnusmäßig Mietern zusammensetzt. Den Vorsitz hat die Journalistin Georgina Adam, die mögliche Interessenkonflikte mit ihren publizistischen Aktivitäten wohl mit sich selbst ausmachen muss.

Die schwindende Bedeutung Großbritanniens umschreibt Marian Goodman mit freundlichen Worten im Interview mit Sarah Douglas für Artnews zu ihrer Entscheidung, die Niederlassung in London zu schließen und durch eine kleinere Struktur zu ersetzen: "Unser Umdenken über London begann eigentlich mit dem Brexit und der Bewertung seiner Auswirkungen auf die Rolle Großbritanniens im größeren Markt der EU. Wir haben 1995 unsere Galerie in Paris eröffnet und bauen seither unsere Präsenz in Europa aus. Unsere langfristige Investition in Paris war bedeutend und verschafft uns einen Vorteil, vor allem jetzt, da der Brexit für alle Galerien Unsicherheit und Komplexität mit sich bringt."

Den von Museumsseite geäußerten Unmut darüber, das Galerien als Einzelhändler weiter geöffnet bleiben dürfen, kann Christiane Meixner im Tagesspiegel vom 7. November nicht ganz nachvollziehen: „Dass Galerien auch in Zeiten der Pandemie den Dialog mit Malerei und Skulptur anbieten, hilft im Gegenteil. Mehr, als wenn die Kulturstätten sich nun untereinander das Recht auf jede weitere Öffnung absprechen; wenn die Museen (mit ihren meist festangestellten Mitarbeitern) neidisch auf eine Branche blicken, die in Covid-19-Zeiten um ihr Fortbestehen kämpft. In dieser Hinsicht nämlich sind Galeristinnen wie Galeristen – und ebenso lebende Künstlerinnen und Künstler – dem Einzelhandel wirklich ähnlicher: Sie müssen ihr Geld selbst erwirtschaften.“

Positive Aspekte versucht Daniel Völzke von Monopol der aktuellen Situation abzugewinnen, in der sich Galerien befinden: „Nur warum sind die Galerien trotz freien Eintritts so selten wirklich gut besucht? Vielleicht gelten sie fälschlicherweise immer noch als Tummelplatz von Reichen oder hochnäsiger Kuratoren, einschüchternd, wenn man nichts kaufen will oder kann. Doch auch wenn hier tatsächlich einige Konventionen und Codes gelten – viele landläufige Vorstellungen von Galerien sind bloße Klischees. Jetzt ist doch eine gute Zeit, diese Klischees zu überprüfen und (unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen) Galerien zu besuchen.“

Ganz gut liefen die Geschäfte aktuell, gesteht Galerist David Zwirner freimütig im Interview mit Nicola Kuhn für den Tagesspiegel: „Die Kunden haben trotzdem Kunst gekauft. In den letzten drei Monaten lief das Geschäft fast normal. Wir haben mehrere Ausstellungen ausverkauft: Luc Tuymans in Hongkong, Oscar Murillo in Paris. Für ernsthafte Sammler bietet ein schwieriger Markt Chancen. Es werden Werke angeboten, auf die sie sonst lange warten müssen. Die Investoren, sprich: die Spekulanten, sind derzeit weg. Mit denen arbeiten wir ohnehin nicht. Mich hat trotzdem überrascht, wie stark das Interesse gerade der asiatischen Sammler war. China, Indonesien, Taiwan, Singapur, die ganze Region, war besonders aktiv.“ Alles keine Investoren, die Asiaten.

Eine wahre Fundgrube an Einsichten und Einblicken bildet das Kunstmarkt-Special der Dezember/Januar-Ausgabe von Politik und Kultur, der Zeitschrift des Deutschen Kulturrats mit Texten und Interviews von und mit unter anderen Anita Beckers, Meike Behm, Christian Boros, Diandra Donecker, Harald Falckenberg, Meike Hopp, Leiko Ikemura, Kristian Jarmuschek, Rupert Keim, Stefan Kobel, Johann König, Jacob Pabst, Linde Rohr-Bongard, Oliver Scheytt, Ewald Karl Schrade, Birgit Maria Sturm, Tobias Timm, Hergen Wöbken und Olaf Zimmermann. Das komplette Heft kann hier als PDF heruntergeladen werden.

< älter
Archiv »
Kobels Kunstwoche 19 2021

Endlich wieder Kunstmesse! Die Frieze New York hat als erste der großen Kunstmessen nach Beginn der Pandemie vor über einem Jahr wieder stattgefunden. Für den US-Ableger war es zugleich eine Art Premiere. Nach dem ungeliebten...| mehr

Kobels Kunstwoche 18 2021

Ein weitgehend nur digital erlebbares Gallery Weekend Berlin erzeugt auch medial einen bescheideneren Aufgalopp als gewohnt. Georg Imdahl erklärt in der FAZ: „Das Gallery Weekend war einmal erfunden worden, um den Mehrwert...| mehr

Kobels Kunstwoche 17 2021

Hongkong brummt. „Die Abendauktion mit zeitgenössischer Kunst wurde zu einem 'White Glove Sale', einer Auktion, bei der 100 Prozent der Lose verkauft wurden. Für eine Mischauktion, die nicht eine einzelne Sammlung anbietet, ist...| mehr

Kobels Kunstwoche 16 2021

Endlich gibt es offizielle Zahlen zum deutschen Kunstmarkt! Bereits seit Februar ist der „Spartenbericht Bildende Kunst – 2021“ des Statistischen Bundesamts online. Für den Tagesspiegel vom 17. April hat Christiane Meixner darin...| mehr

Kobels Kunstwoche 15 2021

  Wenn der Kunstmarkt politisch wird: Die Verwicklungen und Ränke um die saudi-arabische Investitionsruine „Salvator Mundi“ untersucht ein französischer Dokumentarfilm von Antoine Vitkine, den sich Bernhard Schulz für den...| mehr