Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Der Winter 2020 fand an einem Dienstag statt. Foto Stefan Kobel

28.12.2020 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 52 2020

Während Galerien zumindest zwischenzeitlich immer wieder öffnen konnten, sind seit März fast alle Kunstmessen ausgefallen. Die bisher nur rudimentär entwickelten Online-Marktplätze selbst der Platzhirsche stürzen die Branche in eine Existenzkrise, wie der zweite Teil unseres dreiteiligen Saisonrückblicks zeigt.

James Murdochs Einstieg bei der MCH Group könnte ein Glücksfall für die Art Basel sein, hofft Georg Imdahl im August in der FAZ: "James Murdoch unterstützt im amerikanischen Wahlkampf Trumps Widersacher Joe Biden, und ein Blick auf die unternehmerischen Aktivitäten seiner Investmentgesellschaft Lupa Systems kann die Erwartung nähren, dass dem neuen MCH-Aktionär mehr an Kontinuität gelegen ist als daran, seine Beute spontan umzukrempeln. Anzeichen dafür erkennt eine 'Artnet'-Analyse in Murdochs Umgang mit dem von ihm erworbenen Tribeca-Filmfestival. In Bezug auf Technologie und Digitalisierung, in die er im größeren Stil investiert habe, würden Schnittstellen mit den Anforderungen und Zielen der Art Basel erkennbar."

Die ursprünglich in Miami als Satellitenmesse gestartete Untitled hat zusammen mit dem skandinavischen Start-Up Artland eine virtuelle Ausgabe auf die Beine gestellt, die deutlich besser aussieht, als alles, was die Platzhirsche bisher dargeboten haben. Das Art Newspaper hat den Auftritt von drei Fachleuten beurteilen lassen. Das Thema Privatsphäre scheint übrigens nicht nur hier bestenfalls noch am Rande zu interessieren.

Den Spuren der Corona-Pandemie in der Kunstwelt geht Kolja Reichert in der FAS vom 6. September nach. Dabei macht er mitunter gegenläufige Entwicklungen aus: "Jetzt, wo der Kunstmessen-Jetset pausiert, wird aber auch spürbar, was an Messen so toll war, außer dass Galeristen auf sie schimpfen konnten, um dann doch zu fünfzehn Stück im Jahr zu reisen. Was mit ihnen ausfällt, ist ein Ort, an dem das Ganze der Kunst in den Blick kommt. Je höher die Preise stiegen, je größer das Publikum wurde, desto dichter wurden die Talk-Programme, auf denen berühmte Gesichter um die Wette sinnstifteten. Klar, das meiste war Quatsch, aber immerhin gab es Gipfel, die einen Horizont für alles andere boten, die man besteigen wollte und gegen die man sich profilieren konnte. Jetzt könnte sich herausstellen, dass es die Öffentlichkeit zur Legitimation der Preise gar nicht braucht. Superreiche können sich, so eine Vision der Basler Kuratorin Chus Martínez, auch zu Tupper-Partys treffen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit Stücke ihrer Sammlung tauschen, in Zollfreilagern oder internationalen Gewässern."

Wie die Positions zur Berliner Leitmesse aufgestiegen ist, erklärt Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung: "Diese neuen Allianzen haben nicht zuletzt mit der Aufgabe des Mitbewerbers, der Art Berlin, zu tun, die bis 2019 im angrenzenden Hangar stattfand. Gleichzeitig ist Jarmuschek und Carstens klar, dass sie den Wegfall ihres mehrjährigen Nachbarn schwer kompensieren können: Beide Messen haben in der Vergangenheit voneinander profitiert.Nun aber zieht die Positions vorne weg. Die Begeisterung der Galeristen, die Werke wieder analog dem kunstinteressierten, ja kunsthungrigen Publikum anzupreisen, schwebt allgegenwärtig im Raum und schlägt schnell Funken."

Bei allen Ein- und Beschränkungen können Heinrich Carstens und Kristian Jarmuschek von den Positions-Kunstmessen im Gespräch mit Juliane Rohr für ntv der aktuellen Situation auch positive Aspekte abgewinnen: "Interessant ist, dass trotz der Digitalisierung viele Kollegen spiegeln, dass sie im Lockdown klassisch gearbeitet haben. Soll heißen, sie haben zum Telefon gegriffen, geredet und wie früher gearbeitet. Selbst große Galerien, die sonst auf Messen wie der Art Basel sind, hatten plötzlich Zeit für Gespräche und für die Frage, wie es der Kunstbranche in Berlin geht." Ich war für das Artmagazine in Berlin unterwegs.

Die seit Jahren angeschlagene und mittlerweile jährlich abgehaltene Biennale de Paris (früher Biennale des Antiquaires) hat sich wegen ihrer Absage der im Oktober anstehenden Ausgabe mit dem Auktionshaus Christie's zusammengetan und für ihre Aussteller eine Online-Auktion organisiert. Bettina Wohlfarth erklärt in der FAZ das Projekt: "In einer Online-Auktion kommen vom 24. September bis zum 8. Oktober mehr als neunzig Werke von 42 Biennale-Händlern unter den digitalen Hammer: von Archäologie, Altmeistergemälden und Möbeln bis zu Moderne, Design und Schmuck. Der elektronische Katalog ist vom 21. September an zugänglich. Die von Christie's eigens für die Auktion ausgestattete digitale Plattform mit virtuellen Galeriekojen ermöglicht es dann auch, für jedes Los mit den Händlern und den jeweiligen Experten des Auktionshauses in Kontakt zu treten."

Die Ankündigung der Art Central, im nächsten März gemeinsam mit der Art Basel Hong Kong unter dem Dach des Kongresszentrums HKCEC aufzutreten, verbindet Lisa Movius im Art Newspaper mit Gerüchten über eine Zusammenarbeit der Schweizer mit der lokalen Fine Art Asia im Herbst. Die Antwort der Art Basel auf eine entsprechende Anfrage der Autorin ist fast schon sensationell eindeutig: "Gerade in dieser herausfordernden Zeit prüft die Art Basel verschiedene Möglichkeiten der Unterstützung von Galerien und steht in engem Kontakt mit ihren Ausstellern, um herauszufinden, wie dies am besten geschehen kann."

Kleiner ist bei Kunstmessen besser, so das Fazit von Farah Nayeri in der New York Times, die dazu einen amüsanten Vergleich von einem Messedirektor anführt: "Was die Covid-19-Pandemie deutlich gemacht habe, so [Guillaume] Piens von der Art Paris, sei in den letzten Jahren 'zu viel Gänseleber und zu viel Champagner, was zu einer gigantischen Verdauungsstörung führte'. Mr. Piens fügte hinzu: 'Wir sind jetzt alle auf Diät.'"

Die drastische Verkleinerung der Frieze New York und deren Umzug in das private Kulturzentrum The Shed melden Eileen Kinsella bei Artnet und Tessa Salomon Anfang November bei Artnews.

Die aktuelle zweite Ausgabe der Basler Online Viewing Rooms sei für die Aussteller kommerziell weniger erfolgreich, urteilen Maximilano Duron und Angelica Villa im Art Market Monitor: „Für kleinere und mittelgroße Galerien, ohne die Zugkraft eines Live-Events, ist die Basler Online-Messe nach der Aussage von Galeristen weniger für schnelle Verkäufe als vielmehr für die Anbahnung langfristiger Beziehungen geeignet. Einige sagten, dass sie durch die Plattform in der Lage seien, neue Kunden zu gewinnen und die Chancen des Online-Kunstmarktplatzes auszuloten.“

Zeitpunkt und Art der Absage der Art Cologne nur zwei Wochen vor ihrem Starttermin ärgert viele Aussteller, deren Kritik Sebastian C. Strenger für den Tagesspiegel vom 7. November zusammengetragen hat: „Galeristen kritisierten mehrfach den rüden Umgangston. Die späte Absage der Art Cologne, die nun im November stattfinden sollte, brachte für viele das Fass zum Überlaufen. Was ist da schief gelaufen? Das Image der Messegesellschaft steht auf dem Spiel. Denn die Kunstszene als Teil der Kreativwirtschaft sieht sich zunehmend einem behördenähnlichen Monstrum gegenüber, dessen Interesse ausschließlich die Bereitstellung von Quadratmetern in den Deutzer Messehallen zum Maximalpreis scheint, während sich andere Kunstmessen im Dialog mit ihren Ausstellern bereits mit Zukunftskonzepten wappnen. So ist jedenfalls der Gesamteindruck, der sich im Gespräch mit mehr als 20 betroffenen Galeristen einstellt.“

Die Absagen oder Verschiebungen Art Antwerp, Art Karlsruhe und Art Düsseldorf meldet Artmagazine.cc.

Die Kontaktreduzierung werde auch nach Abflauen der Corona-Pandemie erhalten bleiben und den Kunstmarkt prägen, vermutet Christie's-Präsident Dirk Boll im Gespräch mit Gerhard Mack für die NZZ (Paywall oder kostenlose Registrierung): „Anders als bei einer Auktion, wo alle sitzen, lebt eine Kunstmesse davon, dass man ineinanderrennt und so ins Gespräch kommt. Das ist derzeit nicht möglich. Die Podiumsgespräche, die Messen angeboten haben, wurden zu Zoom-Talks, die man jederzeit abrufen kann. Das ist ein grosser Gewinn, wenn man sich 24 Stunden am Tag die tollsten Fachleute anhören kann. Zugleich gibt es keinen Grund mehr, ein Podium vom Frühjahr in New York im Oktober noch einmal ähnlich in London zu veranstalten. Es sind ja immer mehr oder weniger dieselben Akteure, und es ist auch keine Welt, in der wahnsinnig viel passiert.“

Während der Rest der Kunstwelt sich noch oder wieder weitgehend im Lockdown befindet, haben in Schanghai Kunstmessen stattgefunden, über die Eileen Kinsella und Nate Freeman für Artnet berichten: „Die Galerien profitierten auch von der Tatsache, dass es sich seit März um die erste große physische Messe weltweit handelte, so dass sie sich ihre Werke aussuchen konnten, da sie ihren Bestand nicht auf die Frieze, FIAC und andere Zeltmessen rund um den Globus aufteilen mussten. Die aufgestaute Nachfrage war gut für das Geschäft. Trotz des Mangels an reisenden Sammlern sagte [Zwirners Hongkong-Direktor Leo] Xu, dass die anwesenden Festland -Institutionen, wie z.B. das Long Museum, mehrere Werke kauften.“

Messeabsagen und -verschiebungen protokolliert wie immer Artmagazine.cc, aktuell für die Art Basel Hong Kong und Frieze L.A.. Ob Letztere 2022 in die Paramount Studios zurückkehren werde, stehe allerdings in den Sternen, ist von Anny Shaw im Art Newspaper zu erfahren.

Ohnehin scheinen Online-Messen überschätzt zu sein, erklärt Tim Schneider bei Artnet – zumindest in New York.

Das Ende des Messestandorts Basel sieht Kurt Tschan Ende November in der Basler Zeitung gekommen: „Murdoch wird in Zukunft den Gemischtwarenladen MCH Group weiter ausdünnen und sich auf die prestigeträchtige Marke Art Basel fokussieren. Das muss er sogar tun, wenn er seine Millionen in Basel nicht den Rhein runterspülen will. Das Filetstück, die Art Basel, ist inzwischen eine globale Marke, die Basel allein nicht mehr gehört. Als Folge der Klimadebatte, aber auch wegen der Corona-Pandemie und neuer Marktbedürfnisse, werden sich die Messe- und Eventbühnen der Welt zwangsläufig verschieben und nur noch dort physisch wahrgenommen werden, wo sie auch genügend finanzkräftiges Publikum anziehen. Basel hat bereits bewiesen, dass es dies nur in Einzelfällen wie der Art oder der Swissbau kann.“

James Murdoch sei am Ziel und könne jetzt das Ruder bei der Art Basel-Mutter MCH Group übernehmen, meldet Anfang Dezember Taylor Dafoe bei Artnet. Die Pressemitteilung der Messegesellschaft ist hier nachzulesen.

Frieze – die Messe, nicht die Zeitschrift – habe sich einen permanenten Showroom in London zugelegt, meldet Sarah Cascone bei Artnet.

Auf Dauer wird der nicht renditegetriebene Teil des Kunstmarkts seine Virtualisierung wohl nicht durchhalten können, lässt sich dem Bericht von Christof Habres in der Wiener Zeitung entnehmen: „'Virtuelle Kunstmessen funktionieren nur, wenn wir parallel intensiv mit Sammlern kommunizieren und gezielt auf Werke aufmerksam machen', erzählt die Galeristin Ursula Krinzinger im Gespräch mit der 'Wiener Zeitung'. Und das rund um die Uhr: Die virtuellen Messestände in Miami waren 24 Stunden zugänglich. 'Meine Mitarbeiter haben in drei Schichten Anfragen beantwortet, mit Sammlern direkt gechattet und sich um Abwicklungen gekümmert', unterstreicht die Doyenne der heimischen Galerienszene den persönlichen Aufwand. Es hat sich für Ursula Krinzinger, die jährlich zehn bis zwölf internationale Messen bespielt, bewiesen, dass Kunstmessen in der Virtual Reality nur bedingt funktionieren. Bei allen oft oberflächlichen Ausformungen diverser Messen werden der Live-Charakter, das Treiben und das kulturell-künstlerische Umfeld des Veranstaltungsorts essenzieller Teil des (Verkaufs-)Erfolgs bleiben.“

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