Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Alles anders, aber kaum voran: Kunstmarkt Berlin; Foto Stefan Kobel

16.09.2019 06:00 Uhr

Kunstwoche 38

Aus Frankfurter Perspektive muss Berlin in Osteuropa liegen. Anders ist die von Kevin Hanschke für die FAZ wahrgenommene Internationalität der Berliner Kunstmessen nicht zu erklären: "Mit mehr als 110 nationalen und internationalen Galerien gibt sich die 'Art Berlin' in ihrer dritten Ausgabe sehr international und selbstbewusst. Besonders viele Galerien aus Osteuropa sind in den Hangars vertreten." Der Anteil der nach allgemeinem Verständnis auswärtigen Teilnehmer liegt bei gerade einmaleinem Viertel - Ost und West zusammengenommen.

Die Angebots-Palette fasst Christian Herchenröder im Handelsblatt zusammen: "Alledem trotzt die Art Berlin mit einem breiten und interessanten Programm, das gut zu bewältigen ist und in dem es neben Schwächezonen auch unbestreitbare Highlights gibt. Schon bei einem ersten Rundgang fällt eine nie dagewesene Massierung von Exponaten in Keramik und Textilarbeiten auf. Fotokunst ist spärlicher vertreten, aber dafür abstrakte Malerei jüngster Provenienz wieder stark präsent. An den größten Ständen wird meist eine Melange der Hauskünstler geboten."

Vom seinem Selbstexperiment, als Neuling während der Berlin Art Week Kunst zu kaufen, berichtet sehr vergnüglich Thorsten Jantschek im Deutschlandfunk.

Wie aus einer besseren Zukunft scheint Ingeborg Ruthe für die Berliner Zeitung zu berichten, in der all das, was sich für die Berliner Kunstszene wünschen lässt, bereits eingetreten ist: "Vor etlichen Jahren noch gab es, auch in dieser Zeitung, mannigfache Kritik an der Tatsache, dass die Kunstkräfte unserer Stadt viel zu wenig miteinander kommunizieren, dass jeder lieber seins machte, Termine selten abgesprochen wurden, dadurch Energien verpufften. Diese Zeiten sind vorbei, wie man an dieser Art Week sehen kann. Das Potenzial wird gebündelt, der Kunst-Auftritt wirkt geradezu flächendeckend, die Kulturpolitik stellt sich sogar voran - die Senatsverwaltung für Kultur und Europa sowie die für Wirtschaft, Energie und Betriebe mit der Gasag als Mäzen. Gefördert werden diesmal mit 37.000 Euro 20 Projekträume, Geld für die nicht etablierte Kunstszene." Allerdings hat Kultursenator Klaus Lederer auf der Pressekonferenz zur BAW 2019 bereits angekündigt, dass es gerade bei diesem flächendeckend über Projekträumen verdunstende Helikoptergeld (endlich) Veränderungen geben soll.

Das mangelnde Engagement der Politik für den Standortfaktor Kunstmarkt greift Kito Nedo in der Süddeutschen Zeitung auf: "'Es fehlt ein klares Statement von der Stadt, sagt etwa auch Judy Lybke von Eigen + Art. Eine gewisse Uneinigkeit ist aber auch bei den Galerien selbst zu spüren. Einige wichtige Aussteller, für die die Messe eigentlich ein Heimspiel sein müsste, haben verzichtet: Die Galerie Isabella Bortolozzi fehlt ebenso wie die Galerien Buchholz, Max Hetzler und Contemporary Fine Arts (CFA). Dass sich in diesem Jahr auch Neugerriemschneider, die einst zum Gründerkreis der Vorgängerveranstaltung Abc - Art Berlin Contemporary gehörte, von der Messe zurückzog, sorgte hinter den Kulissen für Irritationen. Der junge Galerist Noah Klink zum Beispiel. Die Messeteilnahme, sagt Kling, sei immer noch günstiger als eine teure Anzeige in Artforum, dem Zentralorgan der globalen Kunstszene."

Auch Marcus Woeller kritisiert in seiner Besprechung der beiden Messen Art Berlin und Positions für die WELT das mangelnde Engagement des Senats.

Auf der Positions hat sich Christiane Meixner für den Tagesspiegel genauer umgesehen: "Auf 277 künstlerische Positionen bringen es die Galerien zusammen mit der Messe, die selbst den Part "academy Positions" stemmt - mit 16 Absolventen deutscher und polnischer Kunstakademien, die sich teils zum ersten Mal offensiv vorstellen. Das Angebot ist also riesig und ein Preis wie 24 000 Euro [...] schon im Spitzensegment der Positions angesiedelt, die sich so divers aufstellt, wie es die Berliner Kunstszene tatsächlich ist. Das passt."

Auf beiden Veranstaltungen war ich für Artmagazine und für den Tagesspiegel auf der Art Berlin.

Der Galerist Johann König erklärt der Politik, warum Kunst nicht nur schön ist, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor und dass man den Kunsthandel durchaus in die Wirtschaftsförderung mit einbeziehen könnte, im Interview mit Elke Buhr für Monopol: "Wer den Kunsthandel fördert, fördert damit auch direkt die Künstler, denn die Galerien stellen die Werke öffentlich vor und suchen Käufer für die Werke. Von diesen Verkäufen leben die Künstler. Meine jungen Kolleginnen und Kollegen leisten dieselbe Arbeit wie Projekträume, nur dass sie versuchen, sich auch über den Verkauf zu finanzieren. Film- und Gamingindustrie sind auch kommerziell und werden vom Senat, beziehungsweise vom Bund gefördert. Den Filmpark Babelsberg beispielsweise gäbe es ohne staatliche Fördermittel gar nicht. Ich möchte im Übrigen gar nicht, dass die Projekträume weniger Geld bekommen. Ich verstehe nur nicht, warum die Galerien ignoriert werden."

Niklas Maak reißt angesichts der kulturpolitischen Stümperei in der FAS vom 15. September die Hutschnur: "Hier wird eben locker mal eine Viertelmilliarde mehr für ein immer babylonischeres Kulturtiefbauprojekt, für die ultimative royale Prachtschatulle der Kunst des 20.Jahrhunderts durchgeboxt, während Institutionen, in denen die Kunst des 21.Jahrhunderts entsteht und gezeigt wird, vor dem finanziellen Kollaps stehen und in Tausenderschritten um Förderung und Überleben kämpfen müssen. Nichts gegen schöne, große, auch sehr teure Museen - die können zu Orten werden, an denen Gesellschaften ihr Selbstbild verhandeln, zu Treffpunkten, die die Bedeutung früherer Marktplätze haben; alles richtig. Aber auch die jungen Galerien, die vielen völlig unterfinanzierten Projekt-Räume, die man bei dieser Art Week noch bis Sonntag neben der sehenswerten, sympathisch zusammengebastelten Galerienschau in einem der Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof entdecken kann, können solche Orte sein."

Kleine Notiz am Rande: Die Wochenzeitung der Freitag fordert seine Leser auf, innerhalb der "Community" einen eigenen Blog aufzusetzen, der dann im Rahmen des Internetauftritts der Zeitung erscheinen kann. Auf diese Art hat auch der sehr ausführliche Rundgang von Stefan Bock hier Aufnahme gefunden - als anschauliches Beispiel für die Selbstabschaffung einer Branche.

Der Kunstmarkt in Istanbul blühe nach der Wahl eines oppositionellen Bürgermeisters auf, hat Sabine B. Vogel in Istanbul für die NZZ beobachtet: "2006 gegründet, ist die Contemporary Istanbul heute eines der wichtigsten Foren für zeitgenössische Kunst in der Türkei. 73 Galerien nehmen dieses Jahr teil, 23 erstmals [...] Dort dominieren schrille, bunte, gerne glitzernde und vor allem dekorative Objekte, die von tiefgehenden Inhalten oft weitgehend befreit sind. Die türkischen Bürger würden zunehmend in "Kunst als Dekoration" investieren, erklärte das Mitglied des Messevorstands Hasan Bülent Kahraman auf der Pressekonferenz, und der Messegründer Ali Güreli gab bekannt, diesen Trend aufgreifen zu wollen: Die Kunstmesse werde expandieren und solle bald auch in anderen türkischen Städten stattfinden - ein Plan, an den allerdings wenige Galeristen glauben."

In Marseille hat Annegret Erhard die kleine Messe Art-O-Rama für die WELT besucht: "Eine Messe also, die sich auch die Galerien leisten können, die mit aufstrebenden Künstlern arbeiten, deren Marktwert noch unter dem hysterischen Radar spekulativer oder prestigeverheißender Bedürfnisse angesiedelt ist. Erfrischend ist das, aber auch herausfordernd. Man muss schon genau hinschauen, ein Gespür für Form und Farbe, für Diskurs und Zeitgenossenschaft, für den Unterschied von originärer und origineller Herangehensweise haben. Idealerweise entwickelt sich ein stummer, nicht unbedingt freundlicher Dialog zwischen Werk und Betrachter, erweitert dann durch ein Gespräch mit Künstlern und Galeristen. Mit normalem Budget und etwas Mut, kombiniert mit narzisstisch grundiertem Selbstvertrauen, könnte so die Initialzündung zu einem Sammlerleben entstehen."

Die Edelmesse für Kunst und Antiquitäten im Pariser Grand Palais torkelt seit Jahren von einer Krise in die nächste. Olga Grimm-Weissert berichtet von der aktuellen Nahtoderfahrung im Handelsblatt: "Marktbeobachter erwarteten für diese 63. Ausgabe ein Desaster. Gemessen daran ist die aktuelle Messe besser als erwartet. Denn seit der Antiquitäten-Verband im Jahr 2017 beschloss, aus der bisher alle zwei Jahre stattfindenden 'Biennale des antiquaires' eine jährliche Messe zu machen, die paradoxerweise weiterhin Biennale heißt, sind viele der besten Händler ausgeschieden.Man fürchtet bereits um den Weiterbestand der Veranstaltung, deren Organisation und Zulassungsmodalitäten dringend professionellen Organisatoren übergeben werden müssten. Zum Beispiel stellt keine deutsche Galerie auf der "Biennale Paris" aus. Unter anderem, weil die Standkosten 870 Euro pro Quadratmeter betragen und Ambiente und Service dem nicht entsprechen."

Es klingt nach Entwarnung für den Kontinent, wenn Christie's-Präsident Dirk Boll im Gespräch mit Gerhard für die NZZ über mögliche Brexit-Folgen spricht: "Objekte, bei denen es sich durch den Brexit nicht mehr lohnt, sie von Madrid oder Berlin nach London zu bewegen, sind dann weniger sichtbar. Das ist ein Teufelskreis. Vielleicht profitieren lokale Häuser in einer Art Zwischenhoch von der Erhöhung des Angebots. Mittel- und langfristig hat es aber meistens zur Folge, dass die nächste Generation von Sammlern kein Interesse mehr daran hat, weil es als lokal und geringerwertig wahrgenommen wird. Das ist auch aus einer anderen Perspektive sehr bedauerlich: Der Kunstmarkt vermittelt nicht nur Objekte, er bewahrt sie auch. Wenn etwas einen Wert hat, wird es eher aufgehoben als entsorgt. Diese Entwicklung trägt überdies dazu bei, dass das internationale Angebot immer stärker globalisiert und der Geschmack immer mainstreamiger wird." Im Mainstream ist jedoch kein Platz für das Besondere, Extravagante, das damit an Wert verliert und nach Bolls Logik dann auch nicht bewahrt würde. Insofern könnte eine Re-Regionalisierung durchaus positiv wirken, wenn abgehängte Sammelgebiete wieder mehr zur Geltung kämen.

Sooo viel Geld lässt sich mit Kunst wohl gar nicht verdienen. Wie dpa unter anderem Daniel Völzke für Monopol aus der neuen Reichen-Rangliste von Bilanz herausgelesen hat, finden sich zwar einige Kunstsammler unter den Top Ten, doch bis auf eine Ausnahme reicht es für Branchenvertreter selbst nur für die allerhintersten Plätze der Top 1000: "Der Maler Gerhard Richter ist mit einem Vermögen von 550 Millionen Euro als reichster Künstler Deutschlands auf Platz 378. Die Erben des Künstlers A. R. Penck landen auf Platz 817. Georg Baselitz, vergangenes [Jahr] auf Platz 964 der Liste, taucht in diesem Jahr nicht mehr auf. Der in New York lebende Galerist David Zwirner liegt mit einem Vermögen von 200 Millionen Euro auf Platz 817."

Mit dem Bau seiner eigenen Kunsthalle fühlt sich Thomas Schütte unabhängiger vom Kunstmarkt, wie er Angelika Drnek für die NZZ erzählt: "Die Leihgeber versichern die Arbeiten nach den Auktionspreisen. Ich kann mich da nach den Herstellungskosten richten, das macht bei Arbeiten mit einem Wert in Millionenhöhe einen riesigen Unterschied. Dann sind da noch die Transportkosten: Es ist eben kaum finanzierbar, eine Ausstellung zu realisieren, für die Arbeiten aus ganz Europa hergeholt werden müssen. Da kommt man schnell auf fünfzig Transportwege. Bei mir gibt es nur einen Transportweg: von meiner Skulpturenhalle ins Museum. Die Skulpturenhalle ist kein Showroom, sondern ein Ort, an dem ich Sachen ausprobieren kann - im Winter. Und sie verfügt über ein Lager. Daraus kann ich mich für Ausstellungen bedienen, denn ich verkaufe ja vorsichtshalber nicht alle meine Arbeiten. So muss man die Sachen nicht aus der ganzen Welt zusammensuchen, sondern hat genau eine Adresse, an die man muss. Das macht natürlich unabhängig."

Für den Kunstmarkt werde sich mit dem Börsenabschied von Sotheby's womöglich wenig ändern, vermutet Katya Kazakina bei Bloomberg. Lediglich bei den Garantiepreisen für Einlieferungen könnte das Unternehmen jetzt etwas aggressiver auftreten.

Der aktuelle Artnet Intelligence Report ist soeben erschienen. Es geht vor allem darum, wie aus der Kunstwelt die Kunstindustrie wurde. Er kann hier (PDF) heruntergeladen werden.

Welche Galerie gerade wie viel Geld in New Yorks Immobilien-Monopoly ausgibt oder einnimmt, hat Brooke Mason für Artnet zusammengetragen.

Die berühmte goldene Toilette von Maurizio Cattelan wurde nur zwei Tage nach Eröffnung der Ausstellung in Blenheim Palace gestohlen, melden Medien rund um den Globus, so auch der Stern. Es grenzt an Heldentum, wie ein Sprecher der Polizei auf einer Pressekonferenz beim Verlesen der Meldung die Contenance bewahrt. Zu sehen ist das Video auf der Seite der Oxford Mail.

Der Banksy-Vermarkter Steve Lazarides verlasse die gerade erst letztes Jahr zusammen mit dem katarischen Unternehmer Wissam Al-Mana gegründete Street Art-Galerie Lazinc, weil es bei dem ganzen Rummel nur noch um Geld gehe, meldet Anny Shaw im Art Newspaper. Da drängt sich die Frage auf, welche Impulse für eine subversive Subkultur sich der Banksy-Intimus erhofft hatte von der Zusammenarbeit mit dem Ex-Gatten von Janet Jackson, der in der Golfregion Shopping Malls betreibt.

Die Kunstwelt scheint jetzt ihre eigene Anna Sorokin zu haben. Wer die Fahrstuhl-Karriere der Instagram-berühmten "Kunsthistorikerin" ebenfalls nicht mitbekommen hat, kann das Versäumte bei Ben Davis auf Artnet und Anna Iovine auf Vice nachholen.

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