Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Neue Eintracht: Kulturstaatsmisnisterin Monika Grütters mit dem Kunsthändler und BVDG-Vorstand Thole Rotermund auf der Positions in Berlin, Foto Kristian Jarmuschek

14.09.2020 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 37 2020

Es ist Art Week in Berlin und die Stadt feiert sich noch einmal selbst. Mit allen Begleiterscheinungen, die eine Nabelschau so mit sich bringt. Die Ausstellung "Studio Berlin" ist Stadtgespräch, und Daniel Voelzke freut sich in Monopol: "Und wir haben noch Berlin! Auch diese Selbstvergewisserung in einer gerade für Kreative schwierigen Zeit strahlt diese Ausstellung aus. Ursprünglich sollten hier vor allem Künstler*innen aus der Boros-Sammlung gezeigt werden, dann aber, so erzählen die Organisator*innen Karen Boros, Christian Boros und Juliet Kothe, hätten die Künstler*innen immer auch noch Kolleg*innen an Bord geholt - so dass die Zahl der Teilnehmenden immer weiter wuchs." Berghain, Boros, Senatsknete, große Kunst - was will man mehr? Zumindest ein kritisches Nachfragen vielleicht, warum der Steuerzahler den PR-Coup eines Großsammlers hälftig mitfinanzieren soll, während diejenigen, die über Jahrzehnte das Gedeihen der Kunstszene in Berlin überhaupt erst ermöglicht haben, von der Politik behandelt werden wie geldgierige Großkapitalisten - die Galerien.

Die Diskussion fasst Peter Richter in der Süddeutschen Zeitung zusammen: "Begeisterung in der New York Times stößt in Berlin auf Verwunderung über einen Senatszuschuss von 250 000 Euro. Boros hat nach eigenen Angaben noch einmal so viel draufgelegt, damit die Sache stattfinden kann. Aber es ist auch wiederum nicht gerade wenig Steuergeld gemessen daran, dass Kultursenator Lederer jüngst noch kundtat, sein Herz gehöre eher den Künsten jenseits des Marktes. Die Ausstellung im Berghain hingegen wäre sicherlich auch als Messe ein Erfolg. Deswegen ist sie neben allem anderen auch ein interessanter Seismograf für kulturpolitische Verschiebungen in der Stadt."

Wie die Positions zur Berliner Leitmesse aufgestiegen ist, erklärt Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung: "Diese neuen Allianzen haben nicht zuletzt mit der Aufgabe des Mitbewerbers, der Art Berlin, zu tun, die bis 2019 im angrenzenden Hangar stattfand. Gleichzeitig ist Jarmuschek und Carstens klar, dass sie den Wegfall ihres mehrjährigen Nachbarn schwer kompensieren können: Beide Messen haben in der Vergangenheit voneinander profitiert.Nun aber zieht die Positions vorne weg. Die Begeisterung der Galeristen, die Werke wieder analog dem kunstinteressierten, ja kunsthungrigen Publikum anzupreisen, schwebt allgegenwärtig im Raum und schlägt schnell Funken."

Bei allen Ein- und Beschränkungen können Heinrich Carstens und Kristian Jarmuschek von den Positions-Kunstmessen im Gespräch mit Juliane Rohr für ntv der aktuellen Situation auch positive Aspekte abgewinnen: "Interessant ist, dass trotz der Digitalisierung viele Kollegen spiegeln, dass sie im Lockdown klassisch gearbeitet haben. Soll heißen, sie haben zum Telefon gegriffen, geredet und wie früher gearbeitet. Selbst große Galerien, die sonst auf Messen wie der Art Basel sind, hatten plötzlich Zeit für Gespräche und für die Frage, wie es der Kunstbranche in Berlin geht."

Ich war für Artmagazine in Berlin unterwegs.

Einen neuen Geist der Kooperation hat Kate Brown bei allen Berliner Protagonisten für Artnet ausgemacht. Eine derart rosige Bildbeschreibung hat man lange nicht gelesen.

Nicht ganz überraschend hat Johann Königs "Messe in St. Agnes" Unmut hervorgerufen. Der Streit darüber wird so unschöner wie unnötigerweise öffentlich ausgetragen, protokolliert von Monopol.

Nach zehn Jahren verabschiedet sich mit den Kunstsaelen eine weniger laute, dafür umso wirkmächtigere private Institution aus Berlin. Carlotta Wald hat die Abschlussausstellung für den Tagesspiegel besucht.

Derweil ist man auch in München mit dem Gastgalerien-Modell "Various Others" umtriebig, durchaus kannibalistisch, aber anders als man vermuten, wie Sabine Spindler im Handelsblatt beschreibt: "Aus heutiger Sicht hat 'Various Others' schon 2018 geprobt, worüber im ersten Halbjahr 2020 die Kunstwelt nachdachte. 'Es ist der Versuch, neue Strategien zu entwickeln, denn alle in der Kunstszene haben gespürt, dass das dicht getaktete Messekarussell dem eigentlichen Standort der Galerien immer mehr Relevanz entzog', sagte Tim Geissler [von Jahn und Jahn] im Gespräch mit dem Handelsblatt. Auffällig in diesem Jahr ist die starke Präsenz von allein sechs Berliner Galerien. [...] Ein Grund für die Berliner ist unübersehbar. Die Messe Berlin Contemporary fiel dieses Jahr aus. Da bot die Münchener Szene, die aufgrund der Pandemie auch Absagen aus dem Ausland hinnehmen musste, eine Alternative."

In Paris hat die Art Paris ebenfalls stattgefunden. Bettina Wohlfarth hat sie für die FAZ besucht: "Die Art Paris ist weder eine Messe des globalen Jetset noch der jüngsten Tendenzen. Sie ermöglicht vornehmlich einen Blick auf die französische Szene, wobei diesmal ein vom Kurator Gaël Charbau ausgewählter Parcours achtzehn Künstler hervorhebt." Immerhin macht die Durchführung der Veranstaltung im Grand Palais Hoffnung für die Fiac Ende Oktober. Besucher aus der Schweiz sollten allerdings heute noch abreisen. Ab morgen müssen sie sich bei der Rückkehr in Quarantäne begeben.

Über Veränderungen und Perspektiven des Kunstmarkts im Zeichen von Corona spricht Catrin Lorch mit den Galeristinnen Esther Schipper und Deborah Schamoni in der Süddeutschen Zeitung: "Schipper: Vor Corona hat vermutlich kaum jemand die Websites von Galerien angeschaut. Aber während das virtuelle Angebot der im März abgesagten Art Basel Hong Kong nicht eben erfolgreich war, hat die Art Basel im Sommer tatsächlich einen Buzz kreiert. Es hat sich zum ersten Mal wieder so angefühlt, als sei die ganze Welt miteinander im Austausch, wenn auch nur am Telefon. Man wird sich an diese Plattformen gewöhnen müssen. Die Frieze, in deren Komitee ich bin, denkt gerade auch über Live-Chats nach. Das wird nie den physischen Auftritt ersetzen, aber vielleicht anderes ermöglichen."

Wie eine junge Künstlergeneration mit Instagram und anderen Social Media-Plattformen nicht nur Likes, sondern auch Umsätze generiert und damit den Kunstmarkt revolutionieren könnte, erklärt Sebastian Späth in der WeLT: "Für bildende Künstler ist die Foto-App Showroom, Karrieresprungbrett und Verkaufskanal zugleich. Sie hat damit drei Aufgaben übernommen, für die früher im wesentlichen Galerien zuständig waren. Die App scheint wie auf den Konsum von Kunst zugeschnitten, weil der Fokus auf dem Visuellen liegt und weil das, was beim Durchscrollen des Feeds im Gedächtnis hängen bleiben soll, irgendwie prägnant sein muss. So wie Kunst eben. Durch Instagram haben junge Kunstschaffende heute also im Prinzip alle Möglichkeiten, ihre Kunst einem weltweiten Publikum anzubieten und im besten Fall sogar zu verkaufen, egal ob sie in der Kunstmetropole Berlin leben oder wie [Tim] Bengel ihre schwäbische Heimat nie verlassen haben. Vor allem aber macht die Plattform auch denjenigen Kunst zugänglich, die niemals auf die Idee kommen würden, eine Galerie oder eine Ausstellung zu besuchen."

Ein Vergleich der Kunstwelt mit Renaturierungsversuchen in der Agrarindustrie veranlasst Scott Reyburn für das Art Newspaper zu dem Gedankenspiel, die Corona-Pandemie als Ausgangspunkt für eine grundsätzliche Reform des Ökosystems Kunst zu nutzen: "Der Begriff 'Ökosystem' wird heute routinemäßig verwendet, um die heiklen Interdependenzen der Kunstwelt zu beschreiben. Doch dank der Kräfte des neoliberalen Kapitalismus des 21. Jahrhunderts gleicht diese Welt heute eher einer Fabrikfarm als einer fein ausbalancierten Biosphäre."

Einen Umsatzverlust von 36 Prozent verzeichnen Galerien laut des neuesten UBS Art Basel-Reports seit Ausbruch der Pandemie, fasst Angelica Villa für Art Market Monitor die Untersuchung von Clare McAndrew zusammen, die hier heruntergeladen werden kann.

Hauser & Wirth hat mit Ewan Venters den ehemaligen Leiter des Luxuskaufhauses Fortnum & Mason angeheuert, meldet Tessa Solomon bei Artnews.

Die Vermarktung der Marron-Sammlung war für die drei beteiligten Galerien offensichtlich so erfolgreich, dass sie daraus ein eigenes Geschäft machen mit einer eigenen Firma, die AGP - für Acquavella, Gagosian, Pace - heiße, hat der Branchennewsletter The Canvas enthüllt. Wie massiv dieses neue Geschäftsmodell den großen Auktionshäsuern schaden könnte, hat Brian Boucher für Artnews untersucht.

Der Bericht eines überparteilichen Unterausschusses könnte Ärger für den Kunsthandel bedeuten, befürchtet Margaret Carrigan im Art Newspaper. Demnach empfehle das Papier auf dürrer Datengrundlage eine strengere Regulierung, nicht etwa wegen Geldwäsche, sondern wegen möglicher Sanktionsumgehung durch Kunstgeschäfte.

Gleichzeitig falle die Ausnahme für Kunstimporte aus China weg, womit auch hier Strafzölle in Höhe von 7,5 Prozent fällig werden, meldet Eileen Kinsella bei Artnet.

Den Tod des Sammler Erich Marx meldet der Tagesspiegel: "Seine Sammlung mit Arbeiten auch von Cy Twombly und Roy Lichtenstein hatte er in den 80er Jahren dem Land Berlin als Dauerleihgabe angeboten. Als der Senat daraufhin beschloss, im Hamburger Bahnhof das Museum für Gegenwart zu gründen, überantwortete er seine Kollektion, eine der weltweit bedeutendsten der Nachkriegs-Modern, im Jahr 1996 der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Stiftungspräsident Hermann Parzinger sagte zu der traurigen Nachricht: 'Erich Marx war ein großer, gleichzeitig ein bescheidener Mann. Alles, was er tat, war von vitaler Leidenschaft geprägt - so auch seine Liebe zur Kunst und zum Sammeln. Für uns war er aber nicht nur ein bedeutender Sammler, sondern ein Mäzen, dem es auch um das Wohl der Kunststadt Berlin ging. Ohne ihn gäbe es den Hamburger Bahnhof nicht.'"

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