Kobels Kunstwoche

Madinat Jumeirah Dubai; Foto Stefan Kobel
Madinat Jumeirah Dubai; Foto Stefan Kobel
Portraitfoto von Stefan Kobel

Stefan Kobel

Kobels Kunstwoche 21 2026

Die Jubelberichte von Kunstmessen sind oft schwer zu lesen, vor allem, wenn die Berichterstattung fast ausschließlich von US-amerikanischen Medien stammt. Man muss schon sehr zwischen Zeilen lesen, um eine Vorstellung von den tatsächlichen Verhältnissen zu bekommen. Die New Yorker Messewoche führt das wieder einmal vor.

„Es ist ein Fest“, zitiert die Überschrift den Bericht von der Frieze, den Brian Boucher und Daniel Cassady für Artnews verfasst haben: „Am Mittwoch war beim Preview-Tag der Kunstmesse Frieze New York eine energetische Atmosphäre zu spüren. Viele Besucher im 'The Shed' an der West Side von Manhattan waren gerade erst aus Italien zurückgekehrt, wo am Samstag die Biennale in Venedig für das Publikum eröffnet worden war, und viele tauschten noch immer ihre Eindrücke über die besten nationalen Pavillons und die heftigsten Proteste aus. Doch das Thema des Tages war der Kunstverkauf, und für einige der rund 65 ausstellenden internationalen Galerien lief dieser bereits auf Hochtouren, noch bevor die Gemälde an den Wänden hingen und die Türen um 11 Uhr für VIPs geöffnet wurden.“ Nun sind Vorabverkäufe nicht gerade eine Neuheit. Und Elisa Carollo formuliert im Obeserver etwas verhaltener: „Zurück im „The Shed“ im Herzen von Chelsea präsentiert die Frieze 67 ausstellende Galerien aus 26 Ländern, wobei Südamerika – insbesondere Brasilien – stark vertreten ist, neben internationalen Blue-Chip-Namen sowie wiederkehrenden und erstmals teilnehmenden New Yorker Galerien. Die Halle war schon in den frühen Morgenstunden überfüllt, wobei die meisten VIPs offenbar aus den USA stammten, einige Besucher aus Südamerika und Asien kamen, aber fast keine aus Europa. Händler berichteten von Verkäufen am ersten Tag in den unteren, mittleren und siebenstelligen Preisklassen, auch wenn das Tempo in diesem Jahr alles andere als bombastisch ist.“

Die ihrer Meinung nach angenehmste Messe hat Tessa Solomon von Artnews mit der Independent erlebt: „Weit entfernt vom Trubel des Frieze-Monsters in Midtown befindet sich die Independent, die kürzlich an den Pier 36 umgezogen ist, einen 70.000 Quadratfuß großen Veranstaltungsort in Manhattans Lower East Side. Sie bleibt das raffinierteste Angebot im Messe-Buffet der New York Art Week, auch wenn der Begriff „Boutique“ bald etwas überholt wirken könnte: Der neue Standort ist mehr als doppelt so groß wie der frühere Veranstaltungsort der Messe in den Spring Studios und bietet Platz für eine erweiterte Ausstellerliste und größere Ambitionen.“

Von der Nada berichtet Elisa Carollo für den Observer: „Doch als eine Gruppe, die sich hauptsächlich aus New Yorkern und amerikanischen Sammlern zusammensetzte, durch die Gänge schlenderte, fehlte jene deutliche Dringlichkeit, die einst die schnell ausverkauften Vorbesichtigungen der NADA geprägt hatte. Vielleicht lag es einfach daran, dass sich mehr als sechs Messen überschnitten, doch es könnte auch damit zu tun haben, dass es trotz des internationalen Profils der NADA und einer starken Präsenz aus Amerika nur wenige Perlen aus Asien und sehr wenige Aussteller aus Europa gab. Dennoch boten die 110 Aussteller, von denen mehr als die Hälfte zum ersten Mal dabei waren, zahlreiche Gelegenheiten, aufstrebende Talente und aufstrebende Galerien zu entdecken. Am Abend des Preview-Tages hatten einige der interessantesten Präsentationen bereits zu Verkäufen und mehreren Reservierungen geführt, insbesondere bei Händlern, die kuratierte Einzel- oder Doppelpräsentationen mitgebracht und die Preise strategisch unter 10.000 Dollar oder sogar im Bereich von 2.000 bis 5.000 Dollar angesetzt hatten.“ Die Hälfte der Aussteller des letzten Jahres ist also nicht zurückgekommen, und verkauft wurde vor allem im New Yorker Taschengeldbereich.

Den endgültigen Abschied der Tefaf von ihrer Markenkompetenz protokolliert Frauke Steffens in ihrem Bericht von der aktuellen New Yorker Ausgabe für die FAZ: „Zehn Jahre nach ihrer Expansion von Maastricht nach Manhattan hat sich der Schwerpunkt der New Yorker TEFAF deutlich verschoben: Auf der Messe, an der diesmal 88 Aussteller teilnehmen, dominieren Moderne Kunst und Nachkriegsdesign statt Antiquitäten und Alte Meister. Auffällig ist außerdem die starke Präsenz von 'Collectible Design' und materialorientierter Gegenwartskunst.“ In der New York Times (Paywall) erfrfeut Walker Mimms auch an den kleinen Dingen: „Im Jahr 2021 hat die TEFAF den Teil ihres New Yorker Programms, der sich mit Alten Meistern und vormoderner Kunst befasste, gestrichen. In diesem Jahr konzentriert sich die Messe mit 88 in- und ausländischen Händlern auf moderne und zeitgenössische Kunst. Der Fokus liegt zudem auf großen Namen: Mit Basquiat, Hockney, Lucio Fontana, Ed Ruscha, Cy Twombly, Yayoi Kusama und Warhol mag ein zwangloser Rundgang übermäßig marktsicher wirken, doch bei genauerem Hinsehen offenbart sich die altbewährte Weisheit und die esoterischen Freuden der TEFAF. Entdecken Sie das Kunsthandwerk. Zwischen den Ständen für Schmuck und Möbel kann Sie noch immer eine Vase mit getrockneten Blumen überraschen, die vom polnischen Designer Marcin Rusak in Harz eingegossen wurde“.

Die Teilnahmekosten der New Yorker Kunstmessen hat Valentina di Liscia für Hyperallergic recherchiert. Überraschenderweise ist demnach die Frieze bei den großen Ständen teurer als die Tefaf.

Die in Dubai lebende Rebecca Anne Proctor hat die Art Dubai für Artnet (evtl. Paywall) besucht: „Dubai erlebt aufgrund des Konflikts einen erheblichen wirtschaftlichen Schock und befindet sich im Übergang von raschem Wachstum zu einer Phase der Anfälligkeit und des Risikomanagements. Dennoch herrschte am Eröffnungstag der Messe eine optimistische Stimmung, und viele Gäste lobten die intimere Atmosphäre, die an eine Version der Veranstaltung aus der Zeit vor Covid erinnerte, bevor die Besucher in Scharen in die Megastadt am Golf strömten. [...] Auch wenn ein unsicherer Waffenstillstand in der Luft lag, wurde auf der Messe kaum über den Konflikt gesprochen. Stattdessen äußerten sich die anwesenden Galeristen, Sammler, Kuratoren und Kunstliebhaber optimistisch über die Zukunft.“

Die für viele angesichts des versemmelten Iran-Kriegs überraschende Durchführung der Messe kommentiert Werner Bloch im Tagesspiegel: „So erhebt sich das 20. Messejubiläum zwar nicht zur eigentlich geplanten prachtvollen Gala. Dies ist eine abgespeckte Version. Paradoxerweise war jedoch noch nie eine Kunstmesse so wichtig wie diese, als politisches Signal an die Welt und als internationales Leuchtfeuer, um Kontinuität am Golf zu demonstrieren. Die „Jetzt erst recht“-Attitüde hat Künstler, Messemacher, Galeristen, die ihre Arbeiten tatsächlich in ein Krisengebiet schickten, erstaunlich zusammengeschweißt.“

Den Auftakt der New Yorker Auktionssaison analysieren Brian Boucher und Alex Greenberger für Artnews: „In seiner Zentrale an der Madison Avenue läutete Sotheby’s die Auktionssaison im Mai frühzeitig ein – mitten in der Eröffnungsphase der Kunstmessen in ganz Manhattan – mit einem soliden, wenn auch wenig aufregenden Verkaufsergebnis von 433,1 Millionen Dollar für moderne und zeitgenössische Kunst, angeführt von einem Gemälde von Mark Rothko im Wert von 85,8 Millionen Dollar. In der kommenden Woche folgen die großen Auktionen bei Christie’s und Phillips. Der entsprechende Verkauf im Vorjahr belief sich auf lediglich 186,1 Millionen Dollar.“

Ob drei Auktionshäsuer in einer Woche Kunst für 2,6 Milliarden Dollar verkaufen können, fragen Tim Schneider Julia Halperin und Zachary Small in der New York Times (Paywall): „Nach Jahren der Zurückhaltung auf dem Kunstmarkt bereitet sich die Branche auf eine möglicherweise äußerst erfolgreiche Frühjahrsauktionssaison vor, die diesen Donnerstag beginnt und eine Woche später endet. Die Anzeichen sind deutlich: Der Aktienmarkt ist im Aufwind, die Familien verstorbener Milliardäre verkaufen ihre Kunstsammlungen, und zahlreiche lebende Milliardäre möchten ein Stück Geschichte erwerben. Zwar herrschen Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine, und die Inflation steigt weiter an. Doch die Stimmung in der Luxus-Kunstbranche ist zum ersten Mal seit Jahren wieder optimistisch. Christie’s, Sotheby’s und Phillips streben an, in der kommenden Woche Kunstwerke im Wert von mehr als 2,6 Milliarden Dollar zu verkaufen. Das liegt zwar immer noch deutlich unter den 3,2 Milliarden Dollar, die sie bei vergleichbaren Auktionen im November 2022 – dem jüngsten Höhepunkt des Marktes – erzielten, aber mehr als 60 Prozent über der hohen Schätzung von 1,6 Milliarden Dollar für die Verkäufe im vergangenen Mai.“

Da der Kunstmarkt in der Druckausgabe des Handelsblatts diese Woche ausfällt, gibt es es ihn ausnahmsweise wieder online. Sabine Spindler blickt darin auf das Münchener Galeriefestival Various Others voraus: „Die Initiative Various Others, gegründet 2017, sieht [Amedeo] Kraupa-Tuskany übrigens auch als Alternative gegen die immer größer werdende Zahl von Contemporary-Messen, die viele Ressourcen verschlingen und Galerien und Offspaces als Orte des Arbeitens mit Künstlern aus dem Blickfeld schieben. Münchens Kunst- und Galerienszene ist virulenter, als viele denken, meint Christian Ganzenberg. 'Wir haben es in den neun Jahren geschafft, ihr ein neues Image zu geben – frischer, internationaler, aber nicht ohne Bezug zu wichtigen Positionen der jüngeren Kunstgeschichte', so der VO-Direktor zum Handelsblatt.“ In der WELTKUNST schreibt Dirk Boll von Christie's: „Nach einer experimentell geprägten Phase scheint die Veranstaltung Various Others ihre Identität gefunden zu haben. Schon jetzt kommuniziert die Website die Kollaborationen als zentrale Idee. Echter Gallery-Weekend-Style schließlich ist das große Dinner am Samstagabend, wie in Berlin an einem aufregenden und für die meisten der Geladenen ungewohnten Ort – auf diese Gästeliste würde man wollen!“

Die Luxusindustrie konzentriert sich wieder auf die USA und Europa hat Business of Fashion (via Instagram) mit einer Untersuchung der Standorte neuer Läden herausgefunden: „Laut dem Immobilienberater Savills sank die Zahl der Neueröffnungen von Luxusgeschäften im vergangenen Jahr auf den niedrigsten Stand seit 2020. Mehr als die Hälfte aller Neueröffnungen konzentrierte sich auf eine Gruppe von etwa 30 sogenannten Alpha-Städten – darunter London, New York, Paris, Dubai, Mailand und Los Angeles. Während die Zahl der Neueröffnungen von Luxusgeschäften in Europa und den USA leicht zunahm, ist der Anteil Asiens an den Neueröffnungen zurückgegangen. Am deutlichsten war der Rückgang in den Tier-2- und Tier-3-Städten Chinas, die jahrelang den Großteil der weltweiten Expansion vorangetrieben hatten. Im Jahr 2025 entfielen nur noch 22 Prozent der Neueröffnungen von Luxusgeschäften auf China, gegenüber 40 Prozent zwei Jahre zuvor.“

Einen eher fragwürdigen Versuch, den verblassenden Stern der Luxusbranche wieder strahlen zu lassen, unternehmen Audemars Piquet und Swatch, die mit der Royal Pop eine Plastik-Version („Bioceramic“) der Royal Oak für lediglich 400 Dollar auf den Markt gebracht haben. Im Manager Magazin berichtet Maren Jensen mit Agenturmaterial vom chaotischen Verkaufsstart: „Gedränge, Schlägereien, beschädigte Türen und außerplanmäßig geschlossene Läden: Der Verkaufsstart für eine Sonderkollektion von Swatch-Uhren in Zusammenarbeit mit der Schweizer Luxusuhrenmarke Audemars Piguet hat am Samstag in New York und mehreren europäischen Städten für chaotische Szenen gesorgt. […] In einem Einkaufszentrum im Großraum Paris strömten rund 300 Menschen am Morgen zu einem Swatch-Laden, in dem die 'Royal Pop'-Uhren verkauft werden sollten. Die Menge sei mit Tränengas auseinandergetrieben worden, hieß es. Dort seien ein Metallrollladen und zwei Sicherheitstüren beschädigt und Polizisten und Sicherheitskräfte angegriffen worden, hieß es weiter. “ Etwas Kontext liefert Allegra Catelli bei Bloomberg (via msn): „Dieser Hype verdeutlicht, wie sehr verspielte, ausgefallene Produkte zu einer Schlüsselstrategie für Luxusunternehmen geworden sind, die in einem für die Branche schwierigen Umfeld um Sichtbarkeit und Wachstum kämpfen. 'Wir unternehmen einen Schritt, der eindeutig mutig ist und Aufmerksamkeit sowie Gespräche über mechanische Uhren anregt', sagte Ilaria Resta, Geschäftsführerin von Audemars Piguet, in einem Interview am Donnerstag. 'Wir müssen die Grenzen einer Kategorie überwinden, die an Relevanz verlieren und durch Disruption bedroht sein kann, indem wir vermitteln, erklären und Liebe und Leidenschaft wecken.'“ Dass wahrscheinlich ein Großteil der verkauften Uhren direkt bei Ebay und anderen Plattformen landet, was eher mit der Liebe zum schnellen Gewinn zusammenhängt, sollte dem Manager allerdings bekannt sein.

Mit einem wieder aufgetauchten Gemälde aus der ehemaligen Goudstikker haben die Niederlande jetzt Gelgenheit, eine gesellschaftliche Diskussion über die eigene Verstrickung in das Nazi-Regime zu führen. Denn der Riss geht, der sich durch den Fall auftut, geht quer durch Eigentümer-Familie, wie Ursula Scheer in der FAZ schreibt: „Da hing wohl jahrzehntelang bei einer Frau in den Niederlanden, die Enkelin eines ranghohen holländischen Kollaborateurs mit den Nationalsozialisten ist, ein Gemälde aus dem früheren Eigentum des jüdischen Kunsthändlers Jacques Goudstikker zuhause im Flur – für Besucher gut sichtbar, vor den Augen der Öffentlichkeit aber verborgen.Ein Hinweisgeber aus der Familie So sollte es nach dem Willen der Besitzerin auch bleiben, wie der auf gestohlene Kunstwerke spezialisierte Detektiv Arthur Brand Medienvertretern nun erzählte. Er hat das Bild, das 'Porträt eines jungen Mädchens' von Toon Kelder, entdeckt. 'Es wurde Goudstikker geraubt, es ist unverkäuflich, erzähl’ niemandem davon', soll die Enkeltochter Brand zufolge einem Mann aus ihrer Familie gestanden haben, der sich als anonymer Informant an den Detektiv wandte. Dem 'Telegraaf' sagte der Mann, er schäme sich. Das Gemälde solle restituiert werden.“ T-online berichtet ohne Paywall.