Kobels Kunstwoche

Art Basel 2026; Foto Stefan Kobel
Art Basel 2026; Foto Stefan Kobel
Portraitfoto von Stefan Kobel

Stefan Kobel

Kobels Kunstwoche 26 2026

Mit Kunstmarktfolklore schmückt Marcus Woeller in der WeLT seinen Bericht über die Art Basel, die „mit einem Höhenflug gestartet“ sei: „Exklusiv sind auf der Art Basel aber vor allem die Verkaufspreise. Rekordverdächtig etwa sind die 35 Millionen Dollar Nachfragepreis, mit denen die Galerie Hauser & Wirth den Verkauf eines Picasso-Gemäldes ('Der Maler und sein Modell in einer Landschaft', 1963) am ersten Preview-Tag meldete. Insgesamt 35 Werke wollen die Schweizer zum Auftakt verkauft haben. 'Der erste Tag der Art Basel 2026 war ein voller Erfolg – so stark wie noch nie zuvor', ließ der Präsident des Unternehmens, Iwan Wirth, verlautbaren.“

In der FAZ (Paywall) argumentiert Ursula Scheer zunächst ähnlich: „Das Gedränge an den Vorschautagen war enorm, und die Händler zeigen sich zufrieden mit ihren Verkäufen. Für noch mehr Schwung sorgen sollte die neue Initiative „Basel Exclusive“: Galerien halten mit diesem Etikett versehen Werke aus ihrem Angebot bis zum ersten Messetag zurück und bewerben oder verkaufen sie nicht schon vorab online. Bei Sprüth Magers ist das zum Beispiel das Bild eines Pferd-Emojis von John Baldessari für 500.000 Euro, bei Zwirner eine Arbeit von Elizabeth Peyton, Kostenpunkt 1,2 Millionen Dollar – und am zweiten Tag verkauft. Insgesamt aber sind die Sammler besonnener geworden. Passend dazu verzichtet die Art Basel in Basel äußerlich auf große Gesten. Statt raumgreifende Spraykunst von Katharina Grosse wie voriges Jahr gestaltet dieses Mal eine unauffällige Brunneninstallation der iranisch-armenischen Bildhauerin Nairy Baghramian den Messeplatz um. Es ist eine Etüde in Metall und Keramik über Hindernisse und Störungen.“

Etwas weniger überschwänglich formuliert Eva Komarek in der Presse (Paywall) aus Wien: „Die Art Basel war immer der Seismograf des globalen Kunstmarkts und nicht zuletzt ein Ort, an dem sich die Branche selbst ihrer Bedeutung versichert. Wer wissen wollte, wohin die Reise geht, musste nach Basel kommen. In diesem Jahr stellt man sich jedoch die Frage, ob man wirklich noch kommen muss. Zumindest stellt sich diese Frage eine Wiener Sammlerin für die nächste Ausgabe. Denn tatsächlich mangelte es der 56. Ausgabe der Art Basel, die noch bis Sonntagabend läuft, an Dynamik. Während die Messeleitung unermüdlich die Rolle als „Flaggschiff“ des Art-Basel-Imperiums betont, waren die Eröffnungstage auffallend ruhig. Das Gedränge vergangener Jahre blieb aus, die Hektik der VIP-Tage ebenso. Viele österreichische Aussteller beschrieben unabhängig voneinander dieselbe Beobachtung: weniger Publikum, weniger Amerikaner, weniger Druck.“

Ein wenig Wasser in den Wein gießt Scott Reyburn in der New York Times (Paywall): „Das Problem ist jedoch, dass viele Marktakteure, vor allem aus den Vereinigten Staaten, den Fokus genau umgekehrt setzen. Die Anziehungskraft der ultraschicken Art Basel in Paris im Oktober veranlasste mehrere in den USA ansässige Aussteller, sich von der diesjährigen Schweizer Messe zurückzuziehen. Auch waren auffallend weniger Amerikaner unterwegs, die sich an den Ständen umschauten. 'Die wichtigsten amerikanischen Sammler warten erst mal ab, bis Oktober', sagte Wendy Goldsmith, eine in Palm Beach, Florida, ansässige Kunstberaterin. 'Paris hat eine bessere Auswahl an Hotels, Restaurants und Geschäften als Basel. Wenn sie sich also entscheiden müssen, wird es jetzt Paris sein.'“

Neben der latenten Fremdenfeindlichkeit der Urbevölkerung nimmt Jens Müller im Tagesspiegel (Paywall) die Folgen der ehemaligen Megalomanie der Messegesellschaft ins Visier: „Im neuen Messebereich 'Zero 10' für die digitale Kunst hat die Galerie Sprüth Magers 'Ocean V' (2010) gehängt. […] Beide Werke hätten ebenso gut am jeweils anderen Ort gezeigt werden können. Ein Schelm, wer denkt, es sei der Messe vor allem darum gegangen, das überdimensionierte Portfolio an Hallen mit neuen Sektoren irgendwie zu befüllen. Dem Raum(über)angebot verdankt auch die Liste als wichtigster Satelliten-Messe seit nunmehr fünf Jahren ihren Standort; davor war sie in einer ehemaligen Brauerei untergebracht.“

Die stillschweigende Einstellung des renommierten Baloise Art Prize, der bisher jährlich auf der Art Basel an eine Position aus dem Bereich Statements verbunden war, meldet Kabir Jhala im Art Newspaper (evtl. Paywall).

Seinen Rundgang über die Satellitenmesse für die FAZ (Paywall) garniert garniert Georg Imdahl mit einem Freudschen Vertipper: „Während die Art Basel in diesem Jahr rund 290 Aussteller beherbergt, summieren sich die Teilnehmer der übrigen Veranstaltungen diesseits und jenseits des Rheins zu einer noch größeren Anzahl von Anbietern. Die Stadt ist voll von Museumsleuten, Sammlern, Kuratoren, Künstlern und Interessenten aus aller Welt, die irgendwas mit Kunst machen. Ein anregender Stress und die Nervosität, vielleicht etwas Sehenswertes zu verpassen, mischt sich mit dem allgemeinen Drang zu mehr und immer mehr Kunst. In der drückenden sommerlichen Wärme schafft das die unnachahmliche Basler Energie. Da taucht man in der beschaulichen Rebgasse gern in die Photo Paris [!] mit ihren 40 Teilnehmern ein“.

Das Phänomen Basel Social Club beschreibt Lydia Huckebrinck für den SWR: „'Basel Social Club ist eine Brücke zwischen Kunst und Leben. Was ist Kunst und was ist nicht Kunst?“, sagt [Mitgründerin Yael] Salomonowitz. Der Social Club ist vielleicht der einzige Ort während der Art Basel, wo wirklich alle zusammen kommen: Sammlerinnen, Galeristen, Messeprofis, aber auch Familien aus Basel, Touristen und nicht zuletzt die lokale Kunstszene. Das zu unterscheiden ist an diesem Ort fast unmöglich. Stundenlang wandelt man durch die Gänge dieses schier grenzenlosen Kunst-Kosmos, bleibt an Skurrilitäten hängen, stolpert über subversive Installationen. Abends wird die Tiefgarage des Gebäudes zum Club, mit Performances und DJ-Sets bis in die Nacht.“

Ich war für Artmagazine und das Handelsblatt vom 19. Juni in Basel.

Einen „Haltet den Dieb!“-Essay hat Marc Spiegler in der New York Times (Paywall) untergebracht, in dem er konstatiert, viele Galerien hätten auf Expansion und eine immer größere Reichweite gesetzt: „In den letzten zwei Jahrzehnten wurde zeitgenössische Kunst Teil der Popkultur, und in Städten auf der ganzen Welt wurden schillernde Museen eröffnet, die Touristen anlocken, die dort Selfies machen. Kunstmessen schossen wie Pilze aus dem Boden und wurden manchmal, wie im Fall der Art Basel Miami Beach, selbst zu kulturellen Großereignissen, die Prominente und viel Medienaufmerksamkeit anzogen. Das Problem ist, dass das Kunstgeschäft selbst mit dem Hype nicht Schritt halten konnte. Mehr Museen und Biennalen bedeuten mehr Ausstellungen, die Galerien unterstützen müssen. Die Teilnahme an Messen ist mit Kosten verbunden, die sich nicht immer auszahlen. Es gibt einfach nicht genug Sammler, vor allem keine neuen Sammler, damit die Rechnung dieser überdimensionierten Kunstwelt aufgeht.“ Wer war in just diesem Zeitraum doch gleich Chef der Art Basel, der bei jeder Gelegenheit erzählte, die Art Baseln brächten überall die beste Kunst der besten Künstler von den besten Galerien an die besten Sammler und die besten Institutionen? Dass ausgerechnet jemand das System beklagt, das er selbst an entscheidender Stelle mitgestaltet hat, verwundert etwas.

Die Hälfte der Frauen in der mittleren Ebene des Kunstbetriebs planten, die Branche innerhalb der nächsten fünf Jahre zu verlassen, fasst Margaret Carrigan die Ergebnisse den Report „Hardwiring Change: Buying Back Time“ von Artnet und der Association of Women in the Arts (AWITA) bei Artnet zusammen: „Was mir am meisten aufgefallen ist: Wie viele Frauen der Generation Z und der Millennials erwägen, die Branche innerhalb der nächsten fünf Jahre zu verlassen – fast die Hälfte. Diese Zahl deutet darauf hin, dass viele der Beschäftigten, die eigentlich in Führungspositionen aufsteigen und die nächste Generation von Kunstschaffenden einstellen sollten, stattdessen darüber nachdenken, ob sie es sich leisten können, zu bleiben. [...] Was sich aus unserer diesjährigen Untersuchung ergibt, ist das Bild einer Branche, die hochqualifizierte Arbeitskräfte – insbesondere Frauen in der Mitte ihrer Karriere – dazu auffordert, finanzielle Unsicherheit, administrative Überlastung und strukturelle Ungleichheiten in Kauf zu nehmen. Mehr als die Hälfte der Befragten nannte eine faire Bezahlung und Arbeitsplatzsicherheit als die wichtigsten Faktoren für eine langfristige Karriere.“