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Kunstwoche

Kobels Kunstwoche

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Realsatire, hier: Vatikan; Foto Stefan Kobel
Realsatire, hier: Vatikan; Foto Stefan Kobel
Portraitfoto von Stefan Kobel

Stefan Kobel

Kobels Kunstwoche 2 2026

Von einigen erwartet und von vielen erhofft, zog der Auktionsmarkt, dem der dritte und letzte Teil unseres Rückblicks gewidmet ist, im zweiten Halbjahr spürbar an, international, aber auch in den deutschsprachigen Ländern. Mit Handtaschen, Turnschuhen und Juwelen versuchen sich die großen Auktionshäuser über die Flaute im Kunstmarkt zu retten, ist einer Analyse von George Nelson Mitte August für Artnews zu entnehmen: „Da jedoch die Verkäufe von hochwertigen Kunstwerken weiterhin stagnieren, setzen Auktionshäuser zunehmend auf Luxuskategorien. Laut dem Marktforschungsunternehmen ArtTactic gingen die Verkäufe von Kunstwerken bei Christie's, Sotheby's und Phillips im ersten Halbjahr 2025 im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Jahr 2022 um 44 Prozent zurück. Das ist ein Loch von rund 3 Milliarden Dollar, das gestopft werden muss, was die Auktionshäuser offenbar mit Erlösen aus dem Verkauf von hochwertigen Handtaschen, Schmuck, Wein, Whisky und Sammlerautos tun. Laut einem weiteren Bericht von ArtTactic erreichten die Verkäufe von Luxusgütern in der ersten Hälfte des Jahres 2024 einen Marktanteil von 18,8 Prozent nach Wert – und stiegen bis 2025 auf 20,2 Prozent.“ Zu ähnlichen Schlüssen komme ich bei Monopol (Paywall).

Christie's schließt seine Abteilung für digitale Kunst, meldet Anfang September zuerst Matt Medved bei dem Magazin für digitale Kultur Now Media: „Christie's schließt laut Quellen, die mit der Situation vertraut sind, seine Abteilung für digitale Kunst. 'Christie's hat eine strategische Entscheidung getroffen, den Verkauf digitaler Kunst neu zu gestalten. Das Unternehmen wird weiterhin digitale Kunst innerhalb der größeren Kategorie 'Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts' verkaufen', erklärt ein Sprecher von Christie's“. Über den Schritt von Christie's und die Zukunft von NFTs hat Britta Bürger von Deutschlandfunk Kultur mit mir gesprochen (Audio).

Sotheby's setze konsequent auf Luxusgüter, schreibt George Nelson bei Artnews: „Der Masterplan des Milliardärs Patrick Drahi, Sotheby's in ein Luxus-Einzelhandelsimperium zu verwandeln, wird im Dezember einen Schub erhalten, wenn das Auktionshaus die Abu Dhabi Collectors' Week veranstaltet, seine erste Reihe von Luxusverkäufen im Emirat. Formel-1-Rennwagen, der schnellste Aston Martin aller Zeiten, riesige Diamanten, seltene Rolex-Uhren und viele andere teure Glanzstücke werden vom 3. bis 5. Dezember unter den Hammer kommen.“ Bei dem ausgeweiteten Jahresverlust, den Robert Smith und Josh Spero in der Financial Times (Paywall) melden, braucht das Unternehmen auch dringend neue Einnahmequellen.

Die Auktionsergebnis der Sammlung Karpidas in London ist für George Nelson bei Artnews ein Grund zum Jubel: „Die Versteigerung der Sammlung der britischen Prominenten und Kunstmäzenin Pauline Karpidas durch Sotheby's übertraf am Mittwochabend mit einem Erlös von 100 Millionen Dollar (alle Preise inklusive Gebühren) die höchste Schätzung von 53 Millionen Dollar. Das 'White Glove'-Ergebnis – das bedeutet, dass 100 Prozent der Lose verkauft wurden – war der höchste Gesamtbetrag für eine bestimmte Auktion in London.“ Ist das schon ein Zeichen für eine Erholung des Marktes? Dass die Auktion erfolgreich sein würde, zeichnete sich schon im Vorfeld ab. Die Provenienz exquisit, die Werke erstklassig, die Taxen attraktiv und sämtliche Lose über Garantien vorab verkauft – da wurde kaum etwas dem Zufall überlassen. Gleichwohl sind die Bietgefechte ein gutes Zeichen, denn die Stimmung ist wahrscheinlich der wichtigste Konjunkturtreiber im Kunstmarkt.

Eine glänzende Auktion hat Susanne Schreiber bei Kornfeld in Bern für das Handelsblatt erlebt: „So ein Angebot kommt nie wieder auf den Markt: 247 Katalognummern an Druckgrafik von Edvard Munch, zusammengetragen noch zu Lebzeiten des Künstlers von dem Bankier und Rechtsanwalt Arnold Budczies. Kornfeld in Bern widmete dieser in der Familie bewahrten Munch-Sammlung einen eigenen Katalog, der nicht nur die erlesensten Vorbesitzer angibt, sondern auch die für den Kenner wichtigen Drucker der Blätter. Das Berner Versteigerungshaus setzte damit am 11. September nach eigenen Angaben knapp 17 Millionen um, von insgesamt gut 80 Millionen Schweizer Franken Gesamtergebnis. […] Fünfzehn Millionenwerke in einer Saison – das schafft kein Auktionshaus hierzulande. Und dazu noch 100 Werke über der Schwelle von 100.000 Franken. Ein glänzendes Ergebnis. Die Kombination von Motiv und erstklassiger Provenienz war hier immer wieder Preistreiber. “

Die Auktionen in Hongkong Anfang Oktober senden derweil positive Signale, meldet Elisa Carollo im Observer: „Angeführt von dem mit Spannung erwarteten Picasso-Gemälde „Buste de femme“ (1944) erzielte die Abendauktion für Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts von Christie's am Freitag, dem 26. September, in Hongkong mit einem Gesamtergebnis von 565.649.000 HK$ (73.038.183 $) knapp kein White-Glove-Ergebnis und sorgte damit für einen starken Start in die Saison der großen Abendauktionen im Herbst, die nun in Asien beginnen, bevor sie nach London und New York weiterziehen.“

Private Deals und Private Auctions als in ihrer Intransparenz den Schattenbanken nicht unähnliche Instrumente beschreibe ich für Monopol (Paywall).

Erleichterung macht sich breit nach den Abendauktionen in London, und Elisa Carollo jubelt im Observer: „Den Auftakt machte die Londoner Abendauktion von Christie's für Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts am 15. Oktober, die mit 106.925.400 £ (142.852.000 $) ein robustes Ergebnis erzielte und damit die beste Abendauktion des Auktionshauses während der Frieze Week seit mehr als sieben Jahren darstellte. Der Gesamtumsatz stieg gegenüber dem Vorjahr um 30 Prozent, wobei 92 Prozent der Lose und 90 Prozent des Wertes verkauft wurden. [...] Angeführt von einem 17,6 Millionen Pfund teuren Francis Bacon schloss die Contemporary Evening Auction von Sotheby's mit 63,5 Millionen Dollar. Der Gesamtumsatz lag zwar weniger als halb so hoch wie der von Christie's am Vorabend, doch muss man dabei den Kontext berücksichtigen: Dies war die dritte große Abendauktion von Sotheby's in London seit März, während es für Christie's die erste in dieser Saison war.“

Den Verkauf des Auktionskonzerns Bonhams durch die Private Equity-Firma Epiris an den Kreditmanager Pemberton Asset Management melden George Nelson bei Artnews und etwas ausführlicher Artlyst.

Warum der chinesische Auktionsmarkt immer noch so unzuverlässige Zahlen liefert, untersucht Roula Khalaf für die Financial Times.

Frühlingsgefühle im Pariser Kunstmarkt macht Bettina Wohlfarth in ihrem Nachbericht zu den dortigen Auktionen Anfang November für die FAZ aus: „Sotheby’s, Christie’s, Artcurial und die Versteigerer im Drouot setzten in der herbstlichen Kunstwoche gut 220 Millionen Euro um – etwa ein Drittel mehr als im Vorjahr. Die spannendste Auktion eröffnete Christophe Lucien, als er im übervollen Saal des Drouot ein Porträt von Dora Maar aufrief, das Pablo Picasso 1943 gemalt hatte. 'Buste de femme au chapeau à fleurs' war 80 Jahre in derselben Privatsammlung verblieben und bislang nur durch zwei Schwarz-Weiß-Fotografien bekannt gewesen. Der Hammer fiel erst nach 35 Minuten bei 27 Millionen Euro – weit über den Erwartungen von um acht Millionen. Die zuletzt um das Werk wetteifernden Bieter befanden sich alle im Saal, wobei der Zuschlag zugunsten des bestens bekannten Händlers und Sammlers David Nahmad erging.“

So gute Nachrichten gab es schon länger nicht mehr vom Auktionsmarkt. Kunst für rund zwei Milliarden Dollar wechselte bei den Herbstauktionen in New York vergangene Woche den Besitzer. Über Sotheby's berichten Elisa Carollo für den Observer, Zachary Small und Julia Halperin für die New York Times (evtl. Paywall) und Sarah Douglas für Artnews. Über die Woche bei Christie's schreiben Harrison Jacobs und Brian Boucher bei Artnews, Eileen Kinsella bei Artnet (evtl. Paywall) und Elisa Carollo im Observer.

In seiner Zusammenfassung der Ergebnisse für Artnews warnt George Nelson jedoch vor Euphorie: „Eine Person, die sich jedoch nicht allzu sehr mitreißen ließ, war Philip Hoffman, Gründer der Fine Art Group, der gegenüber ARTnews erklärte: 'Zwar ist das Interesse zweifellos gestiegen, aber ich würde nicht sagen, dass der Markt wieder boomt. In den Galerien für junge zeitgenössische Kunst ist nach wie vor ein deutlicher Rückgang der Kaufaktivitäten zu verzeichnen. Der untere bis mittlere Marktbereich bleibt weiterhin schwierig.'“

In seiner ausführlichen Analyse der New Yorker Auktionswoche arbeitet Zachary Small für die New York Times einige Trends heraus: „Aber mit etwas Strategie und ein wenig Glück verkauften die Auktionshäuser letzte Woche Kunstwerke im Wert von 2,2 Milliarden Dollar. Insgesamt erzielten die großen Auktionen im November in New York einen Anstieg von 77 Prozent gegenüber den entsprechenden Auktionen des Vorjahres (allerdings immer noch 30 Prozent weniger als der jüngste Höchststand des Marktes von 3,2 Milliarden Dollar im Jahr 2022). Wie haben sie das geschafft? In diesem Jahr haben die Auktionshäuser ihre Schätzungen zurückhaltender gestaltet und die Einlieferer dazu ermutigt, ihre Erwartungen zu senken. Außerdem garantierten sie, dass 70 Prozent des geschätzten Wertes der Abendauktionen bereits vor Öffnung der Auktionsräume so gut wie verkauft waren. Führungskräfte beschafften seltene Gemälde aus den Nachlässen kürzlich verstorbener [...] Die gemischten Ergebnisse deuteten darauf hin, dass der Kunstmarkt zwar noch nicht zu seinen jüngsten Höchstständen zurückgekehrt ist, aber vielleicht wieder Fuß gefasst hat. Zwölf Gemälde wurden für jeweils mehr als 20 Millionen Dollar verkauft, gegenüber sieben im letzten November, aber weniger als 24 im November 2023.“

Eine runde Sache. Nachdem die Kunstauktionen in New York diese Saison schon zahlreiche Rekorde gebracht haben, konnte Christie's in London jetzt für ein marktbekanntes Fabergé-Ei 22,9 Millionen Pfund inklusive Aufgeld einnehmen, wie Andy Battaglia Anfang Dezember bei Artnews berichtet. Die Geschichte des Eis erzählt Richard Whiddington bei Artnet. Der Kölner Kunstversicherungsmakler Stephan Zilkens ordnet das Ergebnis für WDR Aktuell (Youtube-Video) ein.

Die Auktionsergebnisse bei Grisebach in Berlin fasst Johannes Wendland im Handelsblatt zusammen: „Nicht zuletzt dank der Sammlung Bauer konnte Grisebach einen Gesamtumsatz von 20,8 Millionen Euro erzielen, von denen allein 5,7 Millionen auf die 115 Lose der Kollektion fielen, der Grisebach einen eigenen Nachmittagstermin widmete. Spitzenlos war hier das kleine „Selbstbildnis nach halblinks“ aus dem Jahr 1906 von Paula Modersohn-Becker, eine reduzierte, intensive Öltemperaarbeit auf Papier auf Pappe, die Bauer 1942 in der Galerie Ferdinand Möller erworben hatte. Möller zählte zu den vier deutschen Kunsthändlern, die als „entartet“ verschriene Kunst eigentlich nur im Ausland verkaufen durften. Jetzt ging das Werk für den Rekordpreis von 1,3 Millionen Euro an eine europäische Privatsammlung.“

Die fulminante Abendauktion bei Ketterer in München am 5. Dezember habe ich für Artmagazine mitverfolgt.

Das Auflösung von Trends auf dem Kunstmarkt liest Sabine Spindler aus den Auktionen bei Ketterer in München für das Handelsblatt: „Jahrzehntelang gab es Trends auf dem Auktionsmarkt. Nach den Expressionisten kam die ZERO-Welle, dann erlebte die Pop-Art ein Revival. 'Heute ist das anders', sagte Robert Ketterer dem Handelsblatt Ende letzter Woche, kurz nach den vielen Höhenflügen der 600. Auktion mit moderner und zeitgenössischer Kunst. 'Der neue Trend heißt: Künstler als Marke.' Allein die acht Millionenerlöse geben ihm wohl recht.“ In der FAZ vom 13. Dezember schreibt Brita Sachs: „Der Gesamtumsatz von 51 Millionen Euro (inklusive Aufgeld, ohne Privatverkäufe) im zweiten Halbjahr 2025 bringt Ketterer zum 15. Mal in Folge in die Spitzenposition unter den deutschen Kunstversteigerern. 2,3 Millionen trug die Buchauktion in Hamburg bei, die mit der Goethe-Briefsammlung von Walter Barth glänzte. 23 Lose daraus konnte das Goethe- und Schiller-Archiv der Klassik-Stiftung Weimar erwerben.“

Die Auktionen bei Lempertz in Köln resümiert Christiane Fricke für das Handelsblatt: „Henrik Hanstein, Geschäftsführer des Auktionshauses Lempertz, klingt erschöpft, als er nach einer vollen Auktionswoche Bilanz zieht. 'Der ganze Markt hat schon mal bessere Jahre gehabt.' Aber die Auktionen stünden besser da. Hanstein denkt an die vielen Galerien, denen das Wasser bis zum Hals steht, nicht an das eigene Haus. Hinter ihm liegen die Fotoauktion, die Abendauktion – ein Mix mit Altmeistern, drei Juwelen und einem römischen Relieffragment – sowie die Tagauktionen für moderne und zeitgenössische Kunst. [...9 Mit Aufgeld kamen vor einem gut gefüllten Saal auch 6,6 Millionen Euro Umsatz zusammen, die Nachverkäufe eingerechnet. Mit den Day-Sales summiert sich das Ergebnis auf 11,49 Millionen Euro für circa 395 Lose ohne die Fotoauktion.“

Mit dem Umzug ins Met Breuer Building in New York stelle sich Sotheby's breiter auf, erklärt Elisa Carollo im Observer: „Es ist auffällig, wie Sotheby's weltweit die Grenze zwischen Museum und Luxusmarke auslotet und eine Form der bewussten Markenverwässerung einsetzt, um sein symbolisches Kapital über Preisklassen und Zielgruppen hinweg zu vervielfachen – in einer Wirtschaft, die von Inhalten, Erlebnissen und Spektakel geprägt ist. Insgesamt scheint die Einführung ein erfolgreicher Ausdruck der 'New World'-Erfahrung von Sotheby's zu sein, in deren Rahmen das Auktionshaus Flagship-Stores im Boutique-Stil in Hongkong, Paris und nun auch in New York eröffnet hat. Diese bieten ein umfassendes, kategorieübergreifendes Luxuserlebnis, das weit über die traditionellen Insider der Kunstwelt hinausgeht und Besucher anspricht, die vielleicht nicht auf Auktionen kaufen, sich aber auf anderen Ebenen mit der Marke Sotheby's beschäftigen, sei es durch den Kauf von einzigartigem Schmuck oder von Souvenirs aus Ausstellungen.“