Kobels Kunstwoche 4 2026
Gleich zwei schwere Schläge hat der Kunstmarkt in Österreich zu verkraften. Die führende Kunstmesse Viennacontemporary wird nicht mehr stattfinden, wie ich bei Artmagazine melde. Für den Kurier (Paywall) berichtet Michael Huber im Detail: „ Im Gespräch mit dem KURIER bestätigt nun der Geschäftsführer der Trägergesellschaft, Markus Huber (nicht mit dem Autor verwandt) das Aus: 'Die Viennacontemporary wird in der bisherigen Form als internationale Kunstmesse nicht weitergeführt'. Unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen Bedingungen sei das Format nicht mehr finanzierbar. Sowohl die Situation der öffentlichen Budgets als auch die damit eng verbundenen Sponsorenpotenziale ließen eine Durchführung derzeit nicht zu, erklärt Huber - zumindest nicht in dem ambitionierten Format, das den Messeverantwortlichen, Shareholdern gemeinsam mit dem Galerienverband und der Stadt Wien 2023 vorgeschwebt war: Der Plan sei gewesen, die Kräfte Wiens in einem 'Kunstherbst' zu bündeln und damit international zu strahlen.“ Finanzielle Hintergründe und der Standpunkt des Galerienverbandes sind bei Olga Kronsteiner im Standard nachzulesen: „Überraschend kommt das Ende der VC für die heimische Galerienszene ja nicht. Sowohl die finanziellen Schwierigkeiten der Betreibergesellschaft als auch 'die problematische finanzielle Gebarung und die chaotische Firmenstruktur' seien 'seit längerer Zeit Gegenstand von Diskussionen', erklärt Martin Janda namens des Galerienverbandes. Dessen zentrales Anliegen bliebe jedoch, dass es in Wien 'eine starke Plattform für Galerien' gebe, die wiederum 'auch dem hohen Niveau entsprechen müsse, mit dem Galerien seit Jahren intensiv arbeiten und den Standort Wien zu einem international beachteten Ort für zeitgenössische Kunst gemacht haben'.“ Eine zusammenfassende Meldung ohne Paywall findet sich bei Monopol.
Nur einen Tag später verliert Salzburg seine renommierteste Messe, meldet Werner Remm bei Artmagazine: „'Die Absage der Messe in der Karwoche 2026 ist das Ergebnis eines langen und intensiven Prozesses. Wir haben alle uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten geprüft und viel Engagement investiert', mit dieser Meldung gab Alexandra Graski-Hoffmann, Geschäftsführerin der ART&ANTIQUE Salzburg heute bekannt, dass die traditionsreichen Kunst- und Antiquitätenmessen in Salzburg dieses Jahr nicht stattfinden können.“ In der Presse (Paywall) aus Wien führt Eva Komarek aus: „Diese Messe, die seit mehr als 50 lahren immer parallel zu den Osterfestspielen stattfindet, scheitert an der Genehmigung zu Nutzung der Prunkräume der alten Residenz. Eigentlich hätte wegen des Umbaus des Domquartiers die Messe ins Congresshaus ziehen sollen. Nachdem der Umbau aus budgetären Gründen aber bis auf weiteres verschoben wurde, suchte Messeveranstalterin Alexandra Graski-Hoffmann wieder um die Nutzung der Residenz an. Wegen Denkmalschutz-Bedenken eines Beirats wurde die Nutzung jedoch abgesagt.“ Die Veranstalterin verweise darauf, dass in der Residenz durchaus weiterhin Veranstaltungen abgehalten würden. Während die Wiener am Markt und sich selbst scheitern, scheint in Salzburg der Amtsschimmel ohne Not ein erfolgreiches Format abzuwürgen.
Wie sich die Zunft der Antiquare für Gegenwart und Zukunft fit macht, erklärt Ursula Scheer in ihrem Vorbericht zu den beiden Messen in Stuttgart und Ludwigsburg in der FAZ vom 17. Januar: „Um ihre Attraktivität zu erhöhen, stellt die Messe sich nun aber breiter auf als bisher. Sie öffnet sich stärker der Moderne und Gegenwart, mit Künstlerbüchern, Fotobänden und Plattencovern. Eine Abteilung für junge Sammler bietet Objekte zum kleinen Preis von 50 bis 300 Euro. Im erweiterten Rahmenprogramm gibt es eine Kabinettausstellung zum 150. Geburtstag von Rainer Maria Rilke, Vitrinenpräsentationen der Aussteller und Podiumsdiskussionen, Vorträge sowie Workshops. Die Antiquariatsmesse soll vom Marktplatz in einen Verkaufsund Diskursraum mit einem erweiterten Verständnis von Buch-, Kunst- und Objektkultur ausgebaut werden.“
Das vergangene Auktionsjahr in Frankreich resümiert Bettina Wohlfahrt in der FAZ (Paywall): „Trotz instabiler innenpolitischer Lage und eines beunruhigenden internationalen Umfelds endete das Auktionsjahr 2025 in Frankreich positiv. Im zweiten Halbjahr ging es bei fast allen Versteigerern bergauf und gewann das Auktionsangebot an Qualität.[...] Nach einem wenig bemerkenswerten ersten Halbjahr konnte Sotheby’s im zweiten Semester und insbesondere durch die Prestigeauktionen im Oktober mit beeindruckenden Zuschlägen aufwarten und sich Ende Dezember mit einem Umsatz von 386,5 Millionen Euro zum französischen Marktführer erklären. Für 2025 nimmt das Haus von Patrick Drahi allerdings erstmals die Auktionen mit Luxusautos des Unternehmenszweigs RM Sotheby’s mit in die Bilanz auf. Die angegebene Steigerung von 35 Prozent schmilzt auf gut zehn Prozent, wenn man den Automobilumsatz von 70 Millionen Euro ausklammert, um eine korrekte Vergleichsbasis mit dem Vorjahr und dem Mitstreiter Christie’s zu wahren, der in diesem Fall den eigentlichen Spitzenplatz einnimmt.[...] Einige der mittelgroßen Häuser können hervorragende Geschäftszahlen melden. Millon erhöhte seine Umsätze in Frankreich um 24,6 Prozent auf 88,7 Millionen Euro und rückt auf Platz vier vor.“
Nicht nur in den USA gerate die Kunst immer weiter unter auch ökonomischen Druck, sondern hierzulande ebenfalls, merkt Ulrike Knöfel im Spiegel (Paywall) an: „Künstlerinnen und Künstler, die keine der umsatzstarken Galerien im Rücken haben, sind für viele Einrichtungen gleich weniger interessant. So beeinflusst der Markt, was in den Museen vorkommt – oder eben nicht. Unabhängigkeit sieht anders aus. […] Nur fehlt hierzulande gleichzeitig das Bewusstsein dafür, welch wertvollen Schatz die eigene (großartige) Infrastruktur aus Museen und Kunsteinrichtungen darstellt und wie wichtig deren finanzielle Ausstattung ist. Angesichts dieser Verhältnisse nur auf Amerika zu zeigen, ist im wahrsten Sinne des Wortes: billig.“ Der grundlegende Unterschied zwischen staatlicher Repression und ideologischer Gängelung, die unter anderem mit dem Scheckbuch betrieben wird, und bräsiger Kulturpolitik mit dem Rotstift wird in der Argumentation allerdings kaum herausgearbeitet.
Steuerschulden lassen sich in Großbritannien mit begleichen. Das geschieht sogar transparent, wie Leigh Anne Miller für Artnews berichtet: „Der Arts Council England hat die Ergebnisse seiner Initiativen 'Cultural Gifts Scheme' (CGS) und 'Acceptance in Lieu' (AIL) für den Zeitraum 2024–25 bekannt gegeben. In diesem Zyklus wurden 32 Kunstwerke in öffentliche Sammlungen aufgenommen, deren Gesamtwert sich auf fast 80 Millionen Dollar beläuft.“
In welchem Umfang große Vermögen den Kunstmarkt bewegen, macht Melanie Gerlis in ihrem Bericht über Single Owner Sales für die Financial Times (Paywall) deutlich: „'Neu ist das Ausmaß, sowohl hinsichtlich des Volumens als auch des Wertes', sagt Caroline Sayan, Präsidentin und CEO der Kunstberatungsfirma Cadell North America. Zuvor war sie 25 Jahre lang bei Christie's tätig und betreute dort Nachlassverkäufe, darunter die 835 Millionen Dollar teure Sammlung von Peggy und David Rockefeller im Jahr 2018, ein Jahr nach dem Tod des Industriellen und Erben. 'Stellen Sie sich das wie Flugzeuge vor, die landen. Vor dieser Zeit gab es kleinere Jets, einzelne Flugzeuge, und es war einfach, sie zu manövrieren. Dann kamen plötzlich diese Jumbojets', sagt sie. Statistiken des Analyseunternehmens ArtTactic zeigen, dass im Jahr 2018 Sammlungen aus einem einzigen Besitz – überwiegend Nachlässe – 2,1 Milliarden Dollar (17 Prozent) des Auktionsumsatzes ausmachten, gegenüber 820 Millionen Dollar (7 Prozent) im Jahr 2017. Seitdem haben die Gesamtumsätze und Prozentsätze diesen Wert noch übertroffen: Sammlungen aus Einzelbesitz haben einen durchschnittlichen Wert von 2,6 Milliarden US-Dollar und machen 23 Prozent der Auktionsumsätze im Zeitraum 2021–2025 aus.“ Man kann sich das nicht oft genug vor Augen führen: Mittlerweile stammt knapp ein Viertel des Auktionsumsatzes und damit mehr als ein Zehntel des gesamten Kunstmarktvolumens aus dem Bestand von einer oder zwei Handvoll Personen.
Die ökonomischen Bedingungen geflissentlich ignorierend, beklagt Jonathan Guggenberger die oft untertänig daherkommende Zahnlosigkeit aktueller Kulturkritik in der taz: „Klar, angemessene Honorare, nicht nur für die glücklichen Alten, sondern für die unglücklichen Jungen, wären ein Anfang. Aber mit Geld allein lässt sich die Mutlosigkeit dieser Autoren-Generation, der auch ich angehöre, nicht abschütteln. Diese Last kann uns keiner nehmen, das Problem geht tiefer. Zu viele von uns sagen eigentlich zu allem ja, danke, bitte, toll, toll, toll, was ihnen in diesem Ruinenbetrieb nur irgendwie das Image poliert. […] Aber wer will es ihnen übelnehmen? Geformt hat diese jungen Autoren ein Buckel-Betrieb, der den eigenen Untergang ohnmächtig verwaltet; Redakteure, die zwischen Anzeigenstress und Spardelirium all jene Texte wegredigieren, die ihnen und uns Ärger bereiten könnten – was eigentlich der Sinn des kritischen Schreibens wäre und, wie gesagt, gut klicken würde.“ Seine Brandrede schließt mit dem Aufruf: „Sollten Redakteure, die früher selbst jung und rebellisch waren, eure verdammt guten Texte mal wieder nicht drucken wollen, dann pfeift doch auf sie. Dann müssen wir eben unsere Köpfe zusammenstecken, unsere Stimmen und unsere Portemonnaies in den Ring schmeißen und eigene Zeitungen, Magazine oder Plattformen gründen.“ Ein Haufen leerer Brieftaschen im Ring taugt allerdings bestenfalls als Stolperfalle.
Die Pflichten des Kunsthandels beim Datenschutz legen die Anwältinnen Lena Pütz und Anna Bolz im WELTKUNST Insider (60 Tage kostenlos) dar: „Ein renommiertes Auktionshaus erhält eine Anfrage eines Kunden. Dieser will sich über die Verarbeitung seiner personenbezogenen Daten informieren und verlangt umfassende Auskunft über alle gespeicherten Informationen. Das Auktionshaus muss nun unverzüglich, aber spätestens binnen eines Monats detailliert darlegen, welche Daten es warum und wie lange speichert – eine Herausforderung für eine Branche, die traditionell auf Diskretion setzt und hochanspruchsvolle Kunden versorgt. Hier steht Professionalität und Vertrauen auf dem Spiel. Dieses Szenario verdeutlicht die Komplexität, mit der sich Kunsthändler, Galerien und Auktionshäuser heute konfrontiert sehen. Die Tradition der Diskretion im Kunstmarkt kann potenziell mit den Transparenzanforderungen der DSGVO kollidieren.“ Die Autorinnen arbeiten für ein Unternehmen, das „ Anti-Money-Laundering- und Datenschutz-Dienstleistungen speziell für den Kunstmarkt anbietet.“ In der Webversion des Artikels fehlt dieser Hinweis.
Über die Probleme beim Handel mit Antiken spricht Hans-Joachim Müller in der WeLT vom 17. Januar mit Österreichs führendem Branchenvertreter: „Zunächst einmal ist es wichtig zu wissen, sagt Christoph Bacher, dass man in den meisten Ursprungsländern sehr lange offiziell und legal einkaufen konnte. In Ägypten gab es etwa bis 1983 offizielle Antikenhändler und selbst im Museum in Kairo einen Shop, in dem man Original-Objekte in jeder Preisklasse kaufen und ausführen konnte. Das hat nichts mit Kolonialismus oder Raubgrabungen zu tun. Die griechische Militärdiktatur habe ebenfalls den Handel mit Antiken bis in die 1970er-Jahre forciert, weil damit wichtige Devisen ins Land kamen. In Damaskus habe der Handel gar bis 2007 geblüht. Aber: ,Diese Zeiten sind jetzt vorbei, kein seriöser Händler arbeitet mehr ohne Ausfuhrpapiere oder kauft in einem Land, in dem die Ausfuhr verboten ist', betont Bacher. ,Sie sprechen vọn Kolonialismus-Verdacht, ich spreche von einem bedenklichen Kunst-Nationalismus, der heute grassiert. Der Mittelmeerraum kannte vor 2000 Jahren keine nationalen Grenzen. Kulturgüter sind für mich ein Erbe der Menschheit, nicht von Regierungen." Der Autor musste mit einem Händler aus Österreich sprechen, weil deutsche Behördengründlichkeit den hiesigen Markt praktisch zerstört hat.
Seinen plötzlichen Rückzug erkläre der Gründer und Leiter der Kochi-Biennale Bose Krishnamarachi mit familiären Gründen, meldet Leigh Anne Miller bei Artnews: „Die Kochi-Muziris Biennale hat seit ihrer ersten Ausgabe, die von Krishnamachari und Mitbegründer Riyas Komu kuratiert wurde und im Dezember 2012 eröffnet wurde, mehrere Kontroversen überstanden, darunter Vorwürfe wegen finanzieller Misswirtschaft und sexueller Belästigung, Kommunikationsprobleme mit teilnehmenden Künstlern und organisatorische Herausforderungen.“
Die Berliner Galerie Mehdi Chouakri legt eine Pause ein, melde ich bei Artmagazine. Brian Boucher von Artnews gegenüber begründet der Galerist seinen Schritt: „'Meine Entscheidung hat ganz persönliche Gründe', erklärte Chouakri in einer E-Mail an ARTnews. 'Wie Sie wissen, erfordert das traditionelle Primärmarktmodell immer mehr Zeit und Energie, und ich möchte mehr Zeit für die Menschen in meinem Umfeld aufwenden.' Die Galerie werde möglicherweise bereits im Herbst eine weitere Ausstellung organisieren, sagte er.“