Kobels Kunstwoche 35 2026
Gleich zwei Kunstmessen haben Regine Müller für das Handelsblatt vom 21. August nach Salzburg gelockt: „Umso erstaunlicher ist nun, dass sich der Messestandort Salzburg innerhalb kurzer Zeit wie ein Phönix aus der Asche erhoben hat und im Sommer nicht nur mit der Art & Antique in alter Frische am neuen Standort auftritt, sondern mit der 'Sifaf' (Salzburg International Fine Art Fair Summer Edition) eine zweite hochkarätige Messe etabliert. Der Testlauf der Sifaf begleitend zu den Osterfestspielen hatte die Organisatoren ermutigt, auch im Sommer wieder anzutreten. Und alles spricht dafür, dass die neue Messe gekommen ist, um zu bleiben.“
Ihren theoretischen Ansatz erklärt Wassan Al-Khudhairi, die Nachfolgerin von Wael Shawky als Direktorin der Art Basel Qatar im Interview mit Dan Duray für den Observer: „Verkäufe sind wichtig, weil sie dazu beitragen, dass Galerien ihre Programme aufrechterhalten und Künstler langfristig unterstützen können. Ich glaube nicht, dass wir so tun müssen, als wäre der Markt irgendwie von einer Kunstmesse getrennt, und ich glaube auch nicht, dass kuratorische Strenge und der Markt als gegensätzliche Kräfte behandelt werden müssen. [...] Das Ziel ist also nicht, den Markt unsichtbar zu machen. Es geht darum, sicherzustellen, dass die Begegnung mit der Kunst beginnt, dass genügend Tiefe und Kontext vorhanden sind, damit die Menschen verstehen, was ein Künstler tut und warum das Werk wichtig ist. Ich glaube, dass dies letztendlich genau jene Beziehungen fördern kann, von denen ein gesundes Kunstökosystem abhängt.“ Das erinnert ein bisschen an die seinerzeitigen Einlassungen von Cay Sophie Rabinowitz kurzzeitig Co-Direktorin der Art Basel und wird bei Galeristen möglicherweise nicht nur auf Begeisterung stoßen.
„Die Zeit der leisen Töne ist endgültig vorbei“, überschreibt das Handelsblatt vom 21. August etwas reißerisch den Bericht über die Auktionssaison von Michael Lassmann: „Sotheby’s blickt mit 4,4 Milliarden Dollar Umsatz auf das beste erste Halbjahr seiner Geschichte zurück und steigerte seinen Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 58 Prozent. 3,4 Milliarden entfielen auf Auktionen, während Private Sales mit 826 Millionen ihren Anteil verdoppelten. Mit 90 Prozent vermittelten Losen erzielte man die höchste Verkaufsquote seit 2010. Wieder erholt hat sich der Bereich Fine Arts, allein die Frühjahrsauktionen in New York erzielten 908,6 Millionen Dollar mit einer Rekord-Verkaufsquote von 92,5 Prozent. Auch bei Christie’s war man in der ersten Jahreshälfte nicht untätig: Dort schrieb man für den Zeitraum sogar 4,5 Milliarden Dollar, die Auktionsumsätze stiegen um 71 Prozent auf 3,5 Milliarden, während die Einnahmen aus Private Sales eine Milliarde überstiegen.“ Für leise Töne waren die Auktionskonzerne allerdings noch nie bekannt, und von einer Saison auf einen immerwährenden Trend zu schließen, scheint dann doch etwas gewagt.
Die Kontraktion in einigen Bereich des Kunstmarkts lässt Ursula Scheer in der FAZ vom 22. August fragen, wie groß zu groß sei: „Wohin die Reise geht, haben auch die Messeunternehmen erkannt. Die Frieze in London stärkt aufstrebende Künstler und Galeristen, und die Art Basel hat in Doha nicht noch eine Weltausstellung des Kunstmarkts installiert, sondern eher eine Regionalmesse, kuratiert und überschaubar. Die Megagalerien haben Substanz genug, um sich weiter zu transformieren, je nachdem sogar über den unausweichlichen Generationenwechsel in den Familiengeschäften hinweg. Für die mittleren und kleinen Galerien, die die Aufbauarbeit leisten, sieht das anders aus.“
Der Markt für sammelwürdige Autos weist Parallelen zum Kunstmarkt auf, wie ein Report des Spezialversicherers Hagerty vor Augen führt: „Die Zahlen liegen vor, und die Auktionen in Monterey 2026 haben Geschichte geschrieben. Der Gesamtumsatz erreichte einen Rekordwert von 755,6 Mio. $ und übertraf damit sogar den pandemiebedingten Hype von 2022. Hinter dieser Schlagzeile verbirgt sich jedoch eine komplexere Geschichte: Der Markt spaltet sich zunehmend auf in die Autos, die Sammler unbedingt haben wollten, und alles andere. Hier sind die wichtigsten Erkenntnisse: Moderne Supersportwagen übertrafen die Erwartungen und machten mehr als die Hälfte aller Verkäufe aus. [...] Außergewöhnliche Autos erzielten Rekordpreise, während viele gängigere Modelle aus den 1950er- und 1960er-Jahren für weniger verkauft wurden, als ihrem Zustand angemessen gewesen wäre.“
Künstleragenten scheinen immer wichtiger zu werden, zumindest im angloamerikanischen Markt, denn bis auf eine haben alle der 20 Agenturen, die Anny Shaw in ihrer Übersicht für das Art Newspaper (evtl. Paywall) zusammengetragen hat, ihren Sitz in den USA oder Großbritannien.
Hoffnung für die Galerie als Geschäfts- und Kunstvermittlungsmodell sieht Orlando Whitfield bei Monocle: „Die weltweite Flut an Kunstmessen hat Sammler träge und Galeristen risikoscheu gemacht. Außerdem sind sie unerschwinglich teuer – ein paar schlechte Messen hintereinander können für kleinere Galerien den Todesstoß bedeuten. Auch wenn die Aussichten düster erscheinen mögen, gibt es Gründe für Optimismus. Ein Rückgang im Spitzensegment könnte zu einem Markt führen, der weniger auf Kunstmessen und digitale Interaktion angewiesen ist. Große wie kleine Galerien könnten sich dann darauf konzentrieren, engere Beziehungen zu Künstlern und Sammlern vor Ort aufzubauen. In zu vielen Fällen sind Kunst und die Art, wie sie verkauft wird, nicht mehr von Luxusgütern zu unterscheiden. Manchmal hat man das Gefühl, als hätte der Markt vergessen, was Kunst auszeichnet und warum Menschen sie besitzen wollen. Nach meiner Erfahrung als Galerist suchten Käufer ebenso sehr nach menschlicher Verbundenheit wie nach dem Aufbau einer Sammlung.“
Die 2012 gegründete Beers Gallery im zentral gelgenen Londoner Stadtteil Farringdon schließt geordnet: „In den letzten anderthalb Jahrzehnten hat sich die Kunstwelt dramatisch verändert. Wirtschaftlicher Druck, Marktverschiebungen und der Aufstieg neuer digitaler Plattformen haben die Art und Weise, wie Kunst entdeckt, geteilt und gesammelt wird, grundlegend verändert. Da sich die Landschaft ständig weiterentwickelt, halten wir dies für den richtigen Moment für BEERS, neue Chancen und Herausforderungen anzunehmen und unseren Blick auf die Zukunft zu richten.“ Die häufigsten Messeteilnahmen verzeichnet die Galerie bei Untitled, Volta und Zona Maco, als wichtiger Kooperationspartner wird die Saatchi Gallery genannt. Eine letzte Ausstellung, die gerade eröffnet hat, präsentiert nicht Künstler, mit denen sie in der Vergangenheit zusammengearbeitet hat, sondern solche, die auf einen internationalen Open Call reagiert haben, einem von der Galerie gerne genutzten Format. Vielleicht sollte man tatsächlich besser von einer Marktbereinigung sprechen als von einer Krise.
Den frommen Wunsch mancher Kunstmarktteilnehmer, vom anstehenden Vermögenstransfer auf nachfolgende Generationen etwas abzubekommen, enttäuscht Tim Schneider im kostenlosen Teil seines Newsletters The Gray Market mithilfe der VISA-Studie „The great wealth transfer reality check“ (PDF): „Laut der Visa-Studie gehören rund 75 % der Haushalte, die von dieser viel gepriesenen Transferleistung profitieren sollen, derzeit zu den obersten 10 % der Vermögensverteilung. [...] Aber selbst wenn 2,1 Millionen Dollar immer noch ausreichen, bleibt der Kernpunkt derselbe: Fast drei Viertel der zukünftigen amerikanischen Erben sind bereits jetzt Multimillionäre, noch bevor sie auch nur einen Cent ihres Erbes erhalten haben. Das bedeutet wiederum, dass der Großteil der Vermögenswerte, die im Rahmen des GWT den Besitzer wechseln, an Menschen geht, um die sich Kunstverkäufer und Dienstleister ohnehin schon längst hätten bemühen sollen.“
Der wachsende Kunstmarkt Südostasiens ruft zunehmend Fälscher auf den Plan, hat Cyrus Naji für die Financial Times recherchiert: „Es gab eine Zeit, in der nur wenige Menschen in Südasien moderne Kunst kauften. Bahnbrechende Werke wurden innerhalb der kosmopolitischen Elite weitergereicht, die sich über das postkoloniale Indien, Pakistan und Bangladesch erstreckte. Künstler verkauften an ihre Freunde, Kenner untereinander. Heute ist es eine boomende Branche, deren Auktionsumsätze allein im Jahr 2025 100 Millionen Dollar übersteigen werden. [...] Doch dieser boomende Markt hat auch eine dunklere Seite. Wissenschaftliche Vernachlässigung, mangelnde Dokumentation und der Anstieg des Online-Handels haben dazu geführt, dass sich Fälschungen auf dem Markt für südasiatische moderne Kunst stark verbreitet haben. 'Wir sehen unglaublich viel mehr zwielichtige Sachen auf dem Markt', sagt Charles Moore von der Londoner Grosvenor Gallery. Die Hauptziele seien 'die großen Namen', sagt er und bezieht sich dabei auf gefragte Modernisten des 20. Jahrhunderts wie den in Frankreich ausgebildeten indischen abstrakten Maler S. H. Raza oder den produktiven Künstler M. F. Husain aus Mumbai, der als 'Picasso Indiens' bezeichnet wird, 'aber mittlerweile lohnt es sich auch, Künstler aus dem mittleren Marktsegment zu fälschen.'“
Im Sommerloch-“Skandal“ um die 2,3 Millionen Euro teure Lichtkunst-Installation an der Frankfurter Konstablerwache meldet sich jetzt die angegriffene Kulturdezernentin Ina Hartwig im Interview mit Sören Kemnade in der Frankfurter Neuen Presse zu Wort: „Die Stadtverordneten haben bereits 2020 die Grundlage für den Bewerbungsprozess geschaffen. 2023 hat Frankfurt Rhein-Main den Titel WDC 2026 gewonnen mit dem Motto 'Design for Democracy. Atmospheres for a better life'. Der öffentliche Raum spielt dabei natürlich eine riesengroße Rolle. Der zweite Punkt betrifft die Mittel. Sie stammen aus zweckgebundenen, nicht abgerufenen Investitionsmitteln für die Innenstadtilluminierung. Im Nachtragshaushalt 2025 wurden sie zweckgebunden für die Innenstadtilluminierung anlässlich der WDC 2026 in den Haushalt des Kulturdezernats eingestellt. Darüber haben die Stadtverordneten abgestimmt und dem zugestimmt. Dann stellte sich die Frage, welche Form der Illumination wir umsetzen wollen. Aus mehreren Konzepten für mögliche Kunst im öffentlichen Raum haben dann die beiden federführenden Dezernate Wirtschaft und Kultur sich für Janet Echelman entschieden.“ Die ganze Geschichte ist weniger ein Politikskandal, als vielmehr ein schönes Beispiel dafür, wie sich auch Qualitäts- und andere Medien (Achtung, Link führt zu BILD!) vor den Karren von Social Media-Pöblern und Provinzgranden spannen lassen, wenn die meisten Menschen im Urlaub und echte Themen rar sind.
Denkmalschutz ziehe oft den Kürzeren, wenn andere Interessen im Spiel sind, berichtet Monopol (mit dpa-Material): „Brände, Verfall, Immobilienspekulation: In Deutschland sind nach Angaben der Deutschen Stiftung Denkmalschutz in den vergangenen zwei Jahren mindestens 1.077 Denkmale unwiederbringlich verloren gegangen – mehr als eins pro Tag. Dies geht aus dem sogenannten Schwarzbuch der Stiftung hervor.“
Die ukrainischen Behörden haben Anklage gegen zwei Archäologen wegen ihrer Beteiligung an illegalen Grabungen auf der russisch besetzten Krim erhoben, meldet Brian Boucher bei Artnews: „Die Verdächtigen sollen seit 2014 an unerlaubten Ausgrabungen im mittelalterlichen Solkhat in der Stadt Staryi Krym beteiligt gewesen sein. Durch die Ausgrabungen seien kulturell bedeutende Teile der Stätte zerstört worden, so die Staatsanwaltschaft. Einer der Verdächtigen soll Gegenstände, darunter Teile des alten Wasserversorgungssystems, Schalen und Geschirrscherben, an die Staatliche Eremitage in St. Petersburg übergeben haben, die diese anschließend als Teil ihrer eigenen Sammlung katalogisierte.“ Ihnen drohen laut Staatsanwaltschaft bis zu zwölf Jahre Haft.
Beim Diebstahl der Gemälde von Antonello da Messina, deren Wert sich auf 70 bis 80 Millionen Euro belaufen soll, könnte die Mafia ihre Hände im Spiel, wird vor Ort gemutmaßt, berichtet Crispian Balmer von Reuters: „[Kulturdezernent Enzo] Caruso sagte, die gestohlenen Werke von Antonello seien so berühmt, dass ein Verkauf selbst auf dem Schwarzmarkt praktisch unmöglich wäre, was die Möglichkeit nahelege, dass sie als Verhandlungsmasse oder Sicherheit bei kriminellen Geschäften dienen könnten. „Die Mafia? Es ist möglich, dass sie versuchen könnte, den Staat selbst zu erpressen, um sie zurückzubekommen. Das sind die Art von Dynamiken, die normale Menschen nie zu sehen bekommen“, sagte er. Er sagte, eine weitere Möglichkeit sei, dass die Gemälde innerhalb der kriminellen Unterwelt als Sicherheiten oder Zahlungsmittel dienen könnten. [...] Renato Schifani, der Präsident von Sizilien, gab eine Erklärung ab, in der er sagte, das Videoüberwachungssystem und die Alarmanlage des Museums hätten normal funktioniert, und fügte hinzu, dass eine interne Untersuchung im Gange sei, um zu prüfen, ob Museumsmitarbeiter daran beteiligt gewesen seien.“
Das Art Newspaper (evtl. Paywall) hat mit Benjamin Sutton, dem bisherigen Leiter der US-Redaktion, einen neuen Chefredakteur.