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Kobels Kunstwoche

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Portraitfoto von Stefan Kobel

Stefan Kobel

Kobels Kunstwoche 8 2026

Während die Art Basel Qatar den meisten Medien eine publizistische Verschnaufpause abzuverlangen scheint, findet die Messe selbst einen längeren Nachhall. In einem lesenswerten langen Essay für Republik.ch (kostenlose Registrierung) bettet Jörg Heiser die Art Basel Qatar in den weltpolitischen Kontext ein: „Es ist ein klassischer Fall von Co-Branding: Die Marke Art Basel ist nun angekauft für die Marke Katar. Ganz nach dem 'Vorbild' von Fifa und Katar. Sich zum Umgang mit Kunstereignissen in autoritär regierten Staaten zu positionieren, löst in der Kunstwelt eine zunehmend ritualisierte Aufspaltung in Team A und Team B aus. Team A prangert die hinreichend dokumentierten Umstände an, von der Ausbeutung migrantischer Bauarbeiter aus Asien bis zur Unterstützung islamistischer Milizen. Team B wirft daraufhin Team A eurozentristisches Denken vor, verteidigt die positiven Entwicklungen und die allgemeine gesellschaftliche Dynamik einer gebildeten, jungen Generation (in Saudiarabien etwa mit 63 Prozent Bevölkerungsanteil unter 30 Jahren). Und überhaupt seien die westlichen Länder doch längst nicht mehr wirklich demokratisch, sondern selber autoritär und verkommen, von Trumps USA bis zum Italien Melonis. Team A entgegnet daraufhin: Das ist Whataboutism. Team B wiederum findet auch eine Entgegnung, etwa zu Zensurfällen im Westen. Das kann ewig so weitergehen. Klar ist, dass die einen sich entschieden haben, die Golfstaaten und das, wofür sie stehen, eher zu meiden; die anderen, selber teilzuhaben – und mitzuprofitieren.“ Für den Monopol-Podcast spreche ich ausführlich mit Sara Plekat von detektor.fm über die Messe.

Die zeitgleich mit der Messe in Doha stattfindende India Fair empfindet Elisa Carollo im Observer als authentischer: „Im Gegensatz dazu ist der Besuch der India Art Fair vor allem eine Übung in Demut – man muss sich eingestehen, wie viel man noch nicht weiß, sich einen möglichst umfassenden Überblick über eine lebendige Szene verschaffen und bereit sein, dazuzulernen. Von da an wird man in ein Ökosystem hineingezogen, das sowohl bemerkenswert dynamisch als auch aufrichtig einladend ist und das begierig darauf ist, zu zeigen, wie viel vor Ort passiert. Man merkt schnell, dass die indische Kunstszene trotz ihrer inneren Komplexität mittlerweile so selbstständig ist, dass sie, zumindest aus Marktperspektive, keine Bestätigung mehr aus dem Ausland braucht.“

Der mit Nazi-Kunst handelnden German Art Gallery „irgendwo in Benelux“ hat Geertjan de Vugt für die Süddeutsche Zeitung (Paywall) einen Besuch abgestattet: „Kunden der GAG gibt es mittlerweile überall. [Christian] Fuhrmeister [vom ZI in München] vermutet, dass es sich vielfach um Sammler von NS-Devotionalien handelt, die versuchen, eine 'eigene, private Fantasie' auszuleben. Marius hingegen behauptet, es seien kapitalstarke Sammler, die die Werke als Investitionen betrachteten. Er überprüft seine Kunden online: Wenn ich sehe, dass jemand extrem rechts angehaucht ist, verweigere ich das Angebot.' Ob er Personen wie Alice Weidel, Tino Chrupalla, J. D. Vance oder Gregory Bovino den Ankauf verweigern würde? 'Habe ich in Europa denn das Recht, Menschen aufgrund ihrer Religion oder politischen Überzeugung als Kunden abzulehnen?'“

Ratschläge, ob Künstler an Sammler verkaufen sollen, deren politische Ansichten sie ablehnen, gibt Paddy Johnson bei Hyperallergic (kostenlose Anmeldung): „Du bist nicht so stark von einem bestimmten Käufer abhängig, wie ein Museum von seinen Spendern oder eine Galerie von ihren Sammlern. [...] Und wenn du den Verkauf brauchst oder diese Galerie deine einzige Vertretung ist, wird die Machtdynamik schnell kompliziert. Einen Verkauf abzulehnen könnte bedeuten, dass du deine Beziehung zum Händler beschädigst, was in Zukunft weniger Möglichkeiten bedeuten könnte.“ Die Frage ist tatsächlich schwer zu beantworten und der Text hilft leider kein Stück weiter.

Vor allem durch vielsagende Nicht-Antworten fällt das Interview auf, das Susanne Schreiber für den Weltkunst Insider (10 Wochen kostenlos) mit der Christie's-Vorstandsvorsitzenden Bonnie Brennan geführt hat: „[Frage:] Im letzten Jahr hat die Kunstwelt durch ausländisches Geld in etablierten Unternehmen gravierende strukturelle Veränderungen erlebt. Welche sind die wichtigsten? [Antwort:] Die größte Veränderung bewirkt die Digitalisierung. Inzwischen kommen 81 Prozent aller Gebote bei uns elektronisch herein. Das höchste je abgegebene Online-Gebot bei einer Christie’s Saalauktion galt letztes Jahr Marc Rothkos Gemälde 'No 31'. Ein anderer Bieter sicherte es sich schließlich für 62,2 Millionen Dollar. [Frage:] Bei der Struktur dachte ich eher an Geld aus Katar für die Art Basel, Geld aus dem Staatsfonds von Abu Dhabi bei Sotheby’s oder an eine Investmentgesellschaft, die sich in das Galerie-Imperium von Emmanuel Perrotin einkauft. [Antwort:] Die Golfregion verzeichnet anhaltendes Wachstum. Wir sind seit 20 Jahren in Dubai und entwickeln die dynamischen Nachbarländer mit, wie bereits vor 40 Jahren in Hongkong.“ Da kann man auch versuchen, einen Pudding an die Wand zu nageln. Ob man diesen Prozess unbedingt dokumentieren muss, ist eine andere Frage.

Die besonders im Gesundheitsbereich als „investigative Journalistin“ tätige Emily Kaplan hat einem viral gegangenen Instagram-Video behauptet, die Epstein-Files könnten auch zur Aufklärung des legendären Diebstahls aus dem Bostoner Isabella Stewart Gardner Museums im Jahr 1990 beitragen. Tatsächlich hat sie einfach zwei Kunstwerke verwechselt. Brian Boucher klärt bei Artnews auf: „Tatsächlich hat das Museum eine Erklärung veröffentlicht, in der es den Verdächtigungen von Kaplan oder anderen, dass die Gardner-Werke in den Epstein-Akten auftauchen, eine Absage erteilt.“ So ist das, wenn plötzlich jeder Experte für alles ist und für seine Einlassungen auch noch Plattformen findet. Das Video wurde inzwischen fast eine Million Mal angesehen.

Der Bericht von Nicola Kuhn im Tagesspiegel über die die nach langem Streit erfolgte Einigung des Berliner Kolbe-Musuems mit den Erben des dort stehenden Tänzerinnen-Brunnens enthält als Randnotiz eine Meldung, die der Jüdischen Allgemeine zu Recht einen eigenen Text (mit Agenturmaterial) wert ist: „Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) möchte bis zum Ende der Legislaturperiode in Deutschland ein Restitutionsgesetz für geraubte Kulturgüter etablieren. Er habe dazu eine Initiative ergriffen, sagte Weimer im Interview der Woche des 'Deutschlandfunks'. Es gebe 'immer noch sehr viele offene Fälle', erläuterte er. Gleichwohl sei das 'keine Frage der Zahl, das ist eine Frage der Moral', unterstrich der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.“ Das ganze Interview zum Nachhören gibt es im Deutschlandfunk.

Dem Louvre ist anscheinend nicht aufgefallen, dass er über Jahre viel mehr Besucher als regulär verkaufte Tickets verzeichnet hat. Einer Meldung der Nachrichtenagentur APA zufolge geht es um Millionen: „Wegen des Verdachts eines groß angelegten Betrugs mit Eintrittskarten in dem berühmten Museum haben die Fahnder neun Menschen festgenommen und über 1,4 Millionen Euro beschlagnahmt. […] Der Betrug soll nach Angaben der Ermittler über zehn Jahre angedauert haben. Der Louvre beziffere den entstandenen Schaden auf über zehn Millionen Euro. Die Summe sollen die Verdächtigen laut Staatsanwaltschaft teils in Immobilien sowohl in Frankreich als auch in Dubai investiert haben. Ermittlungen zu einem möglichen Ticketbetrug fanden demnach auch im Schloss von Versailles statt.“

Die Galerie Thaddaeus Ropac eröffnet eine weiter Filiale in New York, meldet Lara Schauer bei Kunstmarkt.com.