Kobels Kunstwoche 24 2026
Die Erzählung von der ewig expandierenden Spitze des Kunstmarkts bekommt Risse, berichtet Robin Pogrebin in der New York Times (Paywall): „Als vielleicht deutlichstes Zeichen bisher für einen tiefgreifenden Wandel auf dem Kunstmarkt plant die Pace Gallery, am Donnerstag bekannt zu geben, dass sie ihr Künstlerportfolio um 50 Künstler und ihren Personalbestand um 50 Mitarbeiter reduziert – ein Zeichen dafür, dass selbst eine renommierte, etablierte Galerie in diesem schwierigen wirtschaftlichen Klima Personal abbauen muss. 'Das gesamte System der Kunstgalerien ist zu groß, zu kommerziell, zu unpersönlich und zu konzernmäßig geworden', sagte Geschäftsführer Marc Glimcher diese Woche in einem Interview. 'Wir alle wissen, dass das stimmt. Aber man muss tatsächlich etwas tun, um sich darauf einzustellen. Man muss einige grundlegende Veränderungen vornehmen.'“ Im Bericht von Devorah Lauter und Daniel Cassady für Artnews baut Marc Glimcher seine Argumentation noch etwas aus: „Glimcher argumentierte, dass die Veränderungen nicht als Abkehr von der langjährigen Tradition der Galerie in Sachen Expansion und Experimentierfreudigkeit gesehen werden sollten. „Unser ständiges Streben nach Neuem sollte nicht mit dem Phänomen verwechselt werden, zu groß und zu konzernmäßig zu werden“, sagte er und beschrieb dieses Streben als 'zu 100 Prozent das Erbe meines Vaters'. Das Problem, so sagte er, sei nicht der Ehrgeiz, sondern der Aufwand, der nötig sei, um das Modell einer Megagalerie aufrechtzuerhalten.“ Es dürfte allerdings kaum der Ennui eines Schöngeistes sein, der sich angewidert vom schnöden Mammon abwendet, der aus Glimchers Worten spricht, sondern schlicht die ökonomische Erkenntnis, dass das eigene Geschäftsmodell in der bisherigen Form nicht mehr tragfähig ist. Sprich: Die Umsätze stimmen einfach nicht mehr. Die Arbeit mit lebenden Künstlern ist da wohl einfach zu aufwendig. Kurz bevor der Galeriekonzern über ein Drittel seiner Künstler und rund 20 Prozent seiner Mitarbeiter vor die Tür gesetzt hat, konnte er sich zum Glück noch die Vertretung des Brancusi-Nachlasses sichern. Bedeutet das jetzt, dass kleinere Galerien nicht mehr fürchten müssen, dass ihnen Künstler nach Jahren der Aufbauarbeit von den Großen der Branche abgeworben werden, sobald ihre Investition anfängt, Früchte zu tragen? Wohl eher nicht. Denn die Verkleinerung der Galerie bedeute nicht, dass Pace keine neuen Künstler oder Nachlässe mehr aufnehmen werde, auch wenn sie dabei sehr bedacht vorgehen werde, lässt Marc Glimcher in der New York Times durchblicken. Das ist der Vorteil des Filialgeschäfts: Wenn es mal nicht so gut läuft, skaliert man das ganze Geschäft einfach etwas herunter, passt den Vertrieb an und setzt auf die neue Kollektion. Der Traditionsbetrieb in der Fußgängerzone veranstaltet einen Schlussverkauf und macht zu.
Möglicherweise nicht ganz unabhängig von diesem Vorgang ist laut Daniel Cassady von Artnews der gescheiterte Versuch von Sotheby's, einen Jackson Pollock aus dem Besitz von Arne Glimcher für 50 Millionen Dollar in einer Privatauktion zu verkaufen: „Laut einer mit den Hintergründen vertrauten Quelle konnte Sotheby’s nicht genügend Bieter finden, um die Auktion auf die Beine zu stellen. Die Auktion wurde schließlich abgesagt, wobei unklar bleibt, ob das Gemälde an Glimcher zurückgegeben, privat verkauft wurde oder sich weiterhin im Besitz von Sotheby’s befindet. Sowohl Sotheby’s als auch Pace lehnten eine Stellungnahme ab. Der Verkaufsversuch ist nicht nur wegen des betreffenden Gemäldes bemerkenswert, sondern auch, weil es sich laut einem ehemaligen Mitarbeiter des Auktionshauses offenbar um Sotheby's ersten ernsthaften Versuch einer privaten Auktion handelte.“
Monaco, Formel 1, Superyacht... und Kunst. Für manche Menschen passt das zusammen, weiß Brian Boucher von Artnews: „Das liegt daran, dass es jetzt eine hyper-exklusive Kunstausstellung auf „Museumsniveau“ an Bord einer 236 Fuß langen 'Superyacht' gibt, und vielleicht kann man dort ja noch eine Suite buchen. Auf seiner Jungfernfahrt hat das Floating Art Hotel die Bucht von Monaco angesteuert, wo es derzeit vor dem berühmten Casino von Monte-Carlo (das von Leuten wie James Bond frequentiert wird) vor Anker liegt – und zwar für die Dauer des Formel-1-Grand-Prix (bis zum 8. Juni), dem prestigeträchtigsten Rennen dieser Art weltweit. Es gibt nur 14 private Suiten, daher gibt es eine Gästeliste mit 'Sammlern, Gründern und Kulturpersönlichkeiten', die – man ahnt es schon – 'streng kuratiert' ist. Das Ambiente ist natürlich 'auf Tiefe und Diskretion ausgelegt'. Am Preview-Tag am Donnerstag waren die Suiten ausgebucht; die Organisatoren wollten keine Preise nennen und gehen davon aus, dass sie bis zum Wochenende komplett ausgebucht sein werden, obwohl sie derzeit zu 80 Prozent ausgelastet sind.“
Auf die Schwierigkeiten des Kunststandortes London weist Stephanie Dieckvoss in ihrem Bericht London Gallery Weekend im Handelsblatt vom 5. Juni hin: „So groß der Enthusiasmus der Organisatoren auch ist, den zweitgrößten Kunstumschlagsplatz der Welt zu feiern, so wenig lässt sich die angespannte wirtschaftliche Lage gerade im Galerienbereich übersehen. Zwar haben sich die Londoner Auktionshäuser in den letzten Monaten mit guten Ergebnissen wieder stabilisiert, doch im Galerienbereich stehen den Neueröffnungen unzählige Schließungen gegenüber, häufig aus finanziellen Gründen.“ Etwas anders sieht das Margaret Carrigan bei Artnet (evtl. Paywall): „Angesichts steigender Fixkosten und wachsender geopolitischer Unsicherheit werden Sammler und Händler immer wählerischer, welche Messen und Veranstaltungen die Reise rechtfertigen (ein Thema, das ich in dieser Kolumne schon oft angesprochen habe). Immer wieder denselben Kreis von Kunstinteressierten hinterherzujagen, scheint die falsche Strategie zu sein. Was London tatsächlich braucht, liegt näher an der Heimat: eine intensivere Zusammenarbeit mit den Philanthropen, politischen Entscheidungsträgern und der Öffentlichkeit, die bereits vor Ort sind. Bei einem guten Galerie-Wochenende geht es nicht darum, die Kunstwelt um sich zu scharen – es geht darum, zu begründen, warum die Kunstwelt für alle anderen wichtig sein sollte. In dieser Hinsicht hat London mehr zu beweisen, als seine Marktposition vermuten lässt. Die Galerieszene der Stadt ist nach wie vor wirklich stark, mit einer neuen Generation großartiger Galerien wie Rose Easton, Ginny on Frederick, Xxijra Hii und Pale Horse, die neben den etablierten Institutionen und Kunstschulen florieren.“
Wie komplex der Primärmarkt geworden ist, untersucht Daniel Cassidy für Artnews: „Die besten Galerien verkaufen nicht einfach nur Kunst, sondern helfen dabei zu erklären, warum sie für Sammler und Museen von Bedeutung ist. Das könnte auch erklären, warum sich in den letzten Jahren viele Künstler dem wachsenden Bereich der Berater und Agenten zugewandt haben. Firmen wie Andrea Glimchers Hyphen, die 291 Agency, gegründet vom Gagosian-Veteranen Max Teicher, und das Artist Legacy Bureau, gegründet vom ehemaligen Hauser & Wirth-Partner Christopher Canizares, entstanden als Reaktion auf eine Kunstwelt, die größer, internationaler und komplizierter geworden ist. Ihr Argument ist nicht, dass Galerien versagt haben, sondern dass Künstler Hilfe brauchen, um sich in einem rasant wachsenden System zurechtzufinden, das sich mittlerweile über Messen, Institutionen, Sammler, Publikationen und mehrere Kontinente erstreckt.“
Von den schwierigen Bedingungen für den Kunstmarkt in Österreich berichtet Werner Remm bei Artmagazine: „Katrin Auer, Kultursprecherin der SPÖ, die sich bereits im Jahr 2025 für steuerliche Maßnahmen zugunsten des Kunsthandels eingesetzt hatte, musste allerdings eingestehen, dass die Chancen für eine Umsetzung in den letzten Wochen auf Null gesunken seien. Sowohl Kulturminister und Vizekanzler Andreas Babler und Finanzminister Markus Marterbauer, beide Parteikollegen von Auer, sehen derzeit keine Möglichkeit, den Kunsthandel, Galerien und Künstler:innen zu unterstützen. 'Die Tür ist zu', so Auer“.
Die deutschen Frühjahrsauktionen sind schon gut angelaufen. Grisebach in Berlin hat für Georg Kolbes „Tänzerinnen-Brunnen“ , der bisher vor dem Georg Kolbe Musuem stand und jetzt in die USA geht, mit 4,98 Millionen Euro inklusive Aufgeld einen bemerkenswerten Rekordpreis erzielt. Der Schätzpreis hatte bei lediglich einer bis 1,5 Millionen Euro gelegen. Die Geschichte des Kunstwerks erzählt der Tagesspiegel (mit Agenturmaterial).
Wie der deutsche Amtsschimmel aus gutgemeintem EU-Recht für Institutionen einen bürokratischen Albtraum macht, erklärt der Anwalt Zacharias Mawick im Weltkunst-Insider (nach Anmeldung zehn Wochen gratis): „Stellen wir uns vor, ein europäisches Museum plant eine Ausstellung mit Leihgaben aus einem ägyptischen Museum. Jedes einzelne Exponat – sei es eine Statue, ein Papyrus oder eine Münze – muss individuell im EKG-System erfasst werden. Es beginnt ein Papierkrieg: Für jedes Objekt sind detaillierte Beschreibungen, Fotos aus mehreren Perspektiven, Herkunftsnachweise und Zollwerte anzugeben. Selbst wenn die Leihgabe nur für wenige Monate in der EU verbleibt und kein kommerzieller Hintergrund besteht, ist der Aufwand immens. Und das, obwohl die Verordnung eigentlich gerade solche Fälle von den strengen Anforderungen ausnehmen wollte.“
Und schon wieder macht die Banane die Runde. Viele Mainstream- und Kunstmedien berichten vom Diebstahl einer gelben Südfrucht aus dem Centre Pompidou in Metz, als handelte es sich dabei um Kunst. Tatsächlich lässt Maurizio Cattelan eine Paradiesfeige mit Klebeband an einer Wand befestigen. Autorisiert dazu ist der Eigentümer des Werks „Comedian“. Es besteht aus schriftlichen Anweisungen, wie diese Gegenstände in 1,60 Meter Höhe zu befestigen sind sowie einem Echtheitszertifikat. Das nennt man Konzeptkunst. Die Banane an sich ist ebenso wenig Kunst wie das Klebeband oder die Wand. Dass erwachsene Menschen zuverlässig jedes Mal in Erregung verfallen, wenn ein Stück Obst gegessen oder geklaut wird, ist ein beredtes Zeugnis für den Zustand der Medien und/oder der Gesellschaft.
Fräulein Lieser kommt nicht zur Ruhe. Laut Recherchen von Tom Mashberg und Graham Bowley für die New York Times (Paywall) hat Patricia J. Leahy,eine Enkelin Adolf Liesers, in New York Klage auf Restitution des Gemäldes von Gustav Klimt eingereicht, das sie die einzige legitime Erbin sei. Für Artnews berichtet Brian Boucher. Olga Kronsteiner gibt im Standard (evtl. Paywall) zu bedenken: „Dem STANDARD vorliegenden Informationen zufolge hatte Hans Lieser allerdings Leahys Vater testamentarisch nur auf den Pflichtteil gesetzt, der ihm bereits zu Lebzeiten zugekommen war. Erbrechtlich hätte dessen Tochter Patricia Leahy folglich nur einen Pflichtteilsergänzungsanspruch in Form einer Geldzahlung, die sie allenfalls bei den Universalerben nach Hans Lieser einzuklagen hätte.“
Das Wiener Dorotheum dürfte sich freuen, während Sotheby's Deutschland weiter ausdünnt: Serei Serafin wechselt laut einer Presseaussendung ab sofort zum Wiener Auktionshaus: „Mit der Verstärkung des Teams unterstreicht das Dorotheum sein langfristiges Engagement in Deutschland und seinen Anspruch, die Marke als erste Adresse für exzeptionelle Kunst-, Luxus- und Sammelobjekte zu untermauern.“ Die in Frankfurt ansässige Kommunikationsexpertin gehörte über Jahrzehnte praktisch zum Inventar von Sotheby's in Deutschland.
Hilde Lynn Helphenstein, Schöpferin der in der Kunstwelt bekannten Kunstfigur Jerry Gogosian ist tot. Das meldete zuerst der brasilianische TV-Sender Globo (deutsche Übersetzung) und wenig später zahlreiche Kunstpublikationen, darunter Artnews, Artnet, Monopol und Artmagazine. Kurz darauf entbrannte eine Schlammschlacht in den Sozialen Medien darüber, wer angeblich verantwortlich sein soll für ihren Tod. Der Instagram-Account Jerry Gogosian hat in der Woche seit dem Tod seiner Schöpferin von 145.000 auf 158.000 Follower zugelegt.