Kobels Kunstwoche 43 2026
Getty Images ist insolvent, und KI soll schuld sein. Die wohl bekannteste und unbeliebteste Bild-Agentur muss die Segel streichen, berichtet Mark Steier bei Wortfilter: „Getty Images ist das erste bekannte Unternehmen, dessen Kerngeschäft sichtbar durch generative KI ausgehöhlt wurde, bevor die Schulden es in die Insolvenz drückten. Über 30 Jahre lang hat die Firma vom Verkauf und von der Verteidigung von Bildrechten gelebt. Der Großteil des Geschäfts (Stockfotos für Werbung, Shops und Websites) lässt sich heute per Prompt ersetzen. Übrig bleibt das, was KI nicht liefern kann: echte Fotos von echten Ereignissen – Sport, Nachrichten, Prominente. Darauf will sich Getty nach dem Neustart konzentrieren. Für Onlinehändler ist das eine Lehrstunde. Wer sein Geschäft auf einem Vorteil aufbaut, den eine neue Technologie über Nacht entwertet, braucht einen Plan B. Getty Images hatte keinen und musste sich von der eigenen Gründerfamilie und einem Milliardärs-Clan retten lassen.“ Das Scheitern des Unternehmens ist keine Kleinigkeit. Immerhin hält Getty Images die Rechte an knapp einer halben Milliarde Bildern. Dass jetzt ein Konzern mit einem von vielen Kreativen als parasitär erachteten Geschäftsmodells selbst dem Parasiten KI zum Opfer fällt, mag manchen mit Genugtuung oder Schadenfreude erfüllen. Besser wird es dadurch allerdings nicht, denn einer der neuen Eigentümer ist eine Firma des bekannten und einflussreichen Klimaleugners Charles Koch, berichtet Erik Hayden im Hollywood Reporter. Alle bisherigen Aktionäre werden entschädigungslos aus dem Unternehmen herausgedrängt, erklärt Xiolene Lozano bei Law Commentary.
Bunte Kunst für viel Geld sende positive Signale aus den Zelten der Frieze in London, berichtet Naomi K. Rea bei Ocula: „Farbenfrohe, abstrakte Werke kamen am Preview-Tag der Frieze London gut an [...] Insgesamt lassen die Verkaufszahlen der Frieze London auch auf bessere Aussichten für den Kunstmarkt insgesamt schließen.“ Zeichen des Niedergangs macht Stephanie Dieckvoss hingegen für das Handelsblatt vom 16. Oktober aus: „Laut Frieze-EMEA-Direktorin Eva Langret war die Nachfrage nach Focus-Ständen groß. Das überrascht kaum: Die Präsentationsflächen sind kleiner, die Kosten daher niedriger und die Teilnahme wird finanziell von Sponsoren unterstützt. So wichtig diese Programme für das Profil der Messe geworden sind: Was geschieht in den Hauptsegmenten der Messe, die nach wie vor den größten Teil der Galerien ausmachen und von deren Standgebühren die Messe lebt? Dass die Londoner Frieze-Messen nicht mehr als unverzichtbarer Pflichttermin des internationalen Kunstmarktes gelten, zeichnet sich seit einigen Jahren ab. Ein Indiz dafür ist die schwindende Präsenz amerikanischer Galerien. Viele von ihnen reisen stattdessen in der kommenden Woche zur Art Basel Paris.“ Was die Messe an Prestige und Kaufkraft an Paris abgegeben haben mag, hat sie laut Gina Thomas in der FAZ an Internationalität gewonnen: „VIP-Buchungen aus Brasilien sind seit dem vergangenen Jahr um 36 Prozent angestiegen. Aus dem Nahen Osten und Nordafrika, aus Südostasien und dem südostasiatischen Raum haben sich dieses Mal jeweils gut 20 Prozent mehr VIPs angemeldet. Auch der Zuwachs an indischen Galerien seit 2009, als Project 88 aus Mumbai die erste Teilnehmerin von dem Subkontinent war, macht sich stark bemerkbar.“ Ein ganzen Strauß avon Artikeln zur Messe gibt es im Art Newspaper (spätestens ab dem zweiten Text Paywall). Kabir Jhala glaubt nicht recht an ein von manchen herbeigeredetes Comeback: „Doch Lisa Panting, Mitbegründerin von Hollybush Gardens, ist eine von mehreren Galeristen, die Zweifel daran äußern, ob ein Revival von 'Cool Britannia' mehr als nur 'oberflächlich' ist. Sie reflektiert darüber, dass diese Zeit in Wirklichkeit ein 'künstlich geschaffener Marktmoment war, der von einigen wenigen Schlüsselakteuren inszeniert wurde'. Es zeugt von Engstirnigkeit, wie eine Handvoll Künstler dazu gedrängt wurden, eine ganze Bewegung zu bilden. Das könnte heute einfach nicht mehr passieren – die Szene ist so viel vielfältiger, sie besteht mittlerweile aus so viel mehr Komponenten.' Außerdem, fügt Panting hinzu, 'sind die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen heute völlig anders'.“ Und wie nicht anders zu erwarten, geht es unter den neuen Eigentümern immer mehr nur auch noch um Kunst, wie Hikmat Mohammed für Artnews mit Blick auf die Präsenz der Modeindustrie beobachtet hat: „Kristell Chadé, die Chefin der Frieze-Messen, vertritt die Ansicht: 'Je mehr, desto besser.' Wenn die Modebranche mitmachen will, sei das für Frieze und die Galerien wirtschaftlich von Vorteil, sagt sie. Im Jahr 2023 trat Stone Island als Partner der Frieze London bei und vergab Stipendien an 34 aufstrebende Galerien, während Dunhill seine erste Partnerschaft mit Frieze Masters einging. [...] Immer mehr Marken werden darauf aufmerksam. Tiffany & Co. ist seit letztem Jahr Partner der 'Artist-to-Artist'-Initiative der Frieze, und auch Loewe hat das VIP-Programm der Frieze London gesponsert.“
Von der zeitgleich in München stattfindenden Munich Highlights kann Brita Sachs in der FAZ vom 17. Oktober nicht nur Positives berichten: „Es sind von der TEFAF geadelte Händler, die in München ausfallen, also Teilnehmer der Maastrichter European Art Fair, der prestigeträchtigsten Veranstaltung dieser Art. Doch auch für Messen gilt: Alles ist im Fluss. Dabei droht gerade, um im Bild zu bleiben, die Alte Kunst von späterer Kunstproduktion überflutet zu werden. Manche Händler, wie Laue oder Langeloh, brechen zu neuen Ufern auf, andere achten verschärft auf die Kosten. Thole Rotermund aus Hamburg, spezialisiert auf Papierarbeiten der Moderne und Mitglied im Leitungsteam der Highlights, versichert dennoch, dass diese 'vermutlich teuerste Messe im Lande' (die Preise sind mit circa 1000 Euro Miete pro Quadratmeter am Stand stattlich) auf einen hohen Prozentsatz von Stammausstellern und Wiederkehrern setzen kann. Auch halte sie im Unterschied zu anderen immerhin die Standpreise stabil und stemme noch dazu die Kosten allein, ohne Unterstützung von Stadt oder Land.“ Regine Müller beschreibt im Handelsblatt vom 16. Oktober die Veränderung der Messe: „Vor mehr als 20 Jahren hatte der Münchner Spezialist für Alte Kunst Konrad O. Bernheimer die Idee für die 'Highlights – Internationale Kunstmesse München'. Alte Kunst und Antiquitäten waren für die neue Boutique-Messe von zentraler Bedeutung. Seit 2014 ist die 'Munich Highlights', wie sie heute kurz genannt wird, in der Münchner Residenz beheimatet. Bei der aktuellen Ausgabe stellen 50 international agierende Galerien und Kunsthändler dort im Messezelt aus, wobei die Alte Kunst nicht mehr so stark vertreten ist wie in der Vergangenheit.“
Unterschiedlich erfolgreiche Auktionen hat Anne Reimers in London für die FAZ erlebt: „Mit den großen Abendauktionen moderner und zeitgenössischer Kunst während der Frieze-Messewoche in London spielte Christie’s an einem Abend mit zwei Versteigerungen 218,6 Millionen Pfund ein. Sotheby’s dagegen musste sich mit einem Umsatz von 46 Millionen Pfund für 28 verkaufte Lose begnügen. Phillips wiederum setzte 14,8 Millionen Pfund um und vermittelte sämtliche der 20 Lose im eigenen Angebot.“ Die Geschichte des mit 27 Millionen Pfund ausgesprochen erfolgreichen Gemäldes „Das bunte Leben“ von Wassily Kandinsky erzählt die Süddeutsche Zeitung: „Den Recherchen der Kommission zufolge hatte ein Mitarbeiter des Museums das Bild im September 1940 'in unbekanntem Auftrag' mit Boten ins Auktionshaus bringen lassen und dort angeboten. Zahlreiche Indizien sprächen dafür, dass das Bild im Zusammenhang mit der systematischen Verfolgung der jüdischen Bevölkerung durch die Nazis entzogen worden sei, so die Kommission. Auch der Bayerische Landtag billigte 2023 die Rückgabe des Bildes.“
Wie die großen Auktionshäuser hochkarätige Sammlungen akquirieren, erklärt Phin Jennings bei Ocula: „Waren Auktionshäuser früher reine Handelsorte, erfüllen sie heute vielfältige, öffentlichkeitswirksame Funktionen, darunter Ausstellungen, Veranstaltungen und Veröffentlichungen. Als Symbol für diesen Wandel verlegte Sotheby’s im vergangenen Jahr seinen weltweiten Hauptsitz in das New Yorker Breuer-Gebäude, das vor allem als ehemaliger Sitz des Whitney Museums bekannt ist. Ein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Institutionen besteht darin, dass die Besichtigungszeiten bei Sotheby’s für Besucher kostenlos sind. Im Gegensatz zu Museen existieren Auktionshäuser in erster Linie, um Geld zu verdienen. [...] Für einen Zyniker könnten die musealen Aktivitäten der Auktionshäuser wie Marketing für diesen Zweck wirken. Tatsächlich scheinen sie für Marketingzwecke besonders tief in die Tasche zu greifen; von einwöchigen architektonischen Umgestaltungen bis hin zur Verpflichtung weltbekannter Prominenter für Werbekampagnen – es ist schwer vorstellbar, dass Museen ähnlich große Anstrengungen unternehmen würden, um ihre Arbeit zu bewerben.“
Die Veränderungen in der Wiener Galerieszene nimmt Nicole Scheyerer im Falter (Paywall) zum Anlass, auf die prekäre Situation der Branche hinzuweisen: „Dabei scheint es mitunter, als blendeten die verantwortlichen Politiker den Unterschied zwischen Galerien und Kunsthandel aus. Schließt eine Galerie, dann sperrt nicht einfach nur ein Shop für Bilder und Skulpturen zu. Vielmehr verschwindet auch ein öffentlicher Raum und soziokultureller Knotenpunkt.In Summe bilden die Galerien Wiens die größte kostenlos zugängliche Ausstellungsfläche der Stadt.Sie spüren Talente auf und fördern Newcomer, vernetzen sie mit arrivierten Kollegen und Institutionen und versuchen, neue Sammler für die Kunst zu begeistern.“ Das gilt natürlich nicht nur für Wien.
Ein Nachtrag zum Art Basel UBS-Report von letzter Woche: Was dabei herauskommt, wenn es eine missverständlich formulierte Pressemitteilung zu einer wenig aussagekräftigen Studie ins Fernsehen schafft, demonstriert CNBC in einem Beitrag, der behauptet, Gen Zer würden im Kunstmarkt jetzt am meisten Geld ausgeben.
Düsseldorfer Galerien wehren sich in einer Erklärung, der sich ihre Kölner Kollegen angeschlossen, gegen die Vereinnahmumg von Kunst und Kultur durch die AfD, meldet Kunstforum International. Anlass ist eine Veranstaltung der zumindest in Teilen rechstextremen Partei unter dem Titel „Kulturpolitik von rechts!“, die zynischerweise ausgerechnet im Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf stattfinden soll.
Den Umzug der Art Cologne im Jahr 2027 aus der ungeliebten alten Messehalle 11 ins neugebaute Confex-Kongresszentrum und in Halle 1 meldet Monopol.
Den Tod des Nature Morte-Galeristen Peter Nagy im Alter von 67 Jahren meldet Monopol.