Kobel Kunstwoche 23 2026
Kunst ist ein schlechtes Investment-Instrument. Das sollte eigentlich eine Binse sein, doch der Irrglaube vom Gegenteil hält sich hartnäckig. Ausgerechnet am Beispiel der aktuellen New Yorker Auktionsergebnisse, die von den Auktionshäusern selbst, Kunsthändlern und weiten Teilen der Presse als Wiederauferstehung des Kunstmarkts gefeiert werden, weist Katya Kazakina für Artnet (evtl. Paywall) detailliert nach, dass selbst ein risikoscheues Investment in einen passiven Indexfonds eine höhere Rendite erzielt als Kunst: „Die Vorstellung, dass Kunst ein verlässliches Anlageinstrument ist – und nicht nur ein Wertspeicher –, hat sich in den letzten fünf Jahrzehnten fest im Markt etabliert. Sie reicht mindestens bis ins Jahr 1974 zurück, als der British Rail Pension Fund begann, etwa drei Prozent seines Vermögens als Inflationsabsicherung in Kunst zu investieren. [...] Seine Sammlung wurde in den 1980er- und 1990er-Jahren veräußert. Die Renditen – weithin mit etwa 11 Prozent jährlich angegeben, eine Zahl, die von einigen Analysten angezweifelt wird – trugen dazu bei, den Grundstein für die Überzeugung zu legen, dass Kunst eine verlässliche Anlageform sei. Seitdem hat sich die Entwicklung dramatisch beschleunigt. Die Zahl der Investmentfonds vervielfachte sich. Banken weiteten ihre kunstbesicherten Kredite aus und stellten spezialisierte Berater ein. Deloitte und AXA Art begannen, Jahresberichte zu veröffentlichen, in denen Kunst als alternative Anlageklasse dargestellt wurde. Spekulanten handelten mit Werken aufstrebender Künstler wie mit Börsengängen. Doch kein Rausch hält ewig an. Blasen im Bereich der aufstrebenden Kunst sind immer wieder geplatzt. Die Ergebnisse des British Rail Pension Fund bleiben unübertroffen“.
Der New Yorker Galerist Marc Staus sieht die Kluft zwischen der Marktspitze und allem anderen bei Hyperallergic als Alarmzeichen: „Das System ist nicht gesund, und seit Pollock wird uns weisgemacht, dass in unserem wichtigen Kunstuniversum alles bestens läuft – vielleicht sogar großartig. Das ist es aber nicht. Und diese Ergebnisse ärgern so viele. Als wäre der Kunstmarkt ein Spielplatz für die Superreichen. Das stimmt und stimmt nicht. Auf dem Kunstmarkt gibt es Zehntausende von Künstlern, von denen die meisten ums Überleben kämpfen, die Dinge schaffen, um die wir nicht gebeten haben, und die unser Leben bereichern. Wir brauchen sie, und wir brauchen die Galerien.“
Kunstkritiker Jerry Saltz scheint bei den Auktionen gar einen Max Liebermann-Moment gehabt zu haben, legt sein Beitrag für Vulture (Paywall) nahe: „Auktionshäuser tun so, als sei dies ein 'Markt'. Es ist kein Markt. Es ist eine winzige Oligarchie: etwa ein Dutzend globale Bieter, eine Handvoll Mega-Händler, mehrere Auktionshäuser und ein immer größer werdendes Gefolge aus Beratern, Consultants, Influencern und Mitläufern, die von der Nähe zu unvorstellbarem Reichtum profitieren. Der Auktionator inszeniert diesen Wettbewerbsdrang in der Öffentlichkeit. Wunderschöne Hungerhaken flüstern in Telefone, während unsichtbare Milliardäre irgendwo in New York, Dubai, Monaco, Peking oder in den Logen schweben. Alle anderen schauen zu, als wäre konzentrierter Reichtum an sich schon ein Beweis für kulturelle Bedeutung.“
Die Teilnehmer der Art Basel Paris stehen fest, melde ich bei Artmagazine. Zu- und Abgänge hat Jo Tncred-Lawson für Artnet nachgezählt: „Zu den Galerien, die dieses Jahr nicht dabei sind, nachdem sie letztes Jahr teilgenommen haben, gehören die Andrew Edlin Gallery (New York), dépendance (Brüssel), Lia Rumma (Mailand, Neapel), Jan Mot (Brüssel), Kiang Malingue (Hongkong) und Balice Hertling (Paris), der kürzlich dem Artnet News-Kolumnisten Kenny Schachter mitteilte, dass er mit den Zahlungen an die Künstler im Rückstand sei.“
Nicht nur in Großbritannien haben Künstler oft das Nachsehen, wenn ihre Galerie pleitegeht. Im Art Newspaper erläutert Jon Sharples die dortige Rechtslage: „Ich habe hier bereits darüber geschrieben, wie schlecht Künstler in Großbritannien geschützt sind, wenn ihre Galerien pleitegehen: Die Künstler müssen sich in die aussichtslose Warteschlange einreihen, zusammen mit (und oft hinter) Gläubigern wie Banken und den Steuerbehörden, wenn kaum noch etwas oder gar nichts mehr zu verteilen ist. In dieser Frage sind die Probleme zumindest einigermaßen bekannt und verstanden, auch wenn eine Lösung nach wie vor schwer zu finden ist. Eine weitere Herausforderung, über die weniger gesprochen wird, ist die Frage, was zu tun ist, wenn von der inzwischen insolventen Galerie beauftragte externe Lageranbieter nicht bezahlt wurden und sich weigern, Werke an die Künstler herauszugeben, bis die Zahlungsrückstände beglichen sind.“
Der Umgang mit Nazi-Raubkunst ist nach wie vor holprig. Das Schiedsgericht wird (noch) nicht gut angenommen und für die Restitution aus Privatbesitz gibt es keine rechtliche Lösung. Staatsminister Wolfram Weimer will das ändern, lässt sich dabei aber nicht in die Karten gucken, beklagt Klaus Hillenbrand in der taz: „Ob das Restitutionsgesetz eine Fonds-Lösung beinhalten soll, ist unbekannt. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) schweigt dazu eisern. Erste Entwürfe seien in Arbeit – das ist alles, was ihm bisher zu entlocken war. Und dass er sich eine Verabschiedung noch in dieser Legislaturperiode wünsche. Auf einen detaillierten Fragenkatalog der taz zum Thema fällt die Antwort kurz aus.“
Was der gesamten Kulturszene blüht, wenn die AfD irgendwo an die Macht kommt, lassen Äußerungen von deren Funktionären erahnen, wie Julian Steib für die FAZ (Paywall) recherchiert hat: „[Thore] Stein führte damals im Plenum aus, die AfD plane keineswegs einen Angriff auf die freie Kunst. Aber eine 'nationalkonservative Partei' habe nun einmal andere Vorstellung von Kunst. Was heute gerne als Kunst proklamiert werde, sei für die 'allermeisten Menschen nicht mehr begreifbar'. Nur noch eine 'abgehobene kleine Kaste' suhle sich darin, sich 'immer irrationaler darstellen zu müssen'. 'Für die allermeisten Menschen ist das keine Kunst.'“ Nicht nur so mancher Unionskunde dürfte sich von solchen Aussagen allerdings abgeholt fühlen.
Es ist mehr ein Skandal des Öffentlich Rechtlichen Rundfunks in Österreich als ein Kunstmarktskandal, den Olga Kronsteiner für den Standard (neuerdings mit kostenloser Registrierung) und der Recherche-Podcast Die Dunkelkammer aufgedeckt haben: Für die Reihe „Wa(h)re Kunst“ (Youtube-Video) lässt sich ein freier Produzent vom Gegenstand seiner Berichterstattung – Kunsthändlern und Galeristen – einen Produktionskostenzuschuss in vierstelliger Höhe bezahlen. Wenn der ORF einen Beitrag übernimmt, erhält er in der Regel einen dreistelligen Betrag pro Ausstrahlung. In der FAZ (Paywall) beklgt Ursula Scheer: „Von investigativem Elan ist 'Wa(h)re Kunst' jedenfalls definitiv nicht getrieben, das zeigte zuletzt die im September des vergangenen Jahres erstmals ausgestrahlte jüngste Episode: Da geht es um Erfolge und Sensationen am Kunstmarktplatz Wien, nicht etwa um die andauernden Kunstmessequerelen in der Stadt, einen Schmuggelverdacht um Klimts wiederentdecktes Bild des 'Afrikanischen Prinzen' oder einen Auktionsflop wie den schwierigen Verkauf von Klimts gehyptem Bildnis des 'Fräulein Lieser' im Kinsky.“ Die fehlende journalistische Distanz den Marktteilnehmern anzulasten, wäre allerdings verfehlt. Der ORF lasse jedoch jegliches Problembewusstsein vermissen, schreibt Kronsteiner: „Demnach habe der ORF 'weder die Aufgabe noch die Möglichkeiten, um die Finanzierung von Produkten zu hinterfragen, die er kauft'. Im Hinblick auf gesetzliche Vorgaben heißt es lapidar: 'da sämtliche Sendungen der gegenständlichen Kauf-Reihe redaktionell beurteilt und abgenommen worden' seien, sei 'dem ORF-Gesetz jedenfalls Genüge getan worden'.“
Weiteres Stühlerücken bei Christie's meldet Harrison Jacobs bei Artnews: „Das Auktionshaus hat François-Henri Pinault zum Vorstandsvorsitzenden und nicht geschäftsführenden Direktor ernannt. Pinault ist der Sohn des französischen Milliardärs François Pinault und Präsident der Groupe Artémis, der langjährigen Muttergesellschaft von Christie’s. [...] Seit 2023 hatte Guillaume Cerutti den Vorsitz im Vorstand inne, der von 2017 bis 2025 als CEO des Auktionshauses tätig war. Nach seinem Rücktritt als CEO blieb Cerutti weiterhin Vorstandsvorsitzender sowie Präsident der Pinault Collection. Anfang dieses Jahres gab Cerutti seine Position bei der Sammlung auf. François Pinault ist nun als Präsident der Sammlung aufgeführt.“
Wer die Kochkunst als solche begreift, hat demnächst noch einen Grund mehr, eine Zeitung nicht zu kaufen. Jürgen Dollase, Deutschlands wichtigster Gastrokritiker, gibt auf Facebook die sofortige Einstellung seiner Kolumne in der Frankfirter Allgemeinen Sonntagszeitung bekannt: „Meine beiden Hauptgründe sind: 1. Die fachlich unqualifizierte Behandlung meiner Arbeit durch die für die 'Genuss' - Seite zuständigen Redakteure. 2. Ich möchte nicht mehr, dass meine Texte im Zusammenhang mit den oft unsäglich banalen Texten auf dieser Seite erscheinen. Natürlich danke ich für die guten Momente.“