Kobels Kunstwoche 22 2026
Die tiefste und breiteste Analyse der New Yorker Auktionswoche bieten Zachary Small, Julia Halperin und Tim Schneider in der New York Times (evtl. Paywall): „Monatelange Spekulationen führten zu diesem Moment, der als Symbol für den Versuch der Branche steht, nach vier Jahren mit schwankenden Umsätzen wieder auf die Erfolgsspur zurückzukehren. Es hat funktioniert. Abgesehen von dem siebenminütigen Bieterwettstreit, der den Wert des Pollock-Gemäldes auf einen Rekordpreis von 181,2 Millionen Dollar trieb, übertrafen viele Kunstwerke bei den Auktionen ihre hohen Schätzpreise, wobei einige neue Auktionsrekorde erzielten. Christie’s, Sotheby’s und Phillips verkauften letztendlich Kunstwerke im Gesamtwert von 2,5 Milliarden Dollar, einschließlich Käuferkosten, verglichen mit 1,3 Milliarden Dollar bei den entsprechenden Auktionen im vergangenen Mai.“ Über die reinen Zahlen hinaus werden auch die Themen Garantien, neue Sammler, neue Märkte, alte weiße Männer und Ultracontemporary angesprochen. Im Grunde ist das der eine Artikel, den man lesen sollte.
Das im Vorfeld der Auktionswoche zur Fremdscham einladende Werbevideo mit Nicole Kidman greift Anne Reimers in ihrem Nachbericht für die FAZ auf: „Die australische Hollywood-Schauspielerin tanzt in einem von Christie’s in Auftrag gegebenen Werbefilm zu David Bowies 'Golden Years' um Brancusis vergoldete 'Danaïde' aus der Sammlung des 2017 verstorbenen Medienmoguls S.I. Newhouse, der sich von Meyer in Kunstangelegenheiten beraten ließ. Das Video soll [Ex-Sotheby's-Starauktionator Tobias] Meyers Idee gewesen sein. Bei einem Besuch der laufenden Brancusi-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin kann man selbst den Vergleich mit ähnlichen Skulpturen anstellen. Das Marketing-Theater zahlte sich aus – oder die Kunst, ihre Rarität und Provenienz sprachen für sich: Die 'Danaïde' erzielte bei der Abendauktion 'Masterpieces: The Private Collection of S.I. Newhouse' von Christie’s in New York den zweithöchsten Preis, der je bei einer Versteigerung für eine Skulptur bewilligt wurde. Nach etwa einem halben Dutzend Geboten fiel der Hammer bei 93 Millionen Dollar für eine von sechs bekannten Versionen des Werkes.“
In der WeLT gibt Marcus Woeller zu bedenken: „Rekorde haben für die Branche einen enormen psychologischen Effekt, sie sind aber kein belastbares Aufbruchssignal für den breiten Markt. Einige extrem teure Kunstwerke haben auch dieses Mal die Gesamtsumme in die neunstellige Höhe getrieben. Dass ein erheblicher Teil der Lose durch Garantien abgesichert war, relativiert allerdings die Aussagekraft der Ergebnisse. Spektakuläre Zahlen sind eben nicht unbedingt repräsentativ. Sie zeigen vor allem, dass sehr reiche Sammler und Investoren wieder bereit sind, bei Spitzenwerken aggressiv zu bieten.“
Für Monopol ziehe ich eine Bilanz der Abendauktionen in New York.
Aus Wien meldet Nicole Scheyerer für die FAZ (Paywall) einen Auktionsrekord für eine italienische Künstlerin: „Das Wiener Dorotheum konnte bei seinen Zeitgenossen eine neue Bestmarke für Carla Accardi setzen. Seit dem Tod der Künstlerin 2014 ist ihr Marktwert deutlich gestiegen. Accardis beidseitig gestalteter Paravent 'Fonda notte – Pieno giorno' zeigt die typisch biomorphen Formen jenes zeichenhaften Vokabulars, das sie seit den 1950er-Jahren weiterentwickelte. Der 1986 geschaffene Holzschirm wechselte für hervorragende 400.000 Euro netto den Besitzer – das Zehnfache seiner Untertaxe.“
Vom Rundgang durch die Galerien von Various Others in München hat Veronika Beck für Artmagazine mehr als nur die übliche Checkliste mitgebracht. Sie setzt sich tatsächlich mit Inhalten auseinander und sieht in der diesjährigen Ausgabe einen „Tummelplatz für Trnaszendenz“: „Various Others ist eine Veranstaltung, die kein konkretes Thema vorgibt. Jede Ausgabe bewegt sich damit auf einem Spektrum, irgendwo zwischen exklusivem Galerie-Zirkus und authentischem Gradmesser der Gegenwart. In diesem Jahr zeigen einige Beiträge den Zustand einer postsäkularen Gesellschaft, in der Religion als kulturelle Kraft offensichtlich fortbesteht. Was sich abzeichnet, ist ein spiritueller Tummelplatz, auf dem sich Identität, Ästhetik sowie politische Projektionen unkontrolliert vermengen.“
In Wien haben sich Sammler zusammengetan, um ihre Schätze einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, berichtet Werner Remm bei Artmagazine: „Auffallend bei allen Beteiligten ist die Freude am Vermitteln der eigenen Passion, manche organisieren selbst regelmäßig kleinere Ausstellungen, andere sitzen in Ankaufsjurys von Museen. Die Freude am Kunstkauf und der intensiven Auseinandersetzung mit Kunst, soll mit dem Verein in Zukunft einem noch größeren Publikum vermittelt werden. Angedacht ist letztendlich, einen Raum zu finden, um permanent wechselnde Werke aus den Sammlungen der Mitglieder zeigen zu können. Auf dass sich der Virus des Kunstkaufens möglichst weit verbreiten möge.“
Die Entstehung der von ihm so betitelten Global Neo-Liberal Biennal (GNB) und ihre Rolle im Kunstmarkt erklärt Paco Barragán in einem ausführlichen Essay im Observer: „Diese Verflechtung von Ausstellung und Markt ist keine neue Entwicklung, sondern operativ in der Geschichte der Biennale von Venedig selbst verankert. Wie die italienische Wissenschaftlerin Clarissa Ricci dargelegt hat, konnten die auf der Biennale ausgestellten Kunstwerke von ihrer Gründung im Jahr 1895 bis zum faktischen Ende ihres Verkaufsbüros im Jahr 1972 – das 1973 offiziell geschlossen wurde – direkt verkauft werden. Zwischen 1942 und 1972 fungierte der italienische Kunsthändler Ettore Gian Ferrari als offizieller Vermittler, der für die Biennale eine Provision von 15 Prozent und für sich selbst 2 Prozent auf die von ihm vermittelten Werke berechnete. Kunst wurde in Venedig nicht nur ausgestellt, sondern auch systematisch gehandelt.“
Die Nutzung von LinkedIn legt Annika von Taube den Kunstmarktakteuren bei Monopol ans Herz: „Berücksichtigt man beispielsweise, dass die meisten Menschen LinkedIn im beruflichen Kontext und während der Arbeitszeit nutzen, vermarktet man als schönen Nebeneffekt noch, dass Kunstbetrachtung stressreduzierend und konzentrationssteigernd wirkt. Am Ende schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe: Man aktiviert neue Zielgruppen und peppt nebenbei eine in Sachen Originalität renovierungsbedürftige Social-Media-Plattform auf.“
Der Begeisterung der Gen Z für Mark Rothko geht Nadia Anwar-Watts im Guardian nach: „Auf TikTok und Instagram erzielen Videos rund um Rothkos Werk Hunderttausende von Aufrufen. Ein Creator hat begonnen, Outfits zu stylen, die von einzelnen Rothko-Gemälden inspiriert sind; ein anderer ordnet Rothkos Werke bestimmten Persönlichkeitsarchetypen zu und beschreibt 'Untitled (Yellow and Blue)' als passend für 'jemanden, der früh aufsteht, Zitruswasser trinkt und sein Leben im Griff hat – oder zumindest so wirkt'. An anderer Stelle vergleichen Nutzer seine stimmungsvollen Farbpaletten mit der verträumten Melancholie der Cocteau Twins – der Dream-Pop-Band, die derzeit ebenfalls eine Renaissance bei der Generation Z erlebt.“ Dazu passt eine Untersuchung von Retail Boss (via Instagram), derzufolge die Gen Z einen ausgepärgten Hang zur Nostalgie entwickelt habe. Und die Berfatungsagentur The Bespoke World erklärt (ebenfalls via Instagram), warum Luxusmarken wieder mehr auf Print setzen.
Die prekäre Lage der Atelierhäuser in Berlin beschreibt Patricia Wolf im Tagesspiegel (Paywall): „Das Haus in der Schönfließer Straße ist deshalb auch ein Symbol – für eine Stadt, die sich gern als Kulturmetropole inszeniert, aber immer weniger Raum für diejenigen schafft, die diese Kultur tragen. […] Denn die Frage ist längst nicht mehr, wie Künstler*innen arbeiten. Sondern ob eine Stadt wie Berlin die Bedingungen schafft, unter denen sie bleiben können und wollen.“
Den Plan, Kunst und Kultur angesichts einer drohenden braunen blauen Alleinregierung in Sachsen-Anhalt durch ein Kulturfördergesetz vor dem Kahlschlag zu schützen, ordnet Bernhard Schulz für Monopol ein: „Denn sie [die AfD] äußert in ihrem Programm drohend, 'die Kunstfreiheit' sei 'kein Anspruch, alles Mögliche gefördert zu bekommen.' Und weiter: 'Deshalb werden wir mit Staats- und Steuergeld vorwiegend solche Kunst fördern, die einen Beitrag zu deutscher Identitätsfindung leistet.' Der Interpretation, was zu 'deutscher Identitätsfindung' dienlich sei, ist Tür und Tor geöffnet; mit Sicherheit schon mal nicht das Bauhaus, wie es modellhaft in Dessau steht. Auf den Theatern sollen mehr 'deutsche Stücke' gespielt werden, und überhaupt darf es 'kein Staatsgeld für antideutsche Kunst und Kultur' mehr geben.“
Wassan Al-Khudhairi wird die zweite Ausgabe der Art Basel Qatar kuratieren, melde ich bei Artmagazine.
Ihre Schließung gibt die Galerie Aire de Paris bei Instagram bekannt. Devorah Lauter hat für Cultured mit den Galeristen über die Insolvenz und die Veränderungen im Kunstmarkt gesprochen: „Bonnefous und Merino beschlossen die Schließung vor allem aufgrund der 'prekären' finanziellen Lage der Galerie, Bonnefous’ Gesundheitszustand (sie leidet an einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung), Merinos eigener schwankender Gesundheit sowie einer schwelenden Weigerung, sich an der zunehmend gewinnorientierten 'Management-Effizienz' der Kunstbranche zu beteiligen [...] Vor einem Jahr zogen sich die Galeristen von der Art Basel in Basel zurück, nachdem ihr Stand herabgestuft worden war. In einem Brief kritisierten sie einen 'Trend hin zu einem stärker korporatistischen Modell' des Kunsthandels. 'Dennoch versuchten wir in den letzten Jahren weiterzumachen, ohne den einfachen Weg oder das Geldverdienen zu wählen', unterstützt durch enge Beziehungen zu Institutionen und Sammlern, so Bonnefous. 'Umso überraschender ist es, dass wir so lange durchgehalten haben.'“
Der Überfall auf den Louvre wird verfilmt, meldet Charles Boutin im Figaro.
Ein New Yorker Gericht hat den Ex-Mann des New Yorker Galeristen Brent Sikkema des Mordes für schuldig befunden, meldet Kelly Crow im Wall Street Journal: „Ein Bundesgericht befand Daniel Sikkema am Freitag in drei Anklagepunkten für schuldig, sich verschworen zu haben, um einen Auftragskiller anzuheuern und zu bezahlen, der den 75-jährigen Händler töten sollte, der sich vor zwei Jahren an ihrem Zweitwohnsitz in Rio de Janeiro im Urlaub befand.“
An den verstorbenen Kölner Galeristen Knut Opser erinnern Marian Gambino und Christiane Vielhaber im Kölner Stadt-Anzeiger: „Es fiel ihm schwer, seine Galerie-Räume abzugeben. 'Ich müsste 20 Jahre jünger sein, dann würde ich weitermachen', sagte er noch bei einem Besuch vor einem Jahr. Knut Osper schloss Ende Mai vergangenen Jahres seine Kunsthandlung in der Pfeilstraße nach 60 Jahren. […] Ein Jahr nach der Schluss-Ausstellung 'Schatzsuche' ist Knut Osper am 11. Mai im Alter von 81 Jahren gestorben.“