Kobels Kunstwoche 12 2026
Die Tefaf in Maastricht begeistert Brian Boucher bei Artnews: „Trotz weltweiter Unruhen und eines sich ständig verschärfenden Konflikts im Nahen Osten zeigten sich die von ARTnews an ihren Ständen auf der Kunstmesse TEFAF in Maastricht befragten Händler, sofern sie bereit waren, über ihre Umsätze zu sprechen, mehr als zufrieden – auch wenn, wie ein Händler anmerkte, Sammler aus dem Nahen Osten möglicherweise nicht reisen konnten. [...] Jörn Günther, ein Händler für seltene Bücher aus Basel, der seit dreißig Jahren auf der TEFAF ausstellt, sagte, dieses Jahr sei sein bestes gewesen.“
Einen Generationswechsel erhofft sich Ursula Scheer in der FAZ (Paywall): „ Licht, Luft und feinsinnige Korrespondenzen zwischen ausgewählten Objekten bietet dagegen die römische Antikenhändlerin Alessandra Di Castro – Vertreterin einer neuen Generation, die gleichwohl mit ihrer 2009 gegründeten Galerie auf eine bis ins Jahr 1878 zurückreichende Familientradition aufbaut.Im TEFAF-Leitungskomitee gehört sie zu der Gruppe von Händlern, die die vor 38 Jahren gegründete, von einer Stiftung getragene Messe in Richtung Zukunft führen sollen. Kontinuität in der Leitung und damit eine klare strategische Linie gibt es seit Jahren nicht: Die Direktoren gaben sich zuletzt die Klinke in die Hand, mit fünf Personalwechseln in vier Jahren. Nach dem Abgang von Dominique Savelkoul im Dezember übernehmen nun Mitglieder des Exekutivkomitees im Halbjahrestakt alternierend das Ruder; gerade ist Boris Vervoordt als Präsident und Chairman dran.“
Auf die Bedeutung der Tefaf für die Museumswelt weist Rüdiger Heinze in der Augsburger Allgemeine hin: „Und weil hier in Südholland in jeder Hinsicht kapitale Werke zu erwerben sind, ist Maastricht auch alljährlich Anlaufstelle für Museumsdirektoren und Kuratoren. 2026 etwa waren an den ersten Tagen zu sichten: Christiane Lange, die Chefin der Staatsgalerie Stuttgart, die sich, das war indiskret aus den Augenwinkeln zu verfolgen, für Gabriele Münter interessierte, sowie Hans [sic!] Hollein, der Chef des Metropolitan Museums New York, nun wirklich internationale Expertenspitze.“
Sogar Kunst von Frauen sei auf der Tefaf angekommen, beobachtet Christiane Meixner im Tagesspiegel (evtl. Paywall): „Auffällig ist die Zahl der vertretenen Künstlerinnen, unter ihnen Sonia Delaunay mit einem von geometrischen Formen inspirierten Blatt am Stand der Galerie Zlotowski (120.000 Euro) oder Picassos Geliebte Dora Maar, die endlich auch als autonome Malerin gewürdigt wird. Allerdings kostet ihr kubistisches Picasso-Porträt von 1937 bei der Galerie Boquet inzwischen auch schon 700.000 Euro.“ Bei Artnet weist Kate Brown auf ein inoffizielles Verzeichnis hin, das zu Kunst von Frauen auf der Tefaf führt.
In der Aachener Zeitung weist Belinda Petri auf einen problematischen Aspekt (nicht nur) dieser Messe hin: „Während die Messe als Wirtschaftsmotor gilt, kritisiert XR deren Klimabilanz. Die Aktivistengruppe kündigt an, am 14. März die Autobahn A2 zu blockieren. Sie kritisieren vor allem die Anreise zahlreicher Gäste per Privatjet zum Maastricht Aachen Airport. Da dort kaum Parkkapazitäten bestehen, würden viele Maschinen leer nach Lüttich weiterfliegen – zusätzliche Emissionen, die laut XR [Extinction Rebellion] 'reinem Luxus' geschuldet seien. Die Luftfahrt gehöre zu den klimaschädlichsten Branchen, Privatjets seien dabei Spitzenreiter: Ein Kurzflug könne dem CO₂-Jahresausstoß einer europäischen Durchschnittsperson entsprechen. Die Gruppe verweist außerdem auf die anstehenden A2-Baustellensperrungen: Wenn Straßen für Infrastruktur blockiert würden, müsse dies auch für den Klimaschutz möglich sein.“ In Maastricht war ich für Artmagazine.
Derweil hält die Kunstmessemisere in Wien an. Für den Standard hat Olga Kronsteiner den Stand der Dinge recherchiert. Demnach positioniert sich etwa gerade „ein ungarisches Unternehmen, das Mitte Februar bei einigen Galerien in Wien vorstellig wurde. Demnach solle Ende September in der Messe Wien die sogenannte 'Nova Vienna Contemporary Art Fair' stattfinden: mit einem DACH- und CEE-Schwerpunkt wolle man 80 oder auch 90 ausgewählte Galerien dafür gewinnen. Eine STANDARD-Anfrage bei dem Unternehmer, der laut eigenen Angaben seit über 30 Jahren Kunstmessen in Ungarn veranstaltet, blieb unbeantwortet. Ebenso brachte sich Unternehmensberater, Galerist und Neo-Messeveranstalter Frederik Lehner mit einer VC-Nachfolgemesse ins Spiel: die 'qube Art Fair', die sich als 'jährliche Leitmesse für zeitgenössische Kunst' mit 'ausgewählten Top-Galerien aus Österreich, CEE und ganz Europa' etablieren soll. […] Zunächst hätte die Messe im November im Austria Center stattfinden sollen. Das erwies sich dann doch als zu kurzfristig. Laut Lehner soll sie Ende November 2027 erstmals in der Marx-Halle stattfinden.“ Und laut der Onepager-Internetpräsenz auch zu einem unbestimmten Zeitpunkt in der Arena Berlin. Lehner betreibt laut Northdata seit 2016 auch die Lehner Kunstauktionen GmbH in Wien, die in den letzten beiden Jahresabschlüssen Verluste und negatives Eigenkapital ausweist. Es scheint sich also nicht viel zu ändern in Wien.
Auf die Messen in der Golfregion blickt Marcus Woeller in der WeLT: „Ohne verlässlichen internationalen Flugverkehr ist die Region geografisch abgeschnitten, eine Messe realistisch kaum durchführbar. Immerhin, die Auslastung der wichtigsten Fluggesellschaft Emirates sei wieder auf 50 Prozent gestiegen, so die Art Dubai. Die Hoffnung liegt nun auf der lokalen Stärke der 3,9-Millionen-Stadt. In Dubai ist ein kulturelles Ökosystem gewachsen. Es beherbergt mehrere kommerzielle Galerien, Auktionshäuser und eine wachsende Zahl privater Sammlungen und institutioneller Stiftungen. 'Die Stadt hat sich in der jüngsten Vergangenheit als äußerst widerstandsfähig erwiesen', und man glaube, so der Sprecher der Messe, die wie gewohnt im prächtigen Madinat-Jumeirah-Resort im Schatten des Burj Al Arab stattfinden soll, 'dass sie gestärkt aus dieser Situation hervorgehen wird.'“
Den neuen Art Basel and UBS Art Market Report 2026 (PDF) hat Ursula Scheer für die FAZ (Paywall) gelesen: „Davon ausgehend ergibt sich ein Bild mit Licht- und Schattenpartien. Der Anstieg des globalen Kunsthandelsumsatzes auf schätzungsweise 59,6 Milliarden Dollar gegenüber 2024 markiert zwar eine Trendwende nach zwei vorausgegangenen Jahren mit sinkenden Umsätzen, konzentriert sich aber auf die oberste Spitze des Marktes – und bleibt unterm Strich weiterhin deutlich unterhalb des Rekordwerts von 67,8 Milliarden Dollar 2022.“
Besonders kritisch blickt Daniel Cassady für Artnews auf ein Marktsegement: „Während eines Großteils des vergangenen Jahrzehnts verhielt sich der Kunstmarkt, als sei die Geschichte stehen geblieben. Sammler und Spekulanten jagten mit missionarischem Eifer den noch frischen Farben hinterher, überzeugt davon, dass der nächste Atelierbesuch ein zukünftiges Meisterwerk (oder eine ordentliche Rendite beim Weiterverkauf auf dem Sekundärmarkt) hervorbringen könnte. Die Auktionshäuser kamen diesem Wunsch nach und verwandelten die Abendauktionen in Spektakel für Künstler, die kaum Zeit hatten, sich einen Ruf aufzubauen. Dieser Rausch scheint vorbei zu sein, wie aus dem aktuellen Art Basel & UBS Art Market Report hervorgeht, der von der Ökonomin Clare McAndrew von Arts Economics verfasst wurde. Während der globale Kunstmarkt im vergangenen Jahr zu einem bescheidenen Wachstum zurückkehrte und einen geschätzten Umsatz von 59,6 Milliarden US-Dollar erreichte – ein Anstieg um 4 Prozent nach zwei Jahren des Rückgangs –, sind die Auktionsumsätze für Nachkriegs- und zeitgenössische Kunst weiter gesunken. Diese Kategorien erzielten im vergangenen Jahr 4,5 Milliarden US-Dollar, verglichen mit 8,5 Milliarden US-Dollar im Jahr 2021.“
Die Kritikpunkte an dem Report benennt Scott Reyburn in der New York Times (evtl. Paywall): „Der jährlich erscheinende „Art Basel and UBS Art Market Report“ ist die einzige umfassende Studie zu diesem spezialisierten Wirtschaftssektor, die sowohl Auktionen als auch Verkäufe von Kunsthändlern abdeckt. Die Auktionsdaten stammen aus öffentlich zugänglichen Quellen, während die Privatverkäufe der Händler anhand von Umfrageantworten von Galeristen geschätzt werden, deren Zahl sich in diesem Jahr auf 1.650 belief. Obwohl der Bericht als die maßgeblichste Wirtschaftsstudie der Branche gilt, hat die Verwendung von selbst gemeldeten Informationen einer relativ kleinen Stichprobe von Händlern einige Experten dazu veranlasst, die Ergebnisse früherer Berichte in Frage zu stellen.“ Den Report habe ich für Monopol und Handelsblatt gelesen.
Durch die Veröffentlichungen von Galerien und Auktionshäusern im britischen Pendant zum Bundesanzeiger haben sich Anna Brady und Anny Shaw für das Art Newspaper (evtl. Paywall) gearbeitet: „Alle vier großen Auktionshäuser befinden sich letztlich im Besitz einer Offshore-Muttergesellschaft wie die von [Sothebys] Drahi, was bedeutet, dass ein wahrheitsgetreues und umfassendes Bild ihrer Finanzlage letztlich verschleiert wird.“
In der Causa Weimer legt Claudius Seidl in der Süddeutschen Zeitung (Paywall) nach: „Wenn Buchhandlungen vom Verfassungsschutz beobachtet werden, braucht kein Kulturstaatsminister mehr die Freiheit der Meinung und der Künste zu beschwören. Wenn die von ihm geleitete Behörde auch noch so offensichtlich lügt, möchte man von ihm kein Wort mehr hören. In keiner, wirklich gar keiner Angelegenheit.“ In der FAZ urteilt Jürgen Kaube: „Der Mann scheint nicht zu wissen, worum es ihm geht. Scheint sofort zu vergessen, was er kurz zuvor gesagt hat. Scheint gleichgültig gegen alle seine Fehlgriffe. Die Empfänger von Post aus seinem Ministerium werden künftig Schlüsse daraus ziehen. Es ist ihm und dem Staatsminister nicht mehr zu glauben, er ruiniert sein Amt.“ Wolfram Weimer könnte mit seinen autoritären Anwandlungen nur ein Testballon des Innenministers sein, vermuten Markus Balser und Ronen Steinke in der Süddeutschen Zeitung (Paywall): „Denn nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung wirbt das Bundesinnenministerium unter Alexander Dobrindt (CSU) bei Ministerien und auch Behörden des Bundes dafür, es Wolfram Weimer gleichzutun. Die Rede ist von einem flächendeckenden Vorgehen: Staatliche Stellen, heißt es, müssten sicherstellen, dass Fördergeld nicht an Extremisten fließt. Personen oder Gruppen, über die dem Verfassungsschutz relevante Erkenntnisse vorliegen, sollte kein Geld gewährt werden. Behörden müssten dann eigentlich bei jedem Antrag den Verfassungsschutz konsultieren, bevor sie Fördergeld an Bürgerinnen und Bürger herausgeben, in welcher Form auch immer.“ Da werden es sich diese Linksgrünen wohl demnächst zweimal überlegen, ob sie sich ihre Wärmepumpe oder Solaranlage vom Bund fördern lassen.
Darüber hinaus hat Weimer der Deutschen National Bibliothek beschieden, sie möge doch bitte Kuchen essen und ihr den dringend benötigten Erweiterungsbau gestrichen. Nikolaus Bernau erinnert im Tagesspiegel (evtl. Paywall) an die Pflichten des Bundes: „Weimer stellt mit dem Stopp des Depot-Bauprojekts aber auch die gesetzliche Pflicht des Bundes infrage, die DNB auskömmlich zu finanzieren und ihre Arbeitsfähigkeit zu garantieren. Nur weil der Bund diese Pflicht übernahm, haben die Länder, insbesondere Bayern und Berlin, 2006 zugestimmt, den zentralistischen Ehrentitel 'Nationalbibliothek' nach Leipzig und Frankfurt zu vergeben, allen föderalen Bedenken zum Trotz. Nur deswegen hat Weimer nun überhaupt die Macht, Neuorientierungen oder Baustopps im Grundsatz zu beschließen.“