Kobels Kunstwoche 38 2026
Fast alle freuen sich , dass Wien mit der Astoria Art Show doch noch eine hochkarätige Kunstmesse auf die Beine gestellt hat. Sogar in die Boulevardmedien hat es die Veranstaltung gebracht. Oe24 schreibt: "Ein besonderes Highlight der Messe war die Astoria Artnight, eine geschlossene Abendveranstaltung. Die Wiener Kunstszene feierte gemeinsam mit zahlreichen Gästen aus dem In- und Ausland auf mehreren Ebenen." Begeistert äußert sich Eva Komarek in der Presse (Paywall) aus Wien: “Bleibt als dritte Frage, die Finanzierung: Für den Auftakt waren die Teilnahmekosten von 500 bis 2500 Euro, je nach Galerienumsatz, sehr attraktiv. Genau hier liegt eines der strukturellen Probleme des internationalen Messegeschäfts: Professionelle Infrastruktur kostet Geld, steigende Standpreise wiederum machen die Teilnahme für jene mittleren und kleineren Galerien schwierig, die für die Vielfalt einer Messe wichtig sind. Immerhin ist es gelungen, stärkere Unterstützung von der öffentlichen Hand zu bekommen. Die Stadt Wien hat erstmals überhaupt eine Kunstmesse gefördert. Und wie [Galerist Markus] Peichl betont, gibt es eine fixe Zusage für 2027. Mit der Astoria Artshow ist ein erster großer Wurf gelungen. Gemeinsam mit der Parallel, die sich mehr als Festival denn als klassische Messe positioniert, und dem Galerienfestival 'Curated by' könnte eine Kunstwoche entstehen, für die es sich auch international wieder lohnt, nach Wien zu kommen.“ Das Preismodell der Messe erklärt Michael Huber im Kurier (Paywall): „Die Aussteller wurden aufgefordert, jeweils nur einen Künstler oder eine Künstlerin mit besonderen Werken zu präsentieren, was aus Publikumssicht ein Gewinn ist. Ob sich ein solcher auch in der Kassa einstellt, ist freilich eine andere Frage. Bei der Astoria Artshow ist der kommerzielle Druck durch ein 'solidarisches Beitragsmodell' gelindert, wie Co-Initiator Maximilian Thoman erklärt: Galerien, die übers Jahr gerechnet mehr Umsatz verbuchen, zahlten mehr ein als Galerien mit geringerem Verkaufsvolumen.“ Ein Haar in der Suppe findet investigativ Olga Kronsteiner für den Standard : "Nach einem Lobgesang auf die Unterstützer, namentlich auf die Wien Holding, die Wirtschaftsagentur Wien, die Kulturabteilung der Stadt Wien (MA 7) und das Kulturministerium wies man die STANDARD-Anfrage nach der Höhe der Fördersumme bei der Pressekonferenz brüsk zurück. Steuergeld? Das gehe niemanden etwas an, das könne man ja in irgendwelchen Rechenschaftsberichten nachlesen. [...] Ob Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ), der seine offizielle 'Begrüßung' kurzfristig ('aus Termingründen') absagte, einen Goldesel in seinem Büro versteckt hat, muss eine Mutmaßung bleiben." Ja, es ist durchaus üblich, dass man Ausgaben öffentlicher Stellen "in irgendwelchen Rechenschaftsberichten nachlesen kann". Ich habe die Messe für Artmagazine besucht.
Die ursprünglich als eher improvisierter Satellit gestartete Parallel professionalisiere sich, bemerkt Katharina Rustler im Standard: "Ja, die unvorhersehbaren und manchmal etwas heruntergekommenen Räume der zwischengenutzten Pavillons stellen für manche Aussteller und Galerien auch Hürden dar. Wenngleich viele genau das an der Parallel schätzen. Von Jahr zu Jahr wird die Messe dennoch professioneller und cleaner. Man merkt, wie viel Aufwand die meisten Aussteller und Kunstschaffenden betreiben." Wie diese Professionalisierung unter anderem aussieht, beschreibt Werner Remm bei Artmagazine: „Wer allerdings zuerst das dem Eingang zum Areal am nächsten liegende Jungendstiltheater betritt, mag im ersten Moment stocken: Weiße Wände mit klassischem Messebau passen eigentlich nicht zum Image der Parallel. War das Jugendstiltheater bei früheren Ausgaben noch Schauplatz für Performances und Gruppenshows, haben jetzt einige von Österreichs bekanntesten Galerien dort Quartier bezogen und zeigen meist Einzelpräsentationen jüngerer Künstler:innen.“
Das Programm des Wiener Galeriefestivals Curated by stellt Katharina Rustler im Standard vor. Das Fördermodell erklärt ein Artikel von APA: „Wie jeden Herbst laden auch heuer wieder 24 Wiener Galerien internationale Kuratoren und Kuratorinnen ein, sich in Form einer Ausstellung mit dem gewählten Jahresthema auseinanderzusetzen. Jede Galerie habe dafür ein Budget von 9.000 Euro zur Verfügung, wobei 6.000 für die Produktion der jeweiligen Schau gedacht seien, sagte Attilia Fattori Franchini, die gemeinsam mit Christina Linher als Direktorin von curated by fungiert.“
Die Positions ist Berlins einzige verbliebene nennenswerte Kunstmesse. Michaela Nolte hat die parallel zur Berlin Art Week laufende Veranstaltung für den Tagesspiegel (evtl. Paywall) besucht: „Mit der Rückkehr in zwei Hangars haben die Positions-Direktoren Kristian Jarmuschek und Heinrich Carstens das Ausstellungskonzept zur 13. Ausgabe programmatisch konzentriert. Was der Messe sehr gut steht. Hangar 6, in dem sich etwas streng, aber übersichtlich Koje an Koje reiht, ist den Galerien vorbehalten, während die Sonderausstellungen und die Fashion Positions im Hangar 5 in atmosphärisch lockerer Ausstellungsarchitektur dem Nachwuchs einen großen Auftritt bereiten. Ein Novum ist die Design Positions.“ Ferial Nadja Karrasch war für Monopol unterwegs: „Neben dem Länderfokus hat sich die Positions auch in diesem Jahr das Ziel gesetzt, die nächste Generation zu fördern. Heißt: Sowohl jungen Künstlerinnen und Künstlern als auch jungen Sammlerinnen und Sammlern soll auf der Messe der Einstieg in den Kunstmarkt ermöglicht werden. Hierfür stehen in Hangar 5 gleich drei unterschiedliche Formate bereit: Die Sonderausstellung 'Selected Positions' zeigt Werke, die mit einer preislichen Obergrenze von 2500 Euro auch mit einem schmaleren Budget erschwinglich sein sollen. Mit 'Daisies' wurde ein Ausstellungs- und gewissermaßen Mehrgenerationenprojekt der Spinnerei-Galerien in Leipzig übernommen: Neun etablierte 'Bewohner' des Industrie-Kulturareals, darunter die Galerie Eigen + Art und die Galerie Jochen Hempel, zeigen hier von jungen Kuratorinnen und Kuratoren ausgewählte Newcomer. Und schließlich sind bei den 'Academy Positions' wieder Absolventinnen, Absolventen und Studierende deutscher Kunsthochschulen zu sehen.“ Irgendwann nehmen ja vielleicht auch die etablierten Berliner Galerien die Veranstaltung ernst. Einen Galerierundgang in Berlin unternimmt Niklas Maak für die FAZ.
Auf dem Brüsseler Galeriewochenende Rendezvous hat sich Ursula Scheer für die FAZ umgesehen: „Melancholie verströmen eine Reihe der aktuellen Galerienausstellungen in Brüssel, dabei ist die Kunstwoche selbst von überbordender Lebensfreude: Nach dem Aus des früheren Brüsseler Gallery Weekends unter dem Titel „RendezVous“ erst im vorigen Jahr von den Kuratorinnen Laure Decock und Evelyn Simons neu begründet, beweist die Brussels Art Week, wie vital die Kunstszene der Stadt ist.“
Die Ausstellerliste der Art Cologne ist veröffentlicht, meldet Monopol: „47 Aussteller nehmen erstmals teil oder kehren nach längerer Abwesenheit zurück. Zu den Neuzugängen beziehungsweise Rückkehrern zählen unter anderem ABC aus Budapest, Continua mit Standorten in mehreren Ländern, Bärbel Grässlin aus Frankfurt, Linn Lühn aus Düsseldorf, Mennour aus Paris, Nino Mier aus New York, Pelaires aus Palma, PSM und Wentrup aus Berlin, Nikolaus Ruzicska aus Salzburg sowie Secci aus Mailand.“ 104 der 164 Galerien stammen aus Deutschland, zwölf aus Österreich und acht aus der Schweiz, mit einigen Galerien mit mehreren Standorten. Berlin stellt mit 33 mehr Aussteller als Köln mit 27.
Tokyo Gendai profitiere von einem stabilen Heimatmarkt, ist Elisa Carollo im Observer überzeugt: „Betrachtet man den größeren Zusammenhang, so findet die 'Tokyo Gendai' in einem Japan statt, das von beträchtlicher politischer und wirtschaftlicher Stabilität profitiert hat, was wiederum laut Direktorin Eri Takane zum Vertrauen der Sammler beigetragen hat. Gleichzeitig basiert der japanische Kunstmarkt auf einer Sammlerkultur, die sich über Jahrzehnte hinweg entwickelt hat und eher von Leidenschaft als von Spekulation getrieben ist, da man bereits die Folgen einer früheren Spekulationsblase erlebt hat. 'Wir blicken in Japan auf eine rund 50-jährige Geschichte im Galeriegeschäft zurück', sagte sie. 'Ich glaube, die Sammler sind nicht wirklich Investoren. Sie kaufen aus Leidenschaft.' Das hat dazu beigetragen, den Markt vor den trendgetriebenen Blasen zu schützen, wie man sie anderswo gesehen hat.“
Das Auktionshaus Bonhams hat zusammen mit den Musikern Swizz Beatz and Alicia Keys ein freiwilliges Folgerechtsprogramm aufgesetzt, berichtet Carlie Porterfield im Art Newspaper (evtl. Paywall): „Die Teilnehmer können sich dazu verpflichten, mindestens 1 % des Zuschlagspreises oder 500 Dollar vom Einlieferer zu spenden, je nachdem, welcher Betrag höher ist. Das Auktionshaus wird den Prozentsatz des Beitrags verdoppeln, in der Hoffnung, dass andere Auktionshäuser und Unternehmen des Sekundärmarktes für Kunst ähnliche Maßnahmen ergreifen. Bonhams hat keine Schätzungen oder Prognosen dazu abgegeben, wie viel das Programm das Auktionshaus kosten wird.“
Warum sich der New Yorker Kunstkalender an Europa orientiert, versucht John Scott Lewinski für den Observer zu ergründen: „Angesichts der zunehmenden Globalisierung der Kunstwelt ist es kein Wunder, dass sich New York an den internationalen Kulturkalendern orientiert. London präsentiert sein stärkstes Programm im September und Oktober. Paris erlebt jedes Jahr im Herbst einen Aufschwung, wenn die Ausstellungen mit großen internationalen Veranstaltungen zusammenfallen, die weltweite Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Berlins Saison gewinnt nach dem Sommer mit Museumseröffnungen und Galeriewochenenden an Fahrt. Und schließlich präsentieren Mailand und Madrid im Herbst wichtige Ausstellungen.“
Über einen Diebstahl von zwei Gemälden aus dem Renoir-Museum im südfranzösischen Cagnes-sur-Mer berichten Hikmat Mohammed und Maximilíano Durón bei Artnews: „In ihrer Eile ließen die beiden Verdächtigen laut BFM TV zwei der vier Gemälde zurück, konnten aber mit zwei Kunstwerken im geschätzten Wert von 9 Millionen Euro (10,5 Millionen Dollar) entkommen. Das Alarmsystem des Museums löste um 5:48 Uhr (Ortszeit) Alarm aus, und die Polizei soll innerhalb von fünf Minuten vor Ort gewesen sein. [...] 'Der heutige Diebstahl von vier Renoir-Werken', so James Ratcliffe, Leiter der Rückführungsabteilung und Justiziar des Art Loss Register, 'ist eine nützliche, wenn auch traurige Erinnerung daran, dass die Sicherheit in Museen ein komplexes Thema ist und dass Museen sich zwar an die zunehmende Zielrichtung von Diebstählen an Objekten aus Edelmetallen und Edelsteinen wegen ihres Rohstoffwerts angepasst haben, aber dennoch wachsam gegenüber dem Risiko traditionellerer Kunstdiebstähle bleiben müssen.'“ Sicherheit ist schön, kostet aber viel Geld. Und das geht wohl eher in Prestigeprojekte. There's no glory in prevention.
Für Künstlernachlässe gibt es eine wenig bekannte Anlaufstelle, die Udo Badelt im Tagesspiegel vorstellt: „Einen guten Überblick über die Vielfalt bekommt man beim Bundesverband Künstlernachlässe mit Sitz im Markgrafendamm in Friedrichshain, einem Lobbyverband für den Erhalt kulturellen Erbes. „Künstlernachlässe sind oftmals sehr bedeutsam für die Stadt-, Regional- und Kunstgeschichte. Sie stärken die kulturelle Identität“, sagt Silvia Köhler vom Vorstand des Bundesverbands. Der Verband besitzt keine eigenen Archive oder Lagerräume. Er sieht sich vor allem als Vermittler. Wenn ein Maler oder eine Grafikerin verstorben ist und die Erben nicht wissen, was sie mit dem Nachlass machen sollen, können sie sich an den Verband wenden. Der stellt den Kontakt zu lokalen Ansprechpartnern in den Bundesländern her.“
Sarah Alberti erhält den ADKV-Art-Cologne Preis für Kunstkritik, meldet Monopol. Herzlichen Glückwunsch!