Kobels Kunstwoche 30 2026
Und es gibt doch eine internationale Herbstmesse in Wien, meldet Werner Remm bei Artmagazine: „vom 10. bis 13. September wird erstmals in Wien eine kollektiv von Galerien initiierte und organisierte Kunstmesse stattfinden. Der vor wenigen Wochen von 35 Wiener Galerien gegründete Verein VAU – Vienna Art United hat es geschafft, die Finanzierung für die 'Astoria Art Show' auf die Beine zu stellen. […] Die nun angekündigte erste Veranstaltung des Vereins ist allerdings nicht als endgültige Lösung, sondern zur als Zwischenschritt zu verstehen, bis im Herbst 2027 dann ein entsprechender Ort für eine Messe mit rund 130 internationalen wie nationalen teilnehmenden Galerien gefunden sein soll.“ Innovativ und vor allem moderat soll die Preisgestaltung für die Stände sein: „Kleine Galerien mit einem Jahresumsatz von weniger als 250.000 Euro zahlen einheitlich 500 €. Für mittelgroße Galerien mit einem Jahrsumsatz zwischen 250.000 und 600.000 Euro werden 1.500 € fällig und für große Galerien mit einem Jahresumsatz von mehr als 600.000 Euro kostet die Teilnahme 2.500 Euro. Die Einstufung in die jeweiligen Kategorien müssen die Galerien selbst vornehmen und die Organisator:innen vertrauen dabei auf die Solidarität der Teilnehmenden. Für den Bereich der Editionen und Collectibles werden deutlich mehr, nämlich zwischen 5.000 und 8.000 Euro fällig, Institutionen bezahlen einheitlich 1.000 Euro.“
Passend zur Jahreszeit nimmt sich Eva Karcher für das Handelsblatt vom 17. Juli einigen Messen an beliebten Ferienorten an, die nach ihrer Einschätzung Marktbedeutung zunehmen: „Dies verweist auf die neue Rolle, die Messen wie die CAN Ibiza, die Art Monte-Carlo und die im April zum ersten Mal veranstaltete Art Cologne Palma Mallorca einnehmen. Durch die Wahl exklusiver Orte zählen die kleinformatigen Kunstmessen zu den sogenannten Destination-Fairs, die ihrer Klientel weit mehr bieten als klassische Messestände.[...] Ferienresidenzen, Jachten und Oldtimer allein genügen vielen Ultra-High-Net-Worth Individuals nicht mehr. Vor allem jüngere Sammlerinnen und Sammler schätzen den smarten Mix der Stile und Genres. Sie kombinieren zeitgenössische Kunst mit Antiquitäten, Design oder Collectibles. Kunst bleibt dabei das intellektuelle Abenteuer – und lässt sich zugleich mit anderen Kulturbereichen verbinden.“ Die Messe auf Ibiza ordnet Clementine Kügler für die FAZ (Paywall) eher weiter unten ein: „Mit 38 Galerien aus Spanien, Europa, Asien und Amerika ist die Messe großzügig angelegt und überschaubar zugleich. Die Auswahl bedient viele Register. Wer allzu Buntes meiden will, findet auch ernstzunehmende Entdeckungen.“
So eine Destination Fair ist dann wohl auch die Art Bad Gastein, die Werner Remm für Artmagazine besucht hat: „Längst reicht es nicht mehr eine Galerie oder eine Messehalle aufzusperren, damit die Kunstbegeisterten herbeiströmen und kaufen. Gerade jüngere Sammler:innen erwarten sich besonders von Kunstmessen einen Mix aus Kunst und Events, die eine besondere persönliche Erfahrung möglich machen. Andrea von Goetz, die Initiatorin der sommer.frische.kunst in Bad Gastein hat den Zug der Zeit schon vor einigen Jahren erkannt und die art: badgastein im Hotel Astoria etabliert, wo sich der Charme eines alten Kurhotels mit zeitgenössischer Kunst und der Bergkulisse Bad Gasteins verbindet. 13 Galerien sind dieses Jahr dem Ruf ins Gasteinertal gefolgt.“
Den Geschäftsverlauf der internationalen Aktionshäuser im ersten Halbjahr beschreibt Ursula Scheer in der FAZ (Paywall): „In den großen Auktionshäusern scheint der Jubel über die Ergebnisse des ersten Halbjahres 2026 kaum Grenzen zu kennen: 'Zuwächse von 71 Prozent bei Auktionsverkäufen' im Vergleich zum Vorjahreszeitraum meldet Christie’s, dazu das bisher erfolgreichste Geschäft mit Privatverkäufen und einen Gesamtumsatz von 4,5 Milliarden Dollar, von dem 3,5 Milliarden auf Versteigerungen entfallen. Knapp dahinter folgt der Konkurrent Sotheby’s, der für die ersten beiden Quartale einen Gesamtumsatz von 4,4 Milliarden Dollar ausweist, ein Plus von 58 Prozent, zu dem Auktionsverkäufe von 3,4 Milliarden Dollar beigetragen haben.“ Allerdings verdankten sich die starken Ergebnisse vor allem einigen wenigen Einlieferungen: „Von ambitionierten Supersammlern zusammengetragene Megakollektionen, die post mortem wie bei Rockefeller, Allen oder Mnuchin, zwecks Vermögenstransfer zu Lebzeiten wie bei Lewis oder nach einer Scheidung wie bei dem Macklowes auf den Markt kommen, befeuern das Geschäft der Auktionshäuser. Mehr noch, sie zünden ihre Leuchtfeuer: Dem amerikanischen Analysten Art Tactic zufolge sorgten 'Single Owner Sales' 2025 für knapp ein Viertel ihres Umsatzes. Ein Jahrzehnt zuvor waren es weniger als zehn Prozent. […] Die Zahl der Hochvermögenden mag Jahr ums Jahr größer werden, doch dass Kapitalflüsse an der Spitze wie Schaumwein in einer Champagnerglaspyramide gleichmäßig nach unten tröpfelten, ist Wunsch statt Wirklichkeit, ob am Finanz- oder Kunstmarkt.“
Eine außergewöhnlich erfolgreiche Saison habe Phillips erlebt, berichtet Elisa Carollo im Observer: „Phillips feierte sein 230-jähriges Jubiläum mit einer soliden Frühjahrssaison im Wert von 507 Millionen Dollar – ein Plus von 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wie aus den diese Woche veröffentlichten Zahlen hervorgeht. Noch aussagekräftiger als die Gesamtsumme ist die Verkaufsquote von 90 Prozent, die die Wirkung des Prioritätsgebots-Systems und der Gebührenstrukturen für Live-Auktionen des Auktionshauses bestätigt, bei denen frühe schriftliche Gebote mit einer niedrigeren Käuferaufschlag belohnt werden. 'Was in dieser Saison besonders ermutigend war, ist nicht nur die Stärke der Ergebnisse, sondern auch, was sie uns über den Markt verraten', sagte Phillips-CEO Martin Wilson gegenüber dem Observer, bevor er bestätigte, dass das Prioritätsgebot ein äußerst erfolgreiches Instrument war. Die Vorverkaufsgebote lagen beim Dreifachen des Vorjahresniveaus, und bei vielen Auktionen wurden 40 Prozent oder mehr der Lose bereits verkauft, bevor der Auktionator das Podium betrat.“ Damit handelt es sich allerdings nur noch bedingt um Auktionen im klassischen Sinn.
Solide, aber nicht begeisternd sei die Auktionssaison in London verkaufen, resümiert Elisa Carollo im Observer: „Die Londoner Auktionen starteten für Sotheby’s mit einem Rekordabend von 393,4 Millionen Pfund, angeführt von der Lewis-Auktion, die mit 273,6 Millionen Pfund alle bisherigen Maßstäbe sprengte. Damit war sie nicht nur die teuerste Sammlung eines einzelnen Eigentümers, die jemals auf einer Auktion verkauft wurde, sondern erzielte auch das höchste Ergebnis einer Abendauktion in Europa seit über einem Jahrzehnt. Für die anderen großen Auktionshäuser war es schwer, da mitzuhalten, vor allem da Christie’s 2024 seine Sommersaison in London umstrukturiert und seine Top-Auktionen auf Oktober und März beschränkt hatte. Bei den Sommerauktionen werden zudem verschiedene Kategorien miteinander kombiniert, wobei der Schwerpunkt eher auf breiter angelegten, sammlungsübergreifenden Strategien liegt, anstatt sich auf spektakuläre Abendauktionen zu verlassen, die sich um wenige Star-Lose oder Künstlernamen drehen.“
„Und am Ende gewinnen immer die Bayern“, fasst Ursula Scheer die abgelaufene Saison in Deutschland in der FAZ (Paywall) zusammen. „So läuft das Spiel seit geraumer Zeit im deutschen Auktionswesen. Nach Abschluss der Sommersaison mit ihren hochpreisigen 'Evening Sales' moderner und zeitgenössischer Kunst steht das Unternehmen, das gerade achtzigjähriges Bestehen feiert, zum 16. Mal in Folge als umsatzstärkster deutscher Versteigerer da. Insgesamt 37,5 Millionen Euro, mehr als im Vorjahr, spielten nach eigenen Angaben bei Ketterer die Abend- und Tagesauktion ein. Fünf von 57 im „Evening Sale“ angebotenen Losen kamen über die Millionengrenze, darunter das teuerste des deutschen Versteigerungssommers. Wassily Kandinskys Gemälde „Villa Seeburg am Staffelsee“ von 1911 wurde zum Doppelten der unteren Taxe bei 4,4 Millionen Euro zugeschlagen und kommt in eine Schweizer Privatsammlung. Mit Aufgeld zahlt sie 5,5 Millionen. […] Internationale Einlieferer und Bieter, eine feste Basis im heimischen Markt und in den Auktionssälen immer wieder Gipfelerlebnisse, die die Mühen der Ebene vergessen machen: So können sich die deutschen Auktionatoren zufrieden in den Sommerurlaub verabschieden.“ Die Auktionssaison in Deutschland fasse ich für Monopol (Paywall) zusammen.
Die Versteigerung der Insolvenzmasse der Münchener Porzellanhandlung Röbbig bei Sotheby's in Paris sei wenig berauschend verlaufen, berichtet Sabine Spindler im Handelsblatt vom 17, Juli: „Insgesamt brachten die Röbbig-Auktionen Teil I und II bei relativ wenigen Rückgängen brutto rund 3,3 Millionen Euro. Das reicht jedoch bei Weitem nicht aus, um die Forderungen von mehr als 70 Gläubigern in Höhe von rund 22 Millionen Euro zu bedienen. Bislang wurden davon lediglich 2,7 Millionen Euro anerkannt. Die dritte Tranche, die im Herbst online bei Sotheby’s in Köln zur Auktion kommt, wird es wohl auch nicht richten.“
Ob und wie KI bei der Authentifizierung vonn Kunst nützlich sein kann, erörtert Hubertus Butin in der FAZ (Paywall): „Dabei soll die KI laut Carina Popovici, der Mitbegründerin und CEO von Art Recognition, nur „ein Werkzeug in der Werkzeugkiste“ für die kunsthistorischen Experten sein, ohne diese zu ersetzen. Geisteswissenschaftliche Kompetenzen wie kritisches Denken in komplexen Zusammenhängen bleiben die Domäne der Kunsthistoriker. Nur sie können die Ergebnisse von Stilkritik, Provenienzforschung und materialtechnischen Analysen zusammenführen und im Dreiklang beurteilen. Die KI kann als Hilfsmittel für die Kunstwissenschaft durchaus von Nutzen sein, doch die menschliche Fähigkeit zu einer umfassenden Reflexion und Bewertung hat sie nicht.“
Kein gutes Haar an malender Schauspielprominenz lässt Hubertus Butin in der FAZ (Paywall): „Solche Celebrity Art wird nicht wegen werkimmanenter Qualitäten, sondern aufgrund der prominenten Namen ihrer Urheber wahrgenommen. Deren Bilder sind so gut wie nie eigenständig, komplex, reflektiert oder gar für die Kunstentwicklung relevant. Trotzdem erhalten die Schauspieler öffentliche Aufmerksamkeit, Ausstellungsfläche und Geld für ihre Werke. Offensichtlich mangelt es ihnen an Distanz zur eigenen Arbeit und auch an einem sozialen Korrektiv, das ihnen zuruft: Schuster, bleib bei deinem Leisten, also bei der Schauspielerei. […] Nicht zu übersehen ist natürlich noch ein weiterer Hollywood-Superstar: Miss Piggy aus der 'Muppet Show'. Schon in der ersten Staffel der Serie von 1976 sieht man sie vor einer Leinwand sitzen und ein Selbstporträt malen. Im Jahr 2015 erhielt die glamouröse Schweinedame im Brooklyn Museum in New York den feministischen Sackler Center First Award für ihre Kunst.“
Bayern, das sich bei im Umgang mit Raubkunst bisher nicht mit Ruhm bekleckert hat, stellt sich bei dem Thema neu auf, meldet dpa: „Rund ein Jahr nach dem Wirbel um den Umgang in Bayern mit NS-Raubkunst stellt sich der Freistaat bei diesem Thema neu auf. Man werde am Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München ein wissenschaftliches Zentrum für Provenienzforschung und Restitutionsfragen NS-Raubgut einrichten, sagte Kunstminister Markus Blume (CSU) nach einer Kabinettssitzung. Hinzu komme eine unabhängige Kommission. Die letzte Entscheidung über eine Rückgabe an Opfer des großangelegten Kunstraubes der Nationalsozialisten soll aber laut Blume beim Freistaat bleiben.“
Das drastische Downsizing der Pace Galleries sei kein Zeichen für das Ende der Megagalerien, glaubt Adam Lindemann in seinem Beitrag für Artnet: „Pace hat nichts getan, was die anderen nicht auch tun. Was für Aufsehen sorgte, war die Art und Weise, wie sie es taten. Das Schockierende war das plötzliche und drastische Ausmaß der Entscheidung (ebenso wie die öffentliche Ankündigung). Aber die Zeichen standen schon seit ein paar Jahren an der Wand, und wer sich nicht an die neuen Gegebenheiten angepasst hat, hat sich etwas vorgemacht. Ich meine damit sowohl Sammler als auch Händler.“
Etwas anderer Meinung ist Sebastian Frenzel bei Monopol (Paywall): „Das Downsizen bei Pace könnte einen Wendepunkt markieren: vom Mantra beständiger Expansion hin zur Schärfung des Galerieprofils, von quantitativem zu qualitativem Wachstum. Galerien, die in Zukunft Erfolg haben werden, "versuchen nicht, Imperien, sondern Gemeinschaften aufzubauen" – so formulierte es unlängst der frühere Art-Basel-Direktor Marc Spiegler. Denn gerade jüngere Sammlerinnen und Sammler interessieren sich weniger für das Kunstwerk als Statussymbol als für Erlebnisse und das Gefühl der Teilhabe. Das aber entsteht nicht im anonymen Massengeschäft, sondern dann, wenn ein Galerist seine Künstlerinnen und Künstler wie auch seine Sammlerinnen und Sammler wirklich kennt und betreut, wenn man eine persönliche Beziehung, eine gemeinsame Identität aufbaut.“
Der renommierte Steidl Verlag befindet sich in der vorläufigen Insolvenz, meldet Monopol mit Agenturmaterial.
Dem Ende Juni verstorbenen Berliner Galeristen Klaus Märtens widmet Christiane Meixner im Tagesspiegel einen Nachruf.