Kobels Kunstwoche 20 2026
„Die Venedig Biennale, die renommierte internationale Kunstmesse, wird diese Woche eröffnet“. Mit solch einer selbstverständlichen Nonchalance wie bei Amy Kazmin in der Financial Times war das in der Presse wohl noch nie zu lesen. Unter der Hand galt die Biennale schon länger als größte Kunstmesse der Welt. So recht wollten sich aber auch Galeristen und Händler nie zum kommerziellen Charakter der Veranstaltung bekennen. Das habe sich geändert, glauben Gareth Harris und Anny Shaw im Art Newspaper (evtl. Paywall): „Nicht so in diesem Jahr: Eine noch nie dagewesene Zahl von Händlern, Auktionshäusern und privaten Stiftungen bietet Werke offen zum Verkauf an und verkauft sie an die Scharen von Sammlern, die diese Woche in die Stadt strömen – einige davon vielleicht angespornt durch den seit einem Jahr geltenden italienischen Mehrwertsteuersatz von 5 % auf Kunstimporte, der mittlerweile der niedrigste in Europa ist. [...] Tatsächlich reicht der Ruf der Biennale als einflussreicher, inoffizieller Marktplatz, der den globalen Markt für zeitgenössische Kunst antreibt, Jahrzehnte zurück – doch noch vor zehn Jahren zögerten Händler, sich öffentlich zu ihrer Unterstützung für Ausstellungen und neue Auftragsarbeiten in Venedig zu äußern, geschweige denn zu den dort getätigten Verkäufen. Das hat sich in diesem Jahr offensichtlich geändert. Vergessen Sie das Sprichwort 'In Venedig sehen, auf der Art Basel kaufen' – jetzt heißt es: 'In Venedig sehen, in Venedig kaufen'.“ Das wird der Art Basel nicht gefallen.
Außerdem stammen auf der Hauptausstellung erstmals mehr Künstler aus den USA als aus Europa, hat Jo Lawson-Tancred für Artnet (evtl. Paywall) recherchiert. Der gestiegene Anteil Afrikas geht dabei ausschließlich zulasten Europas. Zudem betrage der Anteil lebender Künstler 90 Prozent, die überwiegend weiblich sind.
Milliardenschwere Venedig-Besucher versucht Harrison Jacobs für Artnews anhand der dort vor Anker liegenden Superjachten zu identifizieren. Die (vermutlichen) Kaufpreise vergleicht er mit den Taxen von Werken, die in der anstehenden New Yorker Auktionen aufgerufen werden.
Derweil erweist sich Meta mit seinen Plattformen Facebook und Instagram wieder einmal als Hort der Meinungs- und Kunstfreiheit sowie Nippelkontrolle und löscht Beiträge zu Florentina Holzingers Biennale-Beitrag. Ihre eigenen Accounts sind auf beiden Plattformen gesperrt und nicht erreichbar. Auch bei dem österreichischen Online-Magazin Artmagazine wurde ein Beitrag gesperrt. Bei den Accounts deutscher, britischer oder US-amerikanischer Publikationen sind die Bilder und Filme (Stand Sonntagnachmittag) weiterhin online. Meta hat auf Anfragen über verschiedene Kanäle nicht kurzfristig geantwortet.
Die Versteigerung der Sammlung des Verlegers SI Newhouse in New York verspreche, ein Blockbuster zu werden, schreibt Brian Boucher bei Artnews: „Christie’s New York bietet im kommenden Monat 16 erstklassige Werke von Größen des 20. und 21. Jahrhunderts an, die alle aus dem Nachlass des 2017 verstorbenen Verlagsmagnaten S. I. (alias Si) Newhouse, dem Leiter von Condé Nast, stammen. Am 18. Mai werden in einem vollbesetzten Auktionssaal im Rockefeller Center Meisterwerke von Künstlern wie Francis Bacon, Jasper Johns, Henri Matisse, Piet Mondrian, Pablo Picasso und Andy Warhol unter den Hammer kommen. Die Gruppe dürfte insgesamt rund 450 Millionen Dollar einbringen – eine enorme Summe auf jedem Markt, aber eine wahrhaft gigantische in einer unsicheren Phase des Kunstmarktes und der Weltwirtschaft.“ In der FAZ vom 9. Mai freut sich Anne Reimers: „Einhundert Millionen Dollar sind immer noch eine fetischhafte Summe im Auktionssaal. Dass gleich drei Kunstwerke mit Schätzungen in dieser Preisregion bei den großen Versteigerungen moderner und zeitgenössischer Kunst im Mai in New York ihren Auftritt haben, markiert eine Trendwende an der Spitze des Markts. Diese wurde schon im vergangenen November bei den New Yorker Herbstauktionen bei Sotheby’s, Christie’s und Phillips eingeläutet, nach zwei vorausgegangenen Jahren mit sinkenden Umsätzen. Die erfolgreiche Vermittlung der jetzt zum Verkauf stehenden Spitzenlose steht schon fest, ganz gleich was in der Welt passiert, denn sie sind mit Garantien abgesichert.“
Die auf mindestens 150 Millionen Pfund geschätzten Einlieferungen von Joe Lewis sollen laut Anna Brady im Art Newspaper (evtl. Paywall) zur teuersten je in London versteigerten Sammlung werden: „Die Entscheidung, die Sammlung in London zu versteigern, ist kein Zufall. Seit dem Brexit vor zehn Jahren gilt der Londoner Auktionsmarkt – mal zu Recht, mal zu Unrecht – als rückläufig und hinter New York sowie den aufstrebenden Zentren Paris und Hongkong zurückbleibend. Die Sommerauktionen zum Saisonende in London hatten es besonders schwer: Im Jahr 2024 entschied sich Christie’s, die Auktionen für moderne und zeitgenössische Kunst im Juni in der Stadt gänzlich ausfallen zu lassen. Doch wie [Oliver] Barker betont, ist London nach wie vor der zweitgrößte Kunstmarkt weltweit hinter New York, und Lewis’ Entscheidung, in London zu verkaufen, ist ein wohlüberlegtes Vertrauensvotum.“
In einem Jubelartikel trommelt Min Chen bei Artnet für die Versteigerung eines sehr teuren Bildes durch die Firma des ehemaligen Christie's-Mitarbeiters Loïc Gouzer: „Ein bedeutendes Werk von Banksy kommt über Fair Warning unter den Hammer und weist eine der bislang höchsten Schätzungen des Künstlers auf. Am 20. Mai wird 'Girl and Balloon on Found Landscape' (2012) im Rahmen einer seltenen Live-Auktion der nur für Mitglieder zugänglichen Online-Verkaufsplattform im Flagship-Store von Tiffany & Co. in New York versteigert. Das von einem privaten Sammler eingereichte Werk wurde noch nie öffentlich gezeigt und ist mit einer ambitionierten Schätzung von 13 bis 18 Millionen US-Dollar versehen. […] Der Verkauf eines Werks von solcher Bedeutung erfordert den perfekten Rahmen – daher die Inszenierung einer Live-Auktion durch Fair Warning. Es handelt sich um ein Format, das die App-basierte Plattform bisher nur zweimal genutzt hat“. Der Beitrag ist nicht als Werbung gekennzeichnet.
Die Met-Gala, ursprünglich (und nebenbei immer noch) als Benefiz-Veranstaltung für das Museum gedacht, hat sich zum Kostüm-Zirkus für Oligarchen entwickelt, urteilt Leonie Wessel bei Monopol: „Die Omnipräsenz von Bezos und Konsorten ist eine Machtdemonstration. Selbst Anna Wintour, über deren 'Gatekeeping' mit 'Der Teufel trägt Prada' zwei ganze Filme gedreht wurden, lässt sich auf die Tech-Milliardäre ein und verpasst ihnen vermeintlich kulturelle Legitimität. Wie lange sich dieses Konzept wohl hält? Die Met Gala sollte einst talentierten Designern und kreativen Genies Aufmerksamkeit bieten. Wenn die es nicht mehr auf die Gästeliste schaffen (wollen), wie lange gilt die Veranstaltung dann überhaupt noch als relevant und ein Platz am Tisch als erstrebenswert?“
Über die Einführung von Künstlerhonoraren in NRW berichtet Christiane Fricke im WELTKUNST Insider (60 Tage kostenlos): „Nordrhein-Westfalen unternimmt als erstes großes Bundesland konkrete Schritte, um Kunstschaffende fair zu bezahlen. Seit Januar gelten in NRW spartenübergreifend verbindliche Honoraruntergrenzen. Diese Regelung betrifft selbstverständlich auch Museen und Ausstellungseinrichtungen – sobald das Land auch nur mit einem Cent an der Förderung einer Veranstaltung beteiligt ist. Damit die Einrichtungen ihr Programm wegen der Mehrkosten nicht herunterfahren müssen, hat das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Bundeslandes Ende März sowohl für das laufende als auch für das kommende Jahr jeweils zusätzliche 3 Millionen Euro bereitgestellt.“
Der Eintritt in deutsche Museen sei im europäischen Vergleich relativ günstig, hat eine Studie herausgefunden: „Eine aktuelle Analyse der University of Europe for Applied Sciences (UE), die die Eintrittspreise von Kunstmuseen in 16 deutschen Städten mit 26 europäischen Hauptstädten und Großstädten verglichen hat, zeigt: Ein Museumsbesuch ist in den deutschen Landeshauptstädten günstiger als im europäischen Ausland. Erwachsene zahlen hier im Schnitt 8,26 Euro Eintritt, während der Durchschnitt in europäischen Metropolen bei 11,97 Euro liegt. [...] Die höchsten durchschnittlichen Eintrittspreise für Erwachsene in Kunstmuseen werden in Dresden (15,20 Euro), Berlin (11,20 Euro) und Düsseldorf (9,75 Euro) erhoben. Danach folgen Städte wie Hamburg und Hannover mit durchschnittlichen Eintrittspreisen von 9 Euro und 8,80 Euro. Günstiger ist der Museumsbesuch hingegen in kleineren Städten: In Saarbrücken zahlen Erwachsene im Schnitt nur 4,25 Euro und in Erfurt 5,20 Euro. In den Museen Kiels ist der Eintritt umsonst.“
Den Museumsdirektor als Manager portraitiert Benjamin Ansari im Handelsblatt (evtl. Paywall): „'Als Direktor bin ich auch Unternehmer', sagt Felix Krämer, 55. 'Mein Job ist der eines Managers, der Kunstgeschichte studiert hat. Ich bin verantwortlich für die Entwicklung der Marke Kunstpalast.' Ungewöhnliche Sätze für einen Museumsdirektor – für Krämer aber sind sie Programm. 'Wir denken vom Kunden aus', sagt er. Der Kunstpalast soll für alle Altersgruppen einladend, überraschend und zugänglich sein.“
Ein Game Changer sei das Restitutionsgesetz, das Frankreich gerade verabschiedet hat, urteilt Catherine Porter in der New York Times (evtl. Paywall): „Das neue Gesetz sieht ein gestrafftes Verfahren mit klaren Regeln vor, das auf wissenschaftlicher Genauigkeit beruht. Nur eine Regierung kann einen offiziellen Antrag auf Rückgabe von Kulturgütern stellen, von denen sie nachweisen kann, dass sie unrechtmäßig aus ihrem Hoheitsgebiet entfernt wurden. Die Objekte dürfen weder bereits Gegenstand eines internationalen Abkommens sein, noch dürfen es Kriegsbeute sein, die während eines Krieges von Streitkräften beschlagnahmt wurde. Gemäß dem Gesetz müssen sich die Staaten, falls mehr als ein Staat ein Objekt beantragt, zunächst untereinander einigen, bevor weitere Maßnahmen ergriffen werden. Und wenn das Objekt einem öffentlichen Museum geschenkt wurde, muss die Regierung die Zustimmung des Spenders einholen.“
Vor betrügerischen Angeboten in ihrem Namen warnt aktuell die Frankfurter Galerie Bärbel Grässlin.
Den Tod von Bruno Bischofberger im Alter von 86 Jahren meldet seine Galerie bei Instagram. Alex Greenberger würdigt den Galeristen bei Artnews: „Über die Anzeigen im 'Artforum' hinaus leistete Bischofberger auch einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der zeitgenössischen Kunst, indem er persönliche Freundschaften zu Künstlern wie Francesco Clemente, Julian Schnabel und Andy Warhol knüpfte und dabei sogar deren künstlerisches Schaffen mitprägte.“