Kobels Kunstwoche 7 2026
Als den Versuch, einen Kunstmarkt im Top-down-Verfahren in einer Region zu etablieren, beschreibt Daniel Cassady bei Artnews die Einführung der Art Basel Qatar: „Die wichtigste Frage ist, ob die Art Basel und die Katarer einen Kunstmarkt 'reverse-engineeren' können, indem sie eine große internationale Messe einführen, bevor vor Ort eine dichte Infrastruktur kommerzieller Galerien existiert. Ob diese Strategie erfolgreich ist, hängt weniger von den Verkäufen in der ersten Woche ab als davon, ob die Galerien wiederkommen und ob die Sammler im nächsten Jahr mit größerem Vertrauen zurückkehren. Aber zumindest vorerst scheint die Art Basel Doha das zu erreichen, was sie sich vorgenommen hat.“
Die Rahmenbedingungen der Messe umreißt Ursula Scheer in der FAZ (Paywall): „Kunst- und Kulturpolitik, vorangetrieben von Sheikha Al Mayassa bint Hamad bin Khalifa Al Thani an der Spitze der Museumsorganisation Qatars, kommt eine weitere Schlüsselrolle zu. Nicht umsonst gehört die Schwester des Emirs seit Jahren zu den mächtigsten Playern im globalisierten Kunstbetrieb: Unter ihrer Ägide entstehen Institutionen, Sammlungen und Netzwerke. Dieses kulturelle 'Ökosystem', wie es in offiziellen Verlautbarungen gerne heißt, ist weder Wildwuchs noch das Ergebnis einer Graswurzelbewegung, sondern planvoll angelegt wie ein barocker Schlossgarten. Nun steigt der Kunsthandel des Landes in die Königsklasse auf: mit der Art Basel. [...] Wie kritisch kann Kunst auf einer Messe in Qatar sein, wie frei? Es wäre naiv zu glauben, man könnte dort pralle Akte oder LGBTQ-Art unterbringen, Attacken auf religiöse Empfindungen oder ähnlich heiße Ware. Doch innerhalb der Grenzen des Möglichen taucht neben allerlei Ornamental-Unverfänglichem, das es auch gibt, durchaus Provokatives auf.“
Das Zielpublikum der ABQ beschreibt Philipp Meier in der NZZ: „Wer aber soll all diese Kunst kaufen? Neben den angereisten Sammlern aus aller Welt vor allem auch Katar selber. Genauer, die Sheikha Al Mayassa bint Hamad bin Khalifa Al Thani. Die Schwester des regierenden Emirs und Vorsitzende der Katar-Museen soll über einen enormen Kunstetat verfügen. Die Art Basel Qatar dient ihr nun gleichsam als Shoppingmall vor der eignen Haustüre. Denn die unter ihrer Ägide geplanten Museen wollen gefüllt werden.“
Etwas präziser benennt Scott Reyburn in der New York Times die Klientel: „Derzeit stammen die bedeutendsten Sammler in Katar aus der Großfamilie Al Thani, deren Vermögen auf etwa 200 Milliarden Dollar geschätzt wird. Doch während eine Hollywood-Größe wie Angelina Jolie bei der Vorbesichtigung am Dienstag gesichtet wurde, gab es während der VIP-Tage keine Anzeichen für die Anwesenheit der katarischen Herrscher. 'Sie waren gestern hier', sagte Philip Hoffman, ein Kunstberater, am Dienstag und bezog sich dabei auf eine Vorbesichtigung, die die königliche Familie Katars genossen und auf Instagram festgehalten hatte. 'Es ist eine große Familie', sagte Hoffman. 'Es gibt etwa 20, die im Topsegment kaufen, und dann noch einmal 50 Sammler der jüngeren Generation, die auf einem niedrigeren Niveau kaufen.'“
In ihre ausführliche Beschreibung der Messe für den Observer lässt Elisa Carollo viele Namen einfließen: „Vor Ort waren prominente Persönlichkeiten der Branche, darunter Alex Rotter, Global President von Christie's, und dessen ehemaliger Rainmaker Loïc Gouzer, Philip Hoffmann, Gründer der Fine Art Group und Partner von New Perspectives Art Partners, Beraterin Maria Brito, unersättlich neugierige internationale Sammler wie Alain Servais und Uli Sigg sowie einflussreiche Kuratoren wie Hans Ulrich Obrist, Cecilia Alemani, Carolyn Christov-Bakargiev und Klaus Biesenbach. Die Eröffnungsparty der Art Basel sorgte für noch mehr Aufsehen, da sie zahlreiche Prominente anzog, darunter den Rapper Swizz Beatz und David Beckham, der einen seiner seltenen – und vielleicht einzigen – Auftritte bei Kunstveranstaltungen hatte.“ Letztere stehen allerdings beide auf der Gehaltsliste des Emirats.
Ich war für Monopol, Artmagazine und Deutschlandfunk (Audio) in Doha.
Nur 23 Galerien stellen auf der vierten Ausgabe der 1-54 in Marrakescha aus, die Anne Reimers für die FAZ (Paywall) besucht hat: „Die Anzahl der Galerien vor Ort steigt stetig, wie auch die der hier lebenden Künstler. Den Galerien geht es immer mehr darum, nordafrikanische Künstler zu fördern, die nicht in Europa studiert haben und nicht dort leben. Was allerdings auch auffällt, ist, wie wenige Künstlerinnen darunter sind, obwohl Galeristinnen und Sammlerinnen die Szene mit aufbauen [...] Dass zeitgleich die neue Art Basel Qatar stattfindet, stört Touria El Glaoui nicht: 'Natürlich ist es schade, doch das Publikum in Doha ist ein anderes. Viele Sammler haben sich recht kurzfristig entschlossen, nach Marrakesch zu kommen, als Doha schon feststand.'“
Eine erfreuliche Tendenz im Durcheinander macht Daniela Gregori auf der Art Karlsruhe für Artmagazine aus: "Seit drei Jahren läuft die „art“ nun unter neuer Führung, das macht sich durchaus positiv bemerkbar. Freilich herrscht noch immer ein mitunter kunterbuntes Viel-zu-viel, doch wird in eine auf weniger Spektakel zielende Richtung korrigiert und geförderte Formate wie re:discover für Positionen in „gereiften Schaffensphasen“ tun dem Gesamtbild gut. Sie lassen Entdeckungen zu, die sich heute nicht mehr beweisen müssen, weil sie es längst haben." Auch Christiane Meixner vom Tagesspiegel (evtl. Paywall) ist angetan: „Daneben gibt es auf der Art Karlsruhe auch jene Stände, an denen laute, manchmal auch schlicht (oder schlecht) dekorative Kunst herumröhrt. Doch es sind weniger als früher, und mit ihrem Rückzug wächst die Qualität jener Messe, die auf jeden Fall einen Besuch lohnt.“ Das Bemühen der Messe um den Sammlernachwuchs beschreibt Julia Stellmann in der FAZ (Paywall): „Das Interesse des Führungsduos gilt vor allem Jung- und Neusammlern. Mit blick auf sie sind der konzentrische 'paper:square' und die kuratierte Sektion 'academy:square' konzipiert.“
Zumindest im internationalen Aufmerksamkeitswettbewerb hat die Zona Maco (nicht unverschuldet) das Nachsehen. Der anscheinend einzig angereiste internationale Pressevertreter Benjamin Sutton vom Art Newspaper findet gleichwohl eine entspannte Atmosphäre vor: „Das riesige Kongresszentrum Centro Banamex in Mexiko-Stadt ist erneut Schauplatz der Messe Zona Maco (bis zum 8. Februar), und obwohl die geopolitischen Turbulenzen in der westlichen Hemisphäre spürbar sind – in Gesprächen in den Gängen und an den Wänden einiger Stände –, war die Stimmung während der Vorschau am Mittwoch und der Eröffnung am Donnerstag ausgelassen. Die Aufnahme der Art Basel Qatar in den immer dichter werdenden internationalen Kunstmarktkalender hat die Besucherzahlen von Sammlern, Kuratoren und Museumsgruppen aus Amerika und Europa kaum beeinträchtigt.“
Nach Bologna zur ebenfalls zeitgleich stattfindenden Artefiera scheint es überhaupt keinen auswärtigen Journalisten gelockt zu haben.
Ein umfangreiches Dossier zu Jeffrey Epsteins Verbindungen zur Kunstwelt haben Alex Greenberger und Claire Selvin für Artnews zusammengestellt, in dem unter anderem Ronald Lauder, Jack Lang und Leon Black auftauchen. Einen Überblick bietet Olga Kronsteiner im Standard. Zum Kampf gegen die Mechanismen, die zum System Epstein geführt haben, ruft Hrag Vartinian in seinem Online-Magazin Hyperallergic auf: „All dies wirft die Frage auf: Wie können wir Kunstschaffende dazu befähigen, Finanzmittel von korrupten Personen abzulehnen und stattdessen Spender zu bevorzugen, die sich als zivilgesellschaftliche Vorbilder erwiesen haben, auf die wir stolz sein können? Und nein, ich glaube nicht an den Unsinn, dass 'das System schon immer so war', denn das führt zu einer Art von Pessimismus, der einen fruchtbaren Boden für Ausbeutung bildet. Seit den 1980er Jahren ist ein langsamer Niedergang der Künste zu beobachten, da sich die Wissenschaft, Kunstorganisationen, Künstler und alle anderen Bereiche unseres Fachgebiets immer mehr einer zunehmend wohlhabenden Gruppe von Spendern annähern, die nicht nur von den einfachen Menschen entfremdet sind, sondern auch keine Konsequenzen für ihre ruchlosen Handlungen zu befürchten haben. Es ist ironisch, dass das gestiegene Interesse der Öffentlichkeit an Kunst in den Vereinigten Staaten zu einer Verschlechterung der Ethik geführt hat, um das Monster zu füttern.“ Welche Lehren sich daraus ziehen lassen, fragt sich Felix von Boehm bei Monopol: „Welche Erkenntnisse liefert nun eine Beschäftigung mit den Epstein Files aus Sicht der Kunstwelt? Zum einen zeigt sich, dass jeder, der die Regeln beherrscht, an diesem Spielertisch willkommen ist. Zum anderen gafft aus den hier zitierten Korrespondenzen der Nachwelt aber auch eine ziemlich abgeklärte Fratze an, für die Kunstwerke nichts weiter als 'items' und 'Freundschaften' in erster Linie LLCs sind.“
Im Standard aus Wien berichtet Olga Kronsteiner über eine Ausstellung, „anhand derer die Geschichte des europäischen Kunstmarktes und dessen Professionalisierung nachvollziehbar werden soll. Denn, wie Stefan Koja, seit 2023 Direktor der Sammlungen Liechtenstein, betont: 'Der Kunstmarkt spielte in der Kunstgeschichteschreibung eine entscheidende Rolle', demnach seien bekannte Künstlernamen nicht nur von Kunsthistorikern, 'sondern auch ganz wesentlich von Kunsthändlern' geprägt worden. Zudem hätten viele der bis heute genutzten 'wissenschaftlichen Werkzeuge', wie Werkverzeichnisse, bebilderte Kataloge oder monographische Ausstellungen ihren Ursprung im Handel.“
Die Geschichte einer gerade für 27 Millionen Dollar versteigerten Zeichnung von Michelangelo erzählt Eileen Kinsella bei Artnet. Eine Nachricht dazu gibt es in der FAZ von Ursula Scheer mit Agenturmaterial.
Die Pleite der Londoner Galerie Stephen Friedman meldet Brian Boucher bei Artnews.