Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

RIP VIP: Keine Art Basel in Basel dieses Jahr; Foto Stefan Kobel
08.06.2020 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 23 2020

Die Art Basel in Basel findet dieses Jahr nicht statt. Auch den Ausweichtermin im September hat die Messeleitung in einer Pressemitteilung abgesagt. Eine erste Meldung dazu gibt es von mir bei Artmagazine.

Die ganze Dramatik der Lage wird in einem internen Schreiben Marc Spieglers an das Team deutlich. Darin sagt er: "Genau zu bestimmen, wie die Art Basel von diesem Rückschlag aus vorangeht, wird nächste Woche meine oberste Priorität sein. Aber eines ist klar: Es ist nicht meine Absicht, dass die Art Basel jetzt in den Hintergrund tritt. Denn in diesem heiklen Moment müssen wir unser hart erkämpftes Ansehen in der Kunstwelt erhalten, indem wir aktiv werden, wenn auch auf andere Weise als erhofft."

Der Absage vorausgegangen ist eine Richtungsentscheidung der Eigner der Muttergesellschaft MCH Group. In einem verzweifelt erscheinenden Akt haben die öffentlichen Anteilseigner (Städte und Kantone) erst kurz zuvor bekanntgegeben, ihre kontrollierende Mehrheit abgeben und einem Investor 30 Prozent der Aktien andienen zu wollen, um selbst nur noch eine Sperrminorität zu behalten, wie Kurt Tschan in der Basler Zeitung vom 4. Juni schreibt: "Immer wieder war in der Vergangenheit zu hören, dass Chinesen ein Interesse daran hätten, die Art Basel als Marke noch stärker im asiatischen Raum zu verankern. Darauf lässt auch die im grossrätlichen Ratschlag erwähnte Sperrminorität schliessen, welche die Messestandorte Basel und Zürich sichert."

Der bisher größte private Einzelaktionär Erhard Lee scheint von dem Schritt überrascht worden zu sein, wie einem Bericht von Andreas Schwald und Christian Mensch in der Baseler bz zu entnehmen ist: "Überrascht und etwas ungläubig, dass konkret mit einem Investor verhandelt werde, ist dagegen Erhard Lee. Der Zürcher Vermögensverwalter beherrscht rund zehn Prozent der Aktien und hat den Konzern in den vergangenen Monaten zur Beantwortung unbequemer Fragen und zur Durchführung einer ausserordentlichen Generalversammlung gezwungen. Mit der Forderung nach einer Sonderprüfung der jüngeren Misserfolge ist er allerdings gescheitert. Lee befürchtet, dass der Investor die Schwächephase der MCH Group nutzt, um sich zu einem günstigen Preis einzukaufen. Dabei bestehe derzeit gar nicht die zwingende Notwendigkeit, einen Investor an Bord zu holen." Tatsächlich besteht ein gute Chance, dass die Politik mit ihrem bisher bewiesenen Geschick für fragwürdige Entscheidungen die Messegesellschaft Zockern überantwortet, die im schlimmsten Fall die Immobilien des Konzerns versilbern und die Marke Art Basel dem höchstbietenden Neureichen als Vanity Project überlassen.

Die Theorie von Naomi Kleins Desaster-Kapitalismus wendet der ehemalige Londoner Galerist Pierre D'Alancaisez in einem bemerkenswerten Blogbeitrag auf die Kunstbranche an: "In der Kunstwelt, die von ihren eigenen Ungerechtigkeiten zerrissen wird, während sie ihrem Publikum die Revolution predigt, fehlt eine praktische, skalierbare Methodik für Veränderungen. Solange Künstler und ihre Institutionen gleichzeitig nach künstlerischen Freiheiten, gesellschaftlicher Relevanz, Ruhm und Profit streben, werden sie in dem von Klein beschriebenen Teufelskreis stecken bleiben."

Zur Entwicklung des Kunstmarkts nach Corona hat Claudia Bodin einen virtuellen Runden Tisch mit den Galeristen Elizabeth Dee, Marc Glimcher und Johann König abgehalten, der bei Artnet protokolliert ist. Für Deutschlandfunk Kultur hat sich Silke Hennig bei weiteren Marktteilnehmern umgehört. Zum selben Thema habe ich für Artmagazine mit die Auktionatoren Dirk Boll von Christie's und Robert Ketterer aus München interviewt.

Die Zukunft Hongkongs als Kunstmetropole sehen bei Artnet Kate Brown und Eileen Kinsella mit dem neuen Sicherheitsgesetz in Gefahr: "Hongkong hat nicht nur keine Steuer auf Kunstimporte, sondern auch keine Vermögens-, Schenkungs-, Nachlass- oder Kapitalertragssteuer. Hongkong hat auch von den Beziehungen profitiert, die es mit anderen Ländern aufgebaut hat: Die USA zum Beispiel schränken den Währungsumtausch nicht ein und erheben nur wenige (wenn überhaupt) Zölle auf Waren, die mit Hongkong gehandelt werden. Das ist ein wichtiger Grund dafür, dass zwischen 1991 und 2018 die Gesamtverkäufe von Kunstwerken in den Auktionshäusern des Distrikts von etwa 11 Millionen Dollar auf fast 1,4 Milliarden Dollar gestiegen sind. Aber all dies könnte sich mit dem neuen Gesetz ändern. Letzte Woche kündigte US-Präsident Donald Trump seine Absicht an, die besonderen wirtschaftlichen Privilegien Hongkongs, einschließlich seines bevorzugten Handelsstatus, aufzuheben. Andere Nationen, darunter Australien, Großbritannien und Kanada, haben damit gedroht, zum Teil in der Hoffnung, die chinesische Regierung unter Druck zu setzen, den Geltungsbereich des nationalen Sicherheitsgesetzes einzuschränken." Der chinesischen Regierung könnte der Trumpsche Beißreflex durchaus zupass kommen, könnte sie doch jederzeit ein neues Steuerparadies etwa in Shenzhen aufziehen, nur diesmal ohne diese lästigen Bürger mit ihren Demokratieforderungen.

Den Zustand und die Perspektive der Kunstszene in den Vereinigten Arabischen Emiraten beschreibt Rebecca Anne Proctor für Artnet.

Von den drei aktuell viel diskutierten Einzelfällen aus Berlin abziehender Privatsammlungen - Flick, Olbricht und Stoschek - weiten Hans-Jürgen Hafner und Kito Nedo in der Berliner Zeitung den Blick aufs Größere: "Es ist chic geworden, sich über den Untergang der Kunststadt Berlin zu empören - mit Berlin als Hauptschuldigem. Das betrifft besonders oft Debatten, wo öffentliche Interessen ins Feld geführt werden, während der eigentliche Antrieb im privaten Eigennutz zu suchen ist. Streit und Kritik sind wichtig. Die gegenwärtigen Debatte würde es jedoch versachlichen, wenn mit auf die Rechnung käme, dass es vor allem Kulturschaffende, Künstler und Kreative waren, die zuerst und wesentlich dazu beitrugen, aus den Trümmern der Teilung eine attraktive Stadt zu zimmern - auf eigenes Risiko, versteht sich. Durch sie ist Berlin die lebendige Kulturmetropole geworden, in die es immer noch viele zieht - auch Sammler. Kein Wunder. Noch heute mischt es sich als Milliardär mit vergleichsweise kleinem Einsatz für hohe symbolische Rendite mit."

Ebenfalls vor dem Hintergrund des Abzugs prominenter Sammler aus Berlin versuchen Julia Voss und Thomas Ackermann in der FAS vom 7. Juni Licht in das Halbdunkel der Beziehungen zwischen Sammlern und öffentlicher Hand zu bringen: "Seit Jahrzehnten Speisen sich die Mittel, mit denen der Museumsbetrieb aufrechterhalten wird, aus zwei getrennten Töpfen: zum einen direkt aus den öffentlichen Haushalten, die Stadt, Land oder Bund bereitstellen. Zum anderen müssen private Mittel angeworben werden, von Sponsoren, Leihgebern oder Mäzenen, deren Gunst indirekt wieder durch den Staat bezuschusst wird - in Form von Steuererleichterungen und Subventionen. Die Anreize für private Initiativen reichen von bereitgestellten Depotflächen über großzügige Spendenquittungen bis hin zum vollständigen Erlass der Erbschaftssteuer. Dazu kommen weitere Vorteile: Während Gewinne aus dem Verkauf von Immobilien erst nach 10 Jahren steuerfrei sind und bei Wertpapieren nie, sind sie es bei privaten Kunst Verkäufen schon nach einem Jahr. Sind Werke im Wert gestiegen, kann ihre Schenkung an eine Stiftung sogar zu Gewinnen führen, ohne dass dafür die Gemälde oder Skulpturen auf dem Markt auftauchen müssen."

Von ihrer Kindheit auf einer Bochumer Abraumhalde, Kunst in und nach Corona-Zeiten sowie dem Kunstmarkt en detail und en gros erzählt Monopol-Chefredakteurin Elke Buhr ausführlich in den sonntäglichen Zwischentönen des Deutschlandfunks im Gespräch mit Joachim Scholl. Das sind durchaus vergnügliche anderthalb Stunden (Es fällt das Wort Schwanzvergleich).

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