Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Fest im Griff von Corona; Bild Artmagazine.cc
02.11.2020 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 44 2020

Corona hat die Kunstwelt wieder fester im Griff. Die Absage der Art Cologne und die wichtigsten Entwicklungen bei den Kunstmessen habe ich für Handelsblatt und Artmagazine zusammengefasst.

Mögliche Auswirkungen für die Kunstmarktlandschaft des Rheinlands fasst Michael Kohler im Kölner Stadt-Anzeiger zusammen: „Durch die abermalige Verschiebung der Art Cologne ist möglicherweise auch die geplante generelle Rückkehr auf einen Herbsttermin hinfällig. Jedenfalls ist schwerlich vorstellbar, dass die Messe 2021 zwei Mal im Abstand von lediglich sieben Monaten stattfindet. Außerdem wird es nach aktuellem Stand im Rheinland zwei Kunstmessen zum selben Termin geben, denn die Art Düsseldorf ist derzeit noch für den 16. bis 18. April 2021 angesetzt. Auch dies ist schwerlich vorstellbar, vermutlich wird die kleinere Art Düsseldorf in den Herbst ausweichen müssen. Damit wäre alles wieder wie es zuvor war – als hätte es das Jahr 2020 im Messekalender nicht gegeben.“

Was der neuerliche Lockdown in Österreich für die Kunstszene praktisch bedeutet, erläutert Werner Remm bei Artmagazine.

Die drastische Verkleinerung der Frieze New York und deren Umzug in das private Kulturzentrum The Shed melden Eileen Kinsella bei Artnet und Tessa Salomon bei Artnews.

Den Online-Auftritt, mit dem die Tefaf anstelle der ausgefallenen Ausgabe in New York Kunden bei der Stange halten will, hat sich Barbara Kutscher für das Handelsblatt angesehen: „Nun haben es die Veranstalter auch geschafft, innerhalb von nur wenigen Monaten einen Netzauftritt für ihre erste „Tefaf Online“ (1. bis 4. November, Preview am 30. und 31. Oktober) zu zaubern, der im überfüllten virtuellen Raum durchaus als elegant bezeichnet werden kann. Wie gewohnt deckt das Gezeigte 7000 Jahre Kunstgeschichte ab, reicht von der Antike, über Asiatika, kostbaren Schmuck, Kunstgewerbe, Design bis hin zu Kunst alter und auch junger Meister. Fast 300 internationale Aussteller aus rund 22 Ländern - so viele wie in den beengten Räumen in New York niemals zugelassen werden könnten - bieten auf tefaf.com Waren an. Zur übrigens kostenlosen Teilnahme eingeladen wurden alle Kunsthändler, die auf den letzten drei Tefaf-Messen präsent waren.“

Die aktuelle zweite Ausgabe der Online Viewing Rooms sei für die Aussteller kommerziell weniger erfolgreich, urteilen Maximilano Duron und Angelica Villa im Art Market Monitor: „Für kleinere und mittelgroße Galerien, ohne die Zugkraft eines Live-Events, ist die Basler Online-Messe nach der Aussage von Galeristen weniger für schnelle Verkäufe als vielmehr für die Anbahnung langfristiger Beziehungen geeignet. Einige sagten, dass sie durch die Plattform in der Lage seien, neue Kunden zu gewinnen und die Chancen des Online-Kunstmarktplatzes auszuloten.“

Rettung in letzter Sekunde: Zwei Stunden vor der Auktion bei Sotheby's sei das Baltimore Museum of Art dann doch eingeknickt und habe die drei Gemälde von Brice Marden, Clifford Still und Andy Warhol zurückgezogen und die Verkaufspläne pausiert, meldet Alex Greenberger bei Artnews. Man kennt das Szenario aus diesen Hollywood-Filmen über die Todesstrafe, bei denen ein verbohrter Gouverneur/Präsident das letzte Gnadengesuch abgelehnt hat und die engagierte Anwältin nun alles versucht, ihren Schützling zu retten, bevor die Uhr abläuft. Mitgliedern zivilisierterer Kulturkreise drängt sich da immer die Frage auf, was das für ein System ist, das solche Situationen zulässt und überhaupt erst schafft, nur um sie dann zu einem glimpflichen Ausgang zu bringen – oder oft genug auch eben nicht.

Aussonderungen aus dem Museumsbestand mögen im Moment einen dringend benötigten Geldsegen bedeuten, langfristig könnten sie jedoch einen kaum abzusehenden Schaden verursachen, betont Christine Käppeler im Freitag anlässlich der Versteigerung eines Cranach-Gemäldes durch das Brooklyn Museum: „Die Werke, die versteigert wurden, sind fast alle Schenkungen oder Vermächtnisse von Privatpersonen. Hätten sie dem Museum Geld zustecken wollen, hätten sie es vermutlich getan. So aber ist davon auszugehen, dass sie ihre Gemälde der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen wollten. Natürlich erwirbt man damit nicht das Recht darauf, dass sie im Museum (dauerhaft) gezeigt werden, darüber entscheiden die Kurator:innen. In einer Zeit, in der reiche Sammler:innen sich lieber mit Privatmuseen ein Denkmal setzen, als die staatlichen Museen zu beschenken, sind Verkäufe aus den Depots aber das falsche Signal, will man auch in Zukunft wichtige Werke erhalten.“

Eine ganze Reihe von Losen wurde zu den New Yorker Abendauktionen von Museen eingeliefert, alleine acht vom Brooklyn Museum. Dem Eindruck von Anne Reimers in der FAZ ist es zuvor in London und jetzt bei Sotheby's „erstaunlich gut gelaufen“: „Der Gesamtumsatz beider Abende lag bei 283,9 Millionen Dollar, für zusammen 75 Lose, mit starken Verkaufsraten von 97,4 Prozent für die Zeitgenossen und hundert Prozent für Impressionismus und Moderne. Sotheby’s hatte allerdings mehr als vierzig Prozent der Lose im Voraus mit Garantien abgesichert.“

Uneindeutig sieht hingegen Barbara Kutscher die New Yorker Ergebnisse im Handelsblatt: „Bis auf Ausnahmen blieben Bietfeuerwerke aus, die meisten Zuschläge bewegten sich im Rahmen der Erwartungen. Bemerkenswert sind die hohen Zuschlagsraten des Abends: Nur zwei Werke endeten auf der Rückgangsliste. Leider war auch das Toplos des Abends, Mark Rothkos düsteres Farbspiel „Black on Maroon“ dabei, das mindestens 25 Millionen Dollar einspielen sollte. Das handliche Format, an dem Sotheby’s laut Katalogsymbol eine Beteiligung hält, erzielte beim letzten Auktionsauftritt im Mai 2013 noch 27 Millionen Dollar brutto.“

Helge Schneider rettet die Künstler und Soloselbständigen, lautet die frohe Kunde einer dpa-Meldung nachzulesen unter anderem bei Monopol: „Finanz-Staatssekretär Wolfgang Schmidt antwortete dem Musiker schließlich auf Twitter: 'So machen wir es. Soloselbstständige können wählen: entweder Vorjahresmonatsumsatz (welch Wort) November 2019 oder Durchschnitt des Jahresumsatzes 2019. Davon dann 75 Prozent als Zuschuss. Für die fixen Kosten. Alles Gute!'“ Die Einschränkung „für die fixen Kosten“ lässt dann allerdings doch wieder zweifeln, ob das nicht wieder nur ein Feigenblatt wird.

Ebenfalls über dpa und Monopol erreicht uns eine Solidaritätsnote von Kulturstaatsministerin Monika Grütters: „Künstlerinnen, Künstler und Kreative haben sich nach den Worten von Grütters in der Krise solidarisch und konstruktiv gezeigt, 'obwohl die Corona-Krise an ihren Lebensnerv geht'. Kultur und die Kreativwirtschaft bräuchten daher jetzt rasche Hilfen wie alle anderen Branchen auch. 'Das ist nicht nur eine Frage des Geldes, sondern das ist vor allem eine Frage der Wertschätzung.'“ Das ist fast schöner als Klatschen für Krankenschwestern.

Als Kriegserklärung an die Kultur empfindet hingegen Karl-Heinz Paqué, Vorstandsvorsitzender der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, die neuen Corona-Maßnahmen - wiederum bei Monopol in einer Übernahme von der Schwesterpublikation Cicero: „Und trotzdem sagt nun der von Frau Merkel angeführte Staat: Ihr müsst zumachen. Und zwar nicht, weil Ihr ein typischer Hotspot des 'Superspreading' seid - dafür gibt es nicht die geringste Evidenz; sondern einfach, weil Ihr in die Schublade 'Freizeit' fallt, völlig egal, wie professionell Ihr die Menschen vor der Infektion schützt. Es könnte sich ja jemand sogar auf dem Weg ins Kino und Theater anstecken, so allen Ernstes der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach, also besser zu Hause bleiben. Und Frau Merkel fügt hinzu, dass man ja wegen der Unklarheit der Infektionswege ohnehin mit allem rechnen müsse und deshalb sicherheitshalber die Tore der Kulturstätten schließt.“ Rhetorisch ist das eher die Axt als das Florett, aber so ist das halt bei Cicero. Als ob es noch darum ginge, Hotspots zu isolieren und nicht darum, die Gesellschaft und unser Gesundheitssystem vor dem Kollaps zu bewahren - Hauptsache Merkel muss weg. In der Schweiz ist es übrigens zu einem ersten Fall von Triage gekommen.

Den tödlichen Tauchunfall des so gefeierten wie umstrittenen Sammlers Sindika Dokolo meldet Alex Greenberger bei Artnews.

 

 

 

 

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