Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Wofür Magritte nicht so alles herhalten muss.
09.11.2020 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 45 2020

Angesichts drohender Arbeitslosigkeit scheint sich Ivanka Trump, die Tochter des abgewählten US-Präsidenten Donald Trump, auf eine Rückkehr in die Kunstwelt vorzubereiten. Hinweise auf dieses Szenario hat Nate Freeman für Artnet gesammelt.

Zeitpunkt und Art der Absage der Art Cologne nur zwei Wochen vor ihrem Starttermin ärgert viele Aussteller, deren Kritik Sebastian C. Strenger für den Tagesspiegel vom 7. November zusammengetragen hat: „Galeristen kritisierten mehrfach den rüden Umgangston. Die späte Absage der Art Cologne, die nun im November stattfinden sollte, brachte für viele das Fass zum Überlaufen. Was ist da schief gelaufen? Das Image der Messegesellschaft steht auf dem Spiel. Denn die Kunstszene als Teil der Kreativwirtschaft sieht sich zunehmend einem behördenähnlichen Monstrum gegenüber, dessen Interesse ausschließlich die Bereitstellung von Quadratmetern in den Deutzer Messehallen zum Maximalpreis scheint, während sich andere Kunstmessen im Dialog mit ihren Ausstellern bereits mit Zukunftskonzepten wappnen. So ist jedenfalls der Gesamteindruck, der sich im Gespräch mit mehr als 20 betroffenen Galeristen einstellt.“

Die Absagen oder Verschiebungen Art Antwerp, Art Karlsruhe und Art Düsseldorf meldet Artmagazine.cc.

Die Politik solle ihren Lippenbekenntnissen Taten folgen lassen und den Künstlern und anderen Soloselbständigen endlich helfen, fordert Herbert Grönemeyer in der ZEIT: „Der Zugang für all die Solo-Selbstständigen in dieser Branche zu dem Hilfsfonds der Bundesregierung muss radikal vereinfacht werden, keine 38-seitigen Antragsformulare. Sondern basierend auf ihren persönlichen Jahresabschlüssen der letzten Jahre, sollte ihnen prozentual auch ein Kurzarbeitergeld zustehen, wie es bereits unkompliziert in vielen anderen Branchen geschehen und üblich ist.“ Zudem fordert er eine einmalige solidarische Sonderabgabe für Millionäre, zu denen er selbst auch gehören dürfte.

Bei einem Regierungsmitglied scheint er damit offene Türen einzurennen, wie einer dpa-Meldung zu entnehmen ist, nachzulesen unter anderem in der taz : “Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat sich erfreut gezeigt über einen Solidaritätsappell des Musikers Herbert Grönemeyer an wohlhabende Menschen. 'Ich finde diese Idee von Grönemeyer ganz großartig', sagte die CDU-Politikerin in der RBB-Sendung 'Talk aus Berlin'. Sie freue sich, wenn 'ein berühmter Künstler wie Herbert Grönemeyer eine solche Initiative startet und sich selber beispielhaft äußert'.“

Kritik an den unterschiedlichen Förderprogrammen und Stipendien für Künstler im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie fasst Birgit Rieger im Tagesspiegel zusammen: „Man hätte die fördern sollen, die es wirklich nötig haben, kritisiert der Berufsverband der Bildenden Künstler*innen Berlin. 'Ein Stipendienprogramm ohne Konzentration auf den dringendsten Bedarf ist von Politik und Verwaltung falsch konzipiert', heißt es in dem Schreiben. Gefehlt habe eine Prüfung der Bedürftigkeit. Die hätte man per Selbstauskunft über das Jahreseinkommen einfach abfragen können, wie es der bbk berlin beim Atelierförderprogramm seit 1993 erfolgreich handhabe, heißt es aus dem Berufsverband. Lieber weniger Geld und mehr Begünstigte, lautet deren Credo.“

Der bbk Berlin stellt in einer Pressemitteilung konkrete Forderungen : Was Künstler*innen und damit Soloselbststände [sic!] brauchen, sind unbürokratisch zugängliche Programme, die es ihnen ermöglichen, ihre berufliche Existenz durch die Pandemiekrise hindurch aufrechtzuerhalten. Dazu müssen sie natürlich ihre eigene Arbeitsleistung finanzieren können, ob über einen Unternehmerlohn bei den Corona-Hilfen des Bundeswirtschaftsministeriums oder über ein ggegebenenfalls befristetes bedingungsloses Grundeinkommen. Was sie brauchen – und was die ganze Gesellschaft braucht – ist eine Gleichbehandlung von selbständiger mit unselbständiger Arbeit, wenn sie nicht nach der Corona-Krise in den Trümmern der Kulturlandschaft in Deutschland stehen will.“

Währenddessen tut der MDR etwas für Künstler: Er stellt ihnen Sendezeit zur Verfügung. Künstler können sich um 15 mal jeweils fünf Minuten Sendezeit bewerben, etwa um ihr Werk zu präsentieren. 100.000 Euro sind laut einer Meldung von Ulrike Simon von Horizont für die Aktion vorgesehen. Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein, aber immerhin ein Anfang, der Schule machen könnte und sollte.

Doch Hilfe naht, wie der Spiegel in einer aus Agenturmaterial zusammengestellten Meldungen berichtet: „Um die Einnahmeausfälle der Kultur- und Veranstaltungsbranche auszugleichen, sollen die Betroffenen während des Teil-Lockdowns im November vom Staat einen 'fiktiven Unternehmerlohn' erhalten. Regierungssprecher Steffen Seibert kündigte am Mittwoch in Berlin an, Kulturunternehmen bekämen im November 75 Prozent ihres Umsatzes als direkte Hilfe. Solo-Selbstständige könnten dabei wahlweise den Umsatz des Novembers 2019 oder ihren monatlichen Durchschnittsverdienst des Vorjahres zugrunde legen.“ Letzteres ist allen Ernstes einem Brief Helge Schneiders zu verdanken. In der Politik scheint die dafür notwendige Lebensnähe nicht vorhanden zu sein. Es scheint auch so, dass Antragsteller dieses Mal keine (nachträgliche) Kriminalisierung fürchten müssen, da eine eventuelle Überförderung bei einem späteren Kassensturz einfach zurückgezahlt werden kann.

Über Aufstockungen der verschiedenen Förderprogramme in Österreich informiert Michael Huber im Kurier: „Weil es in der Kulturbranche besonders viele atypische Beschäftigungsverhältnisse gibt, sind aber weitere Hilfen auf einem individuellen Level nötig. Der Fonds zur Überbrückungsfinanzierung, der bei der Selbstständigenvorsorge beantragt werden kann, werde daher von 90 auf 110 Millionen Euro aufgestockt, der maximal auszahlbare Gesamtbetrag - bisher 10.000 Euro - um eine Sonderzahlung von 1300 pro Künstler oder Künstlerin ausgeweitet“.

Die Subsumierung der Kultur unter Freizeiteinrichtungen und die Gleichbehandlung aller Kultureinrichtungen im Zuge der Corona-Einschränkungen kritisiert der Bonner Museumsdirektor Stephan Berg in einem Gastbeitrag für die WeLT (Paywall): „Es ist insofern unverständlich, dass Bund und Länder, die bei diesem erneuten Lockdown in Teilen durchaus differenziert reagiert und gehandelt haben, und zu Recht Schulen und Kitas weiter geöffnet halten, diesen Schritt bei den Museen nicht auch gewagt haben. Zumal man einer zunehmend gestressten und dünnhäutiger werdenden Gesellschaft damit eine wesentliche Möglichkeit nimmt, sich auch und gerade in dieser herausfordernden Zeit mit ästhetischen Inhalten auseinandersetzen zu können. Gerade hier wäre also chirurgische Feindifferenzierung am Platz gewesen, und nicht die vergleichsweise grobe Keule eines generellen Kultur-Lockdowns.“

In einer Gegenrede, ebenfalls in der WeLT (Paywall), vertritt Hans-Joachim Müller die Ansicht, dass die Museen sich das Freizeit-Label auch ein wenig selbst eingebrockt haben: „Dass Museen, wenn sie keine Gewinnwarnungen ausgeben wollen, auf die überwältigende Zahl spekulieren, verdenkt ihnen niemand. 250.000 bei Edward Hopper in Basel. Wirklich großartig. Ein Supererfolg vorbildlicher Museums- und Ausstellungspolitik. Aber was hat die sechsstellige Faszination mit Bildung zu tun? Hopper ist großes Kino. Und warum sollte das nicht sein dürfen? Also überhaupt kein Einwand. Aber dass die 250.000 lernhalber in die Fondation Beyeler geströmt sind, wäre doch eine verwegene Unterstellung. Mithin: Was ist so falsch daran, dass die Politik die Ausstellungseinrichtungen dem Freizeit- und Unterhaltungssektor zurechnet? Und was wäre an der Unterhaltung ehrenrührig?“

Unterschiedliche Stimmen zum Kultur-Lockdown hat Regine Müller für das Handelsblatt zusammengetragen, darunter auch die mäßigende von Ulrike Groos vom Kunstmuseum Stuttgart: „Ulrike Groos sieht allmählich die Gefahr der Verhärtung der Fronten und plädiert trotz der verständlichen Irritationen im Kulturbetrieb für eine Abrüstung in der Auseinandersetzung: 'Nun wird von der Politik zunehmend differenziert. Deshalb ist mir der Ton von einigen Vertretern der Kultur gerade zu hart und konfrontativ.' Ihr liegt an einem produktiven Dialog mit der Politik bei der Suche nach Lösungen. 'Denn die Politik darf nicht der Dauerwelle des Virus folgen, also: öffnen, schließen, wieder öffnen und schließen.'“

In der WeLT vom 8. November freut sich der Berliner Galerist Johann König zwar über die Behandlung von Galerien als Einzelhändler, dennoch beklagt er sich über mangelnde Würdigung: „Aufgrund ihres Hybrid-Charakters wurde Galerien aktuell die alleinige Verantwortung für die kulturelle Bildung, zumindest in der realen Begegnung mit Kunst, übertragen. Ich glaube aber kaum, dass das entsprechend gewürdigt werden wird. Wir nehmen diese Aufgabe unabhängig vom aktuellen Lockdown schon seit Jahren sehr ernst. Dennoch wird auf die Rolle der Galerien in der Kunstwelt immer noch herabgesehen.“

Den von Museumsseite geäußerten Unmut darüber, das Galerien als Einzelhändler weiter geöffnet bleiben dürfen, kann Christiane Meixner im Tagesspiegel vom 7. November nicht ganz nachvollziehen: „Dass Galerien auch in Zeiten der Pandemie den Dialog mit Malerei und Skulptur anbieten, hilft im Gegenteil. Mehr, als wenn die Kulturstätten sich nun untereinander das Recht auf jede weitere Öffnung absprechen; wenn die Museen (mit ihren meist festangestellten Mitarbeitern) neidisch auf eine Branche blicken, die in Covid-19-Zeiten um ihr Fortbestehen kämpft. In dieser Hinsicht nämlich sind Galeristinnen wie Galeristen – und ebenso lebende Künstlerinnen und Künstler – dem Einzelhandel wirklich ähnlicher: Sie müssen ihr Geld selbst erwirtschaften.“

Positive Aspekte versucht Daniel Völzke von Monopol der aktuellen Situation abzugewinnen, in der sich Galerien befinden: „Nur warum sind die Galerien trotz freien Eintritts so selten wirklich gut besucht? Vielleicht gelten sie fälschlicherweise immer noch als Tummelplatz von Reichen oder hochnäsiger Kuratoren, einschüchternd, wenn man nichts kaufen will oder kann. Doch auch wenn hier tatsächlich einige Konventionen und Codes gelten – viele landläufige Vorstellungen von Galerien sind bloße Klischees. Jetzt ist doch eine gute Zeit, diese Klischees zu überprüfen und (unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen) Galerien zu besuchen.“

Den Markt für Roentgen-Möbel testet Lempertz in Köln mit seiner Auktion am 13. November. Sabine Spindler hat sich die Offerte für das Handelsblatt angesehen: „Im Kunsthandel sind die Stücke bekannt. Der Unternehmer bot schon vor Jahren seine Sammlung in einem üppig fotografierten Katalog, dessen Copyright bei der erloschenen Beteiligungsgesellschaft Pretiosum aus Starnberg lag, potenten Marktteilnehmern an. Dass sich der Handel zurückhielt, hat Gründe. Die Zahl der Möbelsammler ist kleiner geworden, die Preise besitzen nicht mehr die Dynamik, um entsprechende Margen zu erzielen.“

Dem Toplos der Altmeister-Auktion bei Lempertz widmet Rose-Maria Gropp in der FAZ vom 7. November einen eigenen Artikel: „Die Erwartung für 'La fillette au braisier' (Mädchen, in ein Kohlebecken blasend) [von George de la Tour] liegt bei drei bis vier Millionen Euro. Laut Lempertz handelt es sich um das letzte Nachtstück des geheimnisvollen Malers – dem nur knapp mehr als vierzig erhaltengebliebene Originale zugeschrieben sind –, das sich noch in Privatbesitz befindet. Eingeliefert wurde die Rarität, als absolutes Spitzenstück, mit 21 weiteren Altmeistern aus der bedeutenden Sammlung des Luftfahrtunternehmers Hinrich Bischoff (1936 bis 2005).“

Den bei der Berliner Villa Grisebach zum Aufruf kommenden Nachlass des ehemaligen brasilianischen Botschafters in Deutschland Carlo Calábria hat sich Susanne Schreiber für das Handelsblatt angesehen: „Schwerpunkte liegen bei der konkreten und gestischen Kunst sowie bei nonkonformen Einzelgängern aus der DDR. Nach Ost-Berlin berufen wurde der Diplomat 1978 nach Stationen in Frankfurt und München. Was für andere wie eine 'Abschiebehaft' gewirkt hätte, war für den barocken Genussmenschen die bejubelte 'Ankunft in der inneren Heimat'. Natürlich begeisterte sich eine so imposante Gestalt wie Calábria nicht an sozialistischer Austerität. Wohl aber an den Gegenwelten in der Kunst.“

Wie es kommt, dass Rassismus und Klassismus trotz aller Bemühungen in US-amerikanischen Museen immer noch grassieren, versucht Laura Helena Wurth in der FAZ zu erklären: „Wer in New York Karriere an einem Museum machen möchte, muss erst einmal ein paar Jahre mit extrem niedrigen Gehältern durchstehen. Das schaffen meist nur Kinder aus wohlhabenden Familien. Entsprechend setzt sich die Kuratorenschaft zusammen. Es sind vor allem solche sozioökonomischen Faktoren, die kulturelle Institutionen prägen und bestimmen, wem sie zuhören, wessen Geschichten sie erzählen und letztendlich bewahren.“

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