Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Angeschlagen: Chinesischer Auktionsmarkt; Foto Stefan Kobel
16.11.2020 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 46 2020

Die Kontaktreduzierung werde auch nach Abflauen der Corona-Pandemie erhalten bleiben und den Kunstmarkt prägen, vermutet Christie's-Präsident Dirk Boll im Gespräch mit Gerhard Mack für die NZZ (Paywall oder kostenlose Registrierung): „Anders als bei einer Auktion, wo alle sitzen, lebt eine Kunstmesse davon, dass man ineinanderrennt und so ins Gespräch kommt. Das ist derzeit nicht möglich. Die Podiumsgespräche, die Messen angeboten haben, wurden zu Zoom-Talks, die man jederzeit abrufen kann. Das ist ein grosser Gewinn, wenn man sich 24 Stunden am Tag die tollsten Fachleute anhören kann. Zugleich gibt es keinen Grund mehr, ein Podium vom Frühjahr in New York im Oktober noch einmal ähnlich in London zu veranstalten. Es sind ja immer mehr oder weniger dieselben Akteure, und es ist auch keine Welt, in der wahnsinnig viel passiert.“

Ein Teil des Kunsthandels habe beim aktuellen Lockdown light noch einmal Glück im Unglück, glaubt Sebastian Preuss in der Weltkunst, denn „Ausstellungen der Galerien und die Vorbesichtigungen der Versteigerer sind die einzigen Kunstveranstaltungen, die es derzeit noch gibt. Gegenüber der Situation im Frühjahr ein deutlicher Fortschritt, auch wenn gerade unter den kleinen und mittleren Galerien viele Akteure schwer zu kämpfen haben und ernsthaft um ihr Überleben bangen müssen. Da ist das Hilfsprogramm von Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die mit 16 Millionen Euro Ausstellungen in Galerien fördert, eine wichtige Hilfe. Es wird manche Not lindern, aber insgesamt auch nicht ausreichen.“ Die Ausgestaltung des Hilfsprogramms kritisiert er jedoch: „Und eines ist völlig unverständlich: Warum wird ausdrücklich nur die Präsentation von Gegenwartskunst unterstützt? Ein fatales Zeichen.“

Wie sich die Aussteller auf eine virtuelle Art Cologne vorbereiten, erklärt Courtney Tenz von Artsy, dem Online-Partner der Messe.

Jetzt, da die Museen geschlossen sind, lassen sich die leerstehenden Räume ja für anderes nutzen. Was zunächst wie ein Witz klingt, ist teilweise schon Realität, wie einer dpa-Meldung unter anderem bei Monopol zu entnehmen ist.

Wer wissen möchte, warum die Regierung das öffentliche Leben lieber ein bisschen zu viel als zu wenig herunterfährt, sollte sich den Erfahrungsbericht des Berliner und Wiener Galeristen Markus Peichl bei Maischberger ansehen, der eine Covid19-Erkrankung knapp überlebt hat.

Als Hilfe zur Selbsthilfe versteht sich die von Holm Friebe von der Zentralen Intelligenzagentur und der Künstlerin Bettina Semmer initiierte „Direkte Auktion“ bei dem Berliner Auktionshaus Jeschke Van Vliet, die Elke Buhr in Monopol vorstellt: „Zwei Drittel der Erlöse kommen direkt den Bildenden Künstlern oder Einliefern zu Gute – auch für Galerien soll die Auktion eine zusätzliche Möglichkeit sein, Umsatz zu machen. Die Kuratorinnen und Kuratoren werden ebenfalls für ihre Tätigkeit bezahlt, haben aber natürlich auch die Möglichkeit, ihre Honorare zu spenden, genauso wie die Einlieferer. Außerdem wird ab einer bestimmten Summe der Vorgebote ein Solidaritäts-Pool geschaffen, aus welchem alle teilnehmenden Künstler und Künstlerinnen Geld erhalten, unabhängig vom Verkaufserfolg ihrer Werke.“

Eine weitere Künstlerinitiative mit ähnlicher Stoßrichtung aus Düsseldorf stellt Susanne Schreiber im Handelsblatt vor: „Damit das Publikum verdiente, zu Unrecht wenig bekannte Künstlerinnen und Künstler aus Düsseldorf wahrnimmt, wählten Schmidt und Staack 15 Kunstschaffende aus, die wiederum 15 weitere Kolleginnen und Kollegen benannten. In Zusammenarbeit mit Taifun Projects präsentiert 'Benefit for Artists' 30 Kunstwerke zwischen dem 23. November und dem 8. Dezember auf der gleichnamigen Website. Der Clou besteht im Verkaufspreis: Der kommt nicht nur einem, sondern allen Beteiligten zugute.“

Ein radikales Umdenken bei der Kunstförderung fordert Bazon Brock im Interview mit Sebastian C. Strenger in der Weltkunst (kostenlose Registrierung) : „Das Museum ist doch der Ort, an dem man lernen kann, durch die Arbeit mit diesen Objekten Gesichtspunkte der Unterscheidung zu entwickeln, um sie damit unterscheiden zu können, denn dadurch entsteht letztlich Bedeutung und am Ende der relevante Zusammenhang. Aber leider sind Museen heute bereits reine Kulturinstitutionen geworden. Sie kümmern sich ja mittlerweile gar nicht mehr um Wissenschaft und Kunst. Darum muss ich heute durch 18, 20 Galerien in Berlin schlendern, um zu sehen, was in der Kunstproduktion eigentlich gerade so gemacht wird. Und nur dadurch kann ich die neuen Gesichtspunkte zur Unterscheidung entdecken. Kurzum: Was wir heute im Museum sehen, ist Dreck, nämlich Geld!“

Der chinesische Auktionsmarkt sei bereits vor der Corona-Krise, im Jahr 2019, stark zurückgegangen, konstatiert der Artnet Global Chinese Art Auction Market Report, der hier heruntergeladen werden kann (PDF).

Während der Rest der Kunstwelt sich noch oder wieder weitgehend im Lockdown befindet, haben in Schanghai Kunstmessen stattgefunden, über die Eileen Kinsella und Nate Freeman für Artnet berichten: „Die Galerien profitierten auch von der Tatsache, dass es sich seit März um die erste große physische Messe weltweit handelte, so dass sie sich ihre Werke aussuchen konnten, da sie ihren Bestand nicht auf die Frieze, FIAC und andere Zeltmessen rund um den Globus aufteilen mussten. Die aufgestaute Nachfrage war gut für das Geschäft. Trotz des Mangels an reisenden Sammlern sagte [Zwirners Hongkong-Direktor Leo] Xu, dass die anwesenden Festland -Institutionen, wie z.B. das Long Museum, mehrere Werke kauften.“

Das Arbeitsklima bei der Pace Gallery muss einem Bericht von Zachary Small für Artnet zufolge so toxisch sein, dass das Unternehmen jetzt selbst externe Juristen gegen zwei leitende Mitarbeiter ermitteln lasse.

Victoria Siddall fällt die Karriereleiter hinauf und wechselt von der Spitze der Frieze-Messen ins Board, wo sie sich strategischen Aufgaben widmen werde, meldet Anny Shaw im Art Newspaper.

 

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