Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

8 Pfund für den Museumsbesuch im Internet: Artemisia Gentileschi in London
23.11.2020 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 47 2020

Messeabsagen und -verschiebungen protokolliert wie immer Artmagazine.cc, aktuell für die Art Basel Hong Kong und Frieze L.A.. Ob Letztere 2022 in die Paramount Studios zurückkehren werde, stehe allerdings in den Sternen, ist von Anny Shaw im Art Newspaper zu erfahren.

Irgendwie hat sich die Art Cologne dann doch noch ins Internet gequält. Dem Dargebotenen stellt Marcus Woeller in der WeLT allerdings ein vernichtendes Zeugnis aus: „Wie innovativ man Kunst digital anbieten, vermitteln und vermarkten kann, wird nämlich ein großes Thema der Branche bleiben, auch wenn Covid-19 besiegt werden kann. Gegen die energieintensive Reiselust der Kunstbranche und dem Transport ihrer Güter sprechen schließlich nicht nur gesundheitliche, sondern zunehmend auch ökologische Gründe. Im Angesicht dieser Ambitionen ist es ein für die Branche beunruhigendes Zeichen, wie lustlos sich Köln präsentiert. So schafft man sich als Kunstmesse ab.“ Ich habe mir den Internet-Auftritt der Art Cologne für das Handelsblatt angesehen.

Ohnehin scheinen Online-Messen überschätzt zu sein, erklärt Tim Schneider bei Artnet – zumindest in New York.

Als Highlight der virtuellen Art Cologne muss das Kölner Kunstversicherungsgespräch aus dem Begleitprogramm gelten. Das Video der Veranstaltung steht bei Youtube online. Thema der Podiumsdiskussion war die Staatshaftung. Das passte so gut zu den Schlagzeilen der Woche, dass es fast unheimlich war.

Die Spur des Einbruchs in das Grüne Gewölbe in Dresden führte die Ermittler nach... Neukölln – welch Überraschung! Clan-Kriminalität scheint in diesem Teil Berlins zur Folklore zu gehören. Nach fast genau einem Jahr hat die Polizei jetzt dort zugeschlagen und mit einem Großaufgebot einige Verdächtige festgenommen, wie fast allen deutschen Medien zu entnehmen war, so auch der WeLT: „Die Festgenommenen gehören laut Ermittlerkreisen dem Berliner Clan-Milieu an. Dies erfuhr auch die Deutsche Presse-Agentur. Ihr zufolge gehören die inhaftierten Männer der polizeibekannten Großfamilie Remmo an, die auch für andere große Straftaten verantwortlich gemacht wird. Dazu zählt beispielsweise der spektakuläre Diebstahl einer 100 Kilogramm schweren Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum. Die Staatsanwaltschaft wollte zunächst keine weiteren Angaben zur Identität der Männer machen. Ein Sprecher bestätigte aber, dass einer der Festgenommenen in der Tat wegen des Golddiebstahls im Bode-Museum verurteilt worden ist.“

Dabei könnte oder sollte einer der Festgenommenen wohl längst hinter Schloss und Riegel sein und zwar wegen des Einbruchs ins Berliner Bode-Museums und des Diebstahls von Spreizwerkzeugen, wie sie in Dresden verwendet wurden, erläutert Ole Köning in der BZ.

Verena Mayer hält das Ganze in der Süddeutschen Zeitung eher für eine Posse: „Nach der Razzia vom Dienstag lobte sich die Berliner Politik für ihr erfolgreiches Durchgreifen, der SPD-Politiker Tom Schreiber sprach sogar von einem 'Festakt gegen die Clan-Kriminalität'. Im Fall von Wissam R. stellt man jedoch fest, dass möglicherweise das Gegenteil zutrifft. Ein bayerischer Amtsrichter, der einmal mit Wissam R. zu tun hatte, drückte es so aus: Wie die Berliner Justiz Wissam R. behandelt habe, zeuge 'von großer Milde'.“

Immerhin glaubt Marion Ackermann, Generaldirektorin der Dresdner Kunstsammlungen im Gespräch mit Swantje Karich für die WeLT nicht an eine Wiederholung: „Dass diese Form des Einbruchs noch einmal gelingt, können wir ausschließen. Ganz sicher. Wir werden zum Jahrestag des Einbruchs, also am 25. November 2020, der Politik ein umfangreiches Papier vorlegen, in dem wir unsere Aufarbeitung und die daraus resultierenden Konsequenzen vorstellen.“

Wenn die Museen aus dem Einbruch eine Lehre ziehen, tun sie das wohl nicht öffentlich, hat Susanne Schreiber für das Handelsblatt erfahren: „Alle weiteren Nachfragen nach den Lehren aus dem Raub im Grünen Gewölbe lässt der freundliche Geschäftsführer [des Museumsbunds] aus der französischen Schweiz ebenso unbeantwortet wie die Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden.“

Warum das Dresdener Geschmeide nicht versichert war, erklärt der Kölner Kunstversicherungsmakler Stephan Zilkens im Gespräch mit Stefan Dege für die Deutsche Welle: „300.000 bis 500 000 Euro Prämie, nicht nur für den Schmuck, sondern auch für die Sixtinische Madonna und all die tollen Dinge, die in Dresden hängen. Dann hätten sie bei einem Teilschaden Geld für Restaurierung und bei einem Totalschaden Geld für das Objekt erhalten. So etwas macht die Situation schon leichter - meines Erachtens.“

Die Corona-Hilfen für den Kulturbereich scheinen bei Promis versickert zu sein, was zu öffentlichen Protesten geführt habe, woraufhin das Programm vorerst gestoppt worden sei, berichtet Naomi Rea bei Artnet.

Über ein Drittel der Museen in den USA hätten einer Umfrage zufolge im Schnitt über ein Viertel ihres Personals aufgrund der Corona-Pandemie entlassen, fasst Nancy Kenney die Ergbenisse einer Umfrage für das Art Newspaper zusammen.

Die National Gallery berechne neuerdings 8 Pfund für einen geführten Besuch der Artemisia Gentileschi-Ausstellung – im Internet. Gareth Harris berichtet im Art Newspaper.

Ganz gut liefen die Geschäfte aktuell, gesteht Galerist David Zwirner freimütig im Interview mit Nicola Kuhn für den Tagesspiegel: „Die Kunden haben trotzdem Kunst gekauft. In den letzten drei Monaten lief das Geschäft fast normal. Wir haben mehrere Ausstellungen ausverkauft: Luc Tuymans in Hongkong, Oscar Murillo in Paris. Für ernsthafte Sammler bietet ein schwieriger Markt Chancen. Es werden Werke angeboten, auf die sie sonst lange warten müssen. Die Investoren, sprich: die Spekulanten, sind derzeit weg. Mit denen arbeiten wir ohnehin nicht. Mich hat trotzdem überrascht, wie stark das Interesse gerade der asiatischen Sammler war. China, Indonesien, Taiwan, Singapur, die ganze Region, war besonders aktiv.“ Alles keine Investoren, die Asiaten.

Um Berlin sei es gar nicht so schlecht bestellt, ist eine der Erkennstnisse, die Daniel Völzke bei Monopol aus der Galerienstudie des IFSE von Hergen Wöbken zieht: „Nach dem Ende der Kunstmesse Art Berlin und nach dem angekündigten und vollzogenen Abgang von Sammler*innen wurde die Kunststadt Berlin von den Zeitungen in den Krisenmodus geschrieben. Was den Kunstmarkt betrifft, stimmt das so nicht: 40 Prozent des deutschen Umsatzes wird immer noch in der deutschen Hauptstadt gemacht, allerdings kaum mit Käufer*innen aus der Stadt (12 Prozent), sondern mit zumeist internationalen Kundinnen und Kunden. Berliner Galerien stellen ungefähr die Hälfte der rund 3000 deutschen Arbeitsplätze in Galerien. Die an der Umfrage teilnehmenden Berliner Galerien waren übrigens im Durchschnitt 18 Jahre alt. Die Berliner Kunstwelt ist erwachsen geworden.“ Die Studie kann hier (PDF) heruntergeladen werden.

Dass und warum eine verwendete Titelzeichnung für ein Tim und Struppi-Album bei einer Auktion von Artcurial in Paris zu Recht wohl einen Millionenbetrag bringen wird, erlärt FAZ-Literaturredakteur und Ehren-Donaldist Andreas Platthaus: „Um den Höchstpreis für ein Comickunstwerk generell zu erreichen, müsste aber ein wildes Bietgefecht entbrennen, denn 2019 wurden für ein Umschlagbild, das der amerikanische Fantasyzeichner Frank Frazetta 1969 für das Comicmagazin 'Eerie' gezeichnet hat, umgerechnet fast fünf Millionen Euro bezahlt. Das Interesse an solchen Cover-Zeichnungen erklärt sich aus dem grafischen Aufwand, mit dem sie gestaltet wurden, um möglichst viele Kioskkäufer anzulocken. Das hatte 1936 auch Hergé mit seinem opulenten Bild im Sinn. Gedacht war es für die Albenausgabe von 'Der blaue Lotus', das fünfte 'Tim und Struppi'- Abenteuer [...]. Es gilt als Meilenstein in der Karriere Hergés, weil er darin nicht nur als erster Europäer Einflüsse der besten amerikanischen Comiczeichner seiner Zeit aufnahm, sondern mit dieser Episode auch begann, akribische Recherchen zu Handlung und Dekors zu betreiben, die aus dem vorherigen Action-Vehikel 'Tim und Struppi' eine Serie mit Tiefgang machten."

Bisweilen verwundert es schon, welche Selbstverständlichkeiten im Kunstmarkt immer noch nicht überall angekommen zu sein scheinen. Aktuell gibt ein Gerichtsurteil aus Düsseldorf Anlass zum Kopfschütteln, von dem dpa berichtet, nachzulesen unter anderem im Jura-Portal beck aktuell: „Das Gericht befand, der Kunsthändler hätte die Echtheit des Bildes vor dem Verkauf genau prüfen müssen. Weil er dies nicht getan habe, habe die Klägerin Anspruch auf Rückabwicklung. Nach eigenen Angaben hatte er den 'Uecker' vom Sohn eines Kunst-Spediteurs für 6.000 Euro gekauft und gehofft, es in seiner Galerie für bis zu 45.000 Euro verkaufen zu können.“ Dass der Kunsthändler trotz des branchenbekannten Falls seinen Verkauf nicht rückabwickeln wollte und dafür sogar vor Gericht zog, zeugt von außerordentlicher Chuzpe.

Einer der Präsidenten der Pace Gallery ziehe laut Zachary Small bei Artnet die Konsequenzen aus dem Skandal um die Arbeitsbedingungen bei der Mega-Galerie und nehme auf unbestimmte Zeit Urlaub.

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