Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Miami ohne Basel; Foto Stefan Kobel
07.12.2020 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 49 2020

Eine wahre Fundgrube an Einsichten und Einblicken bildet das Kunstmarkt-Special von Politik und Kultur, der Zeitschrift des Deutschen Kulturrats mit Texten und Interviews von und mit unter anderen Anita Beckers, Meike Behm, Christian Boros, Diandra Donecker, Harald Falckenberg, Meike Hopp, Leiko Ikemura, Kristian Jarmuschek, Rupert Keim, Stefan Kobel, Johann König, Jacob Pabst, Linde Rohr-Bongard, Oliver Scheytt, Ewald Karl Schrade, Birgit Maria Sturm, Tobias Timm, Hergen Wöbken und Olaf Zimmermann. Das komplette Heft kann hier als PDF heruntergeladen werden.

James Murdoch sei am Ziel und könne jetzt das Ruder bei der Art Basel-Mutter MCH Group übernehmen, meldet Taylor Dafoe bei Artnet. Die Pressemitteilung der Messegesellschaft ist hier nachzulesen.

Wie sich eine Art Basel Miami Beach ohne Art Basel Miami Beach anfühlt, hat Nate Freeman für Artnet im Selbstversuch erkundet: „Und doch hat die Natur einen Weg gefunden. Einige wenige Händler aus New York oder sogar aus Europa und Südamerika haben es gewagt, ihre Waren persönlich an die Zugvogel-Milliardäre zu verkaufen. Es gibt Events im Freien, von Künstlerprojekten in Hotellobbys bis hin zu leerstehenden Ladengeschäften, die für Performances genutzt werden. Die Museen sind geöffnet, und kunsthungrige Einheimische schlendern gerne durch das Perez Museum. Und die Geschäfte werden immer noch im richtigen Leben (IRL) gemacht. Einige abenteuerlustige Galeristen sehen darin die erste Gelegenheit, die Dynamik des Kunstmarktes wieder zu beleben, sofern Vorkehrungen getroffen werden. Solange sie vor kurzem getestet wurden, werden diese Galeristen sogar in den Häusern und Museen selbst der älteren Sammler der Region willkommen geheißen.“

Sehr ausführlich beschäftigen sich Yadira Lopez, Andres Viglucci, Rebecca San Juan und Rob Wile für den Miami Herald mit den Auswirkungen des Ausfalls der Art Basel in diesem Jahr auf die Kunstszene in Miami und lassen dabei unterschiedlichste Stimmen zu Wort kommen: „Die Absage der Art Basel ist ein Glück im Unglück - ein Reset-Schalter, der es ermöglicht, das Rampenlicht auf die lokale Kunstszene Miamis zu richten, anstatt durch die internationale Messe überstrahlt zu werden.“

Eine Gelegenheit zum Bullshit-Bingo bietet derweil der Jubel-Bericht von Maximilíano Durón und Angelica Villa bei Art Market Monitor über die Online-Ausgabe der Art Basel Miami Beach: „bullish start, flurry of sales, numerous sales across the board“ etc. pp. Alles offensichtlich zusammengestellt aus den Verkaufsmeldungen der teilnehmenden Galerien. Verirrungen dieser Art verdeutlichen sehr gut das Problem der meisten Internet-Plattformen: Diese Art von Wortgeklingel stammt von denselben Autoren, die oft auch durchaus ernstzunehmende Analysen verfassen. Es bleibt dann der Sachkenntnis der Leser überlassen, Journalismus von PR zu unterscheiden.

Frieze – die Messe, nicht die Zeitschrift – habe sich einen permanenten Showroom in London zugelegt, meldet Sarah Cascone bei Artnet.

Die französische Auktionsplattform Interencheres sei auf Expansionskurs, meldet Olga Grimm Weissert im Handelsblatt: „Ursprünglich als Informationsplattformen für Auktionshäuser Ende der 1990er-Jahre gegründet, werden beide Unternehmen parallel weitergeführt. Dabei profitiert Auction.fr mit seinen 430 Auktionspartnern von der technischen Kapazität und Kommunikation von Interencheres, das seit 2011 auch Live-Auktionen durchführt. [...] Interencheres kann wegen des Lockdowns mit seinen Online- und Live-Versteigerungen für das Jahr 2020 eine Umsatzsteigerung von 69 Prozent melden sowie einen Jahresumsatz von mehr als 300 Millionen Euro.“

Auch kleinere Auktionshäuser scheinen sich im pandemischen Umfeld gut zu behaupten, wie dem Bericht Christian Herchenröders über die Versteigerung bei Bassenge in Berlin für das Handelsblatt zu entnehmen ist: „'Corona-bedingt war die Aktivität der per Telefon und Internet zugeschalteten Bieter etwa dreimal so hoch wie zu Vor-Corona-Zeiten', bilanziert David Bassenge. Diesmal war es allerdings nicht das weniger elitäre Angebot an Altmeistergrafiken, sondern es waren die Zeichnungen, die Gebote aus aller Welt generierten. 'Hier war die Dichte der Gebote sehr hoch. Die Handzeichnungen brachten das stärkste Ergebnis von rund einer Million Euro. Das war die erfolgreichste Zeichnungsauktion im deutschsprachigen Raum', resümiert der Bassenge-Chef zufrieden. Sammler aus den USA, England, Frankreich, den Niederlanden und Deutschland waren aktiv.“

Licht und Schatten hat Michaela Nolte in den Ergebnissen der Berliner Villa Grisebach für den Tagesspiegel ausgemacht: „Durchwachsen fällt das Resümee der Ausgewählten Werke aus. Zwar konnte das Gros der insgesamt 57 Los-Nummern meist im Rahmen der Erwartung verkauft werden, gleichzeitig aber musste das Auktionshaus Rückgänge von Lyonel Feininger, Max Ernst oder Alexej von Jawlensky im höheren sechsstelligen Bereich verbuchen. Einmal mehr fehlten bedeutende Werke der klassischen Moderne. Da sorgt dann immerhin eine Studie von René Magritte für Aufsehen. Die kleine Gouache auf Papier „Le domaine enchanté“ ist typisch für den belgischen Surrealisten und konnte einen US-Sammler überzeugen, der inklusive Aufgeld 500 000 Euro bewilligte.“

Mit Blicken in Auktionskataloge bestreitet die FAZ ihren Kunstmarkt. Rose-Maria Gropp widmet sich dabei ausführlich einem Balthus-Nachlass, der bei Artcurial in Paris versteigert wird: „Dieses Konvolut, das nun in Paris zerstreut wird, ist keines, das als Ganzes hätte erhalten werden müssen. Balthus’ Schaffen ist bestens dokumentiert in seinem Werkverzeichnis. Nicht wenige der Lose bei Artcurial werden die Anhänger seiner Kunst mobilisieren; entsprechend hoch sind die Bewertungen. Wer sich freilich voyeuristisches Futter erhofft, darf enttäuscht sein. Und wie immer das Schaffen dieses Künstlers, der am 29. Februar 1908 geboren und am 18. Februar 2001 verstorben ist, einzuschätzen ist: Balthus bleibt einer der bedeutenden Maler des zwanzigsten Jahrhunderts.“

Ein Portrait der Kunstszene in Bangkok zeichnet Roman Hollenstein in der NZZ: „Noch aber leiden selbst die wenigen nach westlichem Vorbild operierenden Galerien darunter, dass seit dem Lockdown im März keine Ausländer mehr ins Land gelassen werden. Zwar nahm die CityCity Gallery den Ausstellungsbetrieb schon im Sommer wieder auf und zeigt nun passend zur Kunstbiennale das fast schon weihnachtlich anmutende 'Monument of Hope' von Alex Face. Doch die Nova Contemporary Gallery drosselte ihr Ausstellungstempo, während die 100 Tonson Gallery, die 2011 als bisher einzige Galerie des Landes an der Art Basel teilnahm, noch immer nur online tätig ist. Das alles zeugt von einer verbreiteten Unsicherheit, welche die thailändischen Kunstkenner jedoch nicht davon abhält, weiterhin an das Potenzial der Bangkoker Szene zu glauben.“

Von einer virtuellen Tagung zum staatlichen Kunstraub der DDR berichtet Nicola Kuhn im Tagesspiegel: „Allerdings sei das Thema kaum im alten Westen angekommen, schränkte er [Gilbert Lupfer, Vorstand des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste] ein. Die Verwicklungen der dortigen Händler, Sammler, Museumsdirektoren blieben unterbelichtet. Das ist 30 Jahre nach der Wiedervereinigung ein deprimierendes Ergebnis. Der Kunstentzug in Dresden, Leipzig, Halle bleibt damit vorerst weiterhin ein Kapitel allein der DDR. Nur wenige Spuren führen nach draußen, ja in den internationalen Handel“.

Sowjetische Beutekunst wiederum ist immer noch ein Streitpunkt zwischen Deutschland und Russland. Silke Bigalke und Sonja Zekri zeigen in der Süddeutschen Zeitung Verständnis dafür, dass die Wissenschaft sich darum bei der Ausstellungsorganisation wenig schere: „'Eisenzeit' ist nach den 'Merowingern' 2007 und der 'Bronzezeit' die dritte Ausstellung mit Exponaten aus deutschen Museen und Beutekunst aus russischen Museen. Die deutschen Kooperationen kann man resignativ finden oder sogar als Legitimierung der unerträglichen russischen Gewaltpolitik. Deutsche Weicheierei, wieder mal. Man kann sie aber auch mit den Augen der Wissenschaft betrachten, und dann verschiebt sich einiges. Anton Gass ist Archäologe im Museum für Vor- und Frühgeschichte, aus dem die meisten Beutekunst-Objekte der 'Eisenzeit'-Schau stammen. Er sieht vor allem Möglichkeiten: den Zugriff auf Objekte, deren Verbleib jahrzehntelang nur einer Handvoll sowjetischer Experten bekannt war und nicht gezeigt oder erforscht wurden. Sich der gemeinsamen 'Eisenzeit'-Ausstellung zu verweigern, sagt Gass, das wäre, 'als würden wir unsere eigene Geschichte vernichten'.“ Die Argumentation verweist eindrücklich darauf, dass Ausstellungen eben nicht nur massentaugliche Events à la „Von Monet bis Picasso“ sind, sondern auch der Forschung dienen – ein Umstand, der beim Starren auf Besucherzahlen gerne vergessen wird.

Mit reiner Datenanalyse sei den Gründen für das Geschlechterungleichgewicht auf dem Kunstmarkt nicht beizukommen, resümieren Julia Halperin und Tim Schneider ihre Recherchen bei für Artnet.

Die Kunstwelt ist ein utopischer Planet, in dem quasi Gerechtigkeit herrscht! Die aktuelle Power 100 von Artreview beweist es. Von den 100 Rängen, die Einzelpersonen, Gruppen; Kollektive und ein Hashtag einnehmen sind nur noch 43 Plätze von Männern belegt, mit 39 von fast ebenso vielen Frauen und rein weiß sind lediglich noch 41 Positionen. Spiegelt diese Liste tatsächlich die wahren Verhältnisse, oder ist sie selbst Teil des Ringens um die Deutungshoheit? Nicht ganz ins Bild passt lediglich, dass fast ein Viertel der Gelisteten den USA zugeordnet ist – und da sind die Ränge 1 (Black Lives Matter) und 4 (#MeToo) noch nicht einmal eingerechnet.

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