Kobels Kunstwoche

Kommentierte Presseschau zum Kunstmarkt - Jede Woche neu

Am Flughafen vergessen: Gemälde von Yves Tanguy; Foto Polizei Düsseldorf
14.12.2020 06:00 Uhr

Kobels Kunstwoche 50 2020

Das staatliche Programm Neustart Kultur und ihre eigene Arbeit lobt die Kulturstaatsministerin laut einem dpa-Bericht, nachzulesen unter anderem in der Süddeutschen Zeitung: „Nun müsse mit zusätzlichen Mitteln nachjustiert werden. 'Aber wir müssen nichts Neues erfinden. Das Programm und der Verteilmechanismus funktionieren - in vergleichsweise kurzer Zeit - wirklich sehr gut', sagte Grütters. 'Wir bringen die Hilfen sehr schnell zu den Betroffenen, die das jetzt dringend brauchen. Aber das Geld reicht nicht. Es ist absehbar, dass höhere Mittel gebraucht werden, als wir das im Sommer erwartet haben.'“

Nicht ganz so zufrieden mit den staatlichen Hilfen für die Kultur ist Berlins Kultursenator Klaus Lederer im Gespräch mit Julius Betschka und Sabine Beikler für den Tagesspiegel: „Ich habe etwas sarkastisch über die Forderung des SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz lachen müssen, der sich um Kulturschaffende in der zweiten Jahreshälfte 2021 kümmern will – aber die Novemberhilfe nicht vor Januar auszahlen kann. Künstlerinnen und Künstler haben jetzt Probleme, die auch jetzt gelöst werden müssen. Aber, wenn Herr Scholz schon so weit vorausdenkt, könnten wir auch darüber reden, die großen Gewinner der Verhältnisse vor der Pandemie an den Kosten zu beteiligen.“

Was Milliarden an Risikokapital nicht richtig haben in Schwung bringen können, schafft jetzt die Corona-Pandemie: Der Kunstmarkt im Internet nimmt nachhaltig Fahrt auf, so das Fazit des Hiscox Online Art Trade Report.

Eine neue Online-Plattform mit dem Titel Credit X, die jungen Galerien und Off-Spaces in London zu größerer Sichtbarkeit verhelfen will, scheint auf der Insel derartiges Neuland zu betreten, dass sie unter anderem Gareth Harris im Art Newspaper und Artreview einen Artikel wert ist.

Wie reiche Millenials den chinesischen Kunstmarkt umkrempeln, erklärt Aaina Bhargava für die in Hongkong erscheinende South China Morning Post: „Heute gibt es in China scheinbar ebenso viele junge Sammler wie junge Künstler, die zur Fudai, der 'wohlhabenden zweiten Generation', gehören, die in der Post-Reform-Gesellschaft des Landes aufwächst. Chinas Kunstmarkt ist heute der drittgrößte der Welt - nach dem der Vereinigten Staaten und Großbritanniens - und gleichzeitig der am schnellsten wachsende. Die schnell wachsende Zahl von Sammlern - mit noch schneller wachsenden Sammlungen - hat zu dieser Ausbreitung von privat finanzierten Museen geführt, deren Geschmack von Blue Chips wie Picassos und Monets bis hin zu chinesischen Meistern wie Zao Wou-Ki und Wu Guanzhong reicht.“

Der asiatische Kunstmarkt scheint sich schneller zu erholen, liest Barbara Kutscher für das Handelsblatt aus den Ergebnissen der drei großen Auktionshäuser: „Diese letzte New Yorker Versteigerungsrunde der drei führenden Häuser Christie‘s, Sotheby‘s und Phillips warf auch ein Schlaglicht darauf, wie unterschiedlich sie auf den gegenwärtigen Markt reagieren. Aber allen ist gemeinsam: Sie setzen auf den schon wieder erstarkten asiatischen Markt. Laut einer aktuellen Analyse des Londoner Marktforschers ArtTactic hat Hongkong inzwischen London als zweitgrößter Markt für Zeitgenossen überholt.“

Auf Dauer wird der nicht renditegetriebene Teil des Kunstmarkts seine Virtualisierung wohl nicht durchhalten können, lässt sich dem Bericht von Chritstof Habres in der Wiener Zeitung entnehmen: „'Virtuelle Kunstmessen funktionieren nur, wenn wir parallel intensiv mit Sammlern kommunizieren und gezielt auf Werke aufmerksam machen', erzählt die Galeristin Ursula Krinzinger im Gespräch mit der 'Wiener Zeitung'. Und das rund um die Uhr: Die virtuellen Messestände in Miami waren 24 Stunden zugänglich. 'Meine Mitarbeiter haben in drei Schichten Anfragen beantwortet, mit Sammlern direkt gechattet und sich um Abwicklungen gekümmert', unterstreicht die Doyenne der heimischen Galerienszene den persönlichen Aufwand. Es hat sich für Ursula Krinzinger, die jährlich zehn bis zwölf internationale Messen bespielt, bewiesen, dass Kunstmessen in der Virtual Reality nur bedingt funktionieren. Bei allen oft oberflächlichen Ausformungen diverser Messen werden der Live-Charakter, das Treiben und das kulturell-künstlerische Umfeld des Veranstaltungsorts essenzieller Teil des (Verkaufs-)Erfolgs bleiben.“

Die Wiener Kunstmesse Viennacontemporary ist wieder führungslos, meldet Almuth Spiegler in der Presse: „Nach nur zwei Jahren als Direktorin verlässt Johanna Chromik die führende Wiener Messe für zeitgenössische Kunst […] Zuletzt wurde in der Wiener Galerienszene Unmut über die Messeführung laut, einige wichtige Galerien nahmen bei der Corona-Ausgabe heuer nicht teil.“ „Bis Q1 2021“ werde über die Nachfolge entschieden, heißt es in einer Pressemitteilung (PDF) . Die neue künstlerische Leitung wird also wohl noch weniger Zeit haben für Akquise und Richtungsentscheidungen wie die alte bei ihrem Antritt.

Kunstverkauf im Hotel kann so oder sein. Aus Wien berichtet Werner Remm für Artmagazine.cc . Dort „haben sich nun 13 Galerien zusammengeschlossen und ein kleines, sehr spezielles Messeformat entwickelt. Vom 28. bis 31. Jänner 2021 präsentiert jede Galerie jeweils eine künstlerische Position. Jedes Kunstwerk oder Installation wird außerdem in einer vom Museum für angewandte Kunst zur Verfügung gestellten historischen Ausstellungsvitrine präsentiert. Stattfinden wird die Messe - dem Namen entsprechend - in den Konferenzsälen des Hotel InterContinental.“ Das Düsseldorfer Hyatt Jan Wellem hingegen scheint sich einem Bericht von Jana Stegemann für die Süddeutsche Zeitung eher darauf zu verlassen, dass seine Gäste mehr Geld als Geschmack haben: „So gibt es im Hotel einen 'Art Concierge', in Deutschland mutmaßlich einzigartig. Der gelernte Galerist kümmert sich mit einem Team um die Ausstattung der Hotelflure, der verschiedenen 'Art Suites', in denen aktuell zeitgenössische Kunst von Julian Schnabel, Leon Löwentraut, HA Schult und Dieter Nuhr hängen. Und er kuratiert wechselnde Hotel-Ausstellungen und organisiert für Gäste individuelle Führungen durch Düsseldorfs Museen und Galerien.“ Ungeklärt bleibt in dem Text, was ein „gelernter Galerist“ sein soll.

Weltrekord für Georges de la Tour bei Lempertz in Köln: „In einem fünfminütigen Bietgefecht beteiligten sich drei Bieter, darunter zwei ausländische Museen“, notiert Susanne Schreiber im Handelsblatt. „Den Sieg trug beim Hammerpreis von 3,6 Millionen Euro (Zuschlag ohne Aufgeld) ein Museum davon, das ungenannt bleiben möchte. 'So etwas Teures habe ich noch nicht verkauft,' entfuhr es Auktionator Henrik Hanstein nach dem Zuschlag. Der Siebzigjährige kann auf rund 50 Jahre Erfahrung zurückblicken, denn er hatte das Familienunternehmen jung übernommen.“ Ebenfalls im Handelsblatt ordnet Christian Herchenröder die Bedeutung der Veranstaltung ein: „Dass für nur 20 Bilder über 8 Millionen Euro eingenommen wurden, ist ein im deutschsprachigen Raum seltenes Ereignis. Diese Summe ist normalerweise der Erlös für mehrteilige Auktionen mit Alter Kunst und Kunstgewerbe. Hier zeigt sich, dass der Altmeistermarkt immer dann seine Stärke zeigt, wenn es um marktfrische Sammlungen geht und darin auch wieder um Einzelwerke, die den Hunger nach Rarissima und Bilderbuchbildern stillen.“ Sogar in den Art Market Monitor, in den Observer und das Art Newspaper hat es die Lempertz-Auktion dank des Rekordwerks geschafft.

Die Nase vorn hat allerdings wieder einmal Ketterer aus München. Von der Auktion mit Beständen der Deutschen Bank berichtet Sabine Spindler im Handelsblatt: „Angesichts eines Verlustes von 5,7 Milliarden Euro im Jahr 2019 dürften die Einnahmen aus dieser Auktion trotz stattlicher Erlöse für die Deutsche Bank lediglich die viel zitierten Peanuts sein. Die Veräußerung von expressionistischen Werken bei Christie´s und von Nachkriegskunst und Arbeiten der 1970er-Jahre bei Ketterer in München signalisiert vielmehr einen Werte- und Imagewandel, den das globale Unternehmen durch die Umstrukturierung seiner Sammlung erreichen will.“ In einer Pressemitteilung beanspricht das Unternehmen mit einer „Summe von rund € 60 Millionen für das gesamte Jahr 2020 ebenfalls zum wiederholten Mal Platz 1 im deutschen Kunstversteigerer-Ranking. Damit bewegt sich das Haus – trotz Corona – auf dem Rekordniveau der letzten beiden Jahre. Mit insgesamt 126 Ergebnissen im sechsstelligen Bereich wurde sogar die bisherige Rekordmarke von 114 übertroffen. Zudem tragen drei Erlöse jenseits der magischen Millionen-Euro-Marke sowie zahlreiche Weltrekorde zum ausgezeichneten Gesamtbild bei.“

Eine Koordinierungsstellle zur Provenienzforschung gönnt sich das Land Nordrhein-Westfalen, ist einer dpa-Meldung, nachzulesen unter anderem bei Monopol, zu entnehmen: „Die Stelle wird zunächst für drei Jahre mit insgesamt 1,2 Millionen Euro ausgestattet. Mit dem Geld sollen nach Angaben einer Ministeriumssprecherin insgesamt fünf Stellen finanziert werden, darunter zwei für Volontäre.“ Das ging aber schnell – nur 75 Jahre nach Kriegsende.

Ein am Flughafenschalter in Düsseldorf „vergessenes“ Gemälde von Yves Tanguy im Wert von 280.000 Euro landet im Altpapier-Container. Zumindest die Fakten scheinen zu stimmen: Die Pressemitteilung stammt von der Polizei selbst.

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